Serie Bahnprojekt

Die Arbeiter stehen in den Startlöchern

ICE-Strecke: Christian Pichler kümmert sich um die komplizierte Technik der Tunnelvortriebsmaschine

Christian Pichler auf der Tunnelvortriebsmaschine am Portal Aichelberg, die derzeit noch still steht.Foto: Jean-Luc Jacques
Christian Pichler auf der Tunnelvortriebsmaschine am Portal Aichelberg, die derzeit noch still steht.Foto: Jean-Luc Jacques

Aichelberg. Eigentlich ist alles startklar – das zumindest ist der Eindruck, den Außenstehende schon seit Längerem haben. Die große

Tunnelvortriebsmaschine auf der Baustelle für die ICE-Neubaustrecke bei Aichelberg ist seit November fertig aufgebaut. Im vergangenen Jahr hieß es zunächst, dass sie noch vor Weihnachten zum Einsatz kommt. Doch es rührte sich nichts – bis heute.

Woran der momentane Stillstand liegt, ist unklar. Dem Teckboten liegen dazu unterschiedliche Informationen vor: Zum einen heißt es, dass an dem riesigen Bohrgerät noch „Feinjustierungen“ nötig sind; zum anderen war zu erfahren, dass scheinbar noch gewisse Genehmigungen ausstehen.

Eines jedenfalls ist sicher: Die Arbeiter auf der Baustelle können es kaum abwarten, bis es endlich losgeht. Auch Christian Pichler steht in den Startlöchern. Mit einem weiteren Maschinenmeister ist er für die Wartung und den Unterhalt der Tunnelvortriebsmaschine zuständig. Seine Arbeit kommt also erst so richtig in Fahrt, wenn „Käthchen“ loslegen darf.

Die Hydraulik der „fahrenden Fabrik“, wie Christian Pichler sagt, wird derzeit jeden Tag gestartet, „damit alles perfekt geschmiert ist“ und das Kühlwasser nicht einfriert. Außerdem wird der Bohrkopf alle zwei Tage gedreht. „Die Elektrokästen sind beheizt, damit kein Kondenswasser entstehen kann“, erklärt der Maschinenmeister weiter. Die Elektronik sei sehr empfindlich und müsse vor Kälte geschützt werden. Vorsichtshalber sind Teile der Maschine zudem mit Planen und Holzplatten abgedeckt.

Christian Pichler kommt aus Kärnten, ist Vater einer vierjährigen Tochter und Spezialist in Sachen Tunnelvortriebsmaschine. „Ich habe als Schlosser angefangen, später den Schlossermeister gemacht und dann den Maschinenmeister“, erzählt er. Bei ihm zu Hause gebe es vor allem Arbeitsplätze im Tourismusbereich, was für ihn nicht infrage kam. Auch als normaler Schlosser wollte er seine Brötchen nicht verdienen – „das wäre mir zu wenig Action“. Deshalb kam er schnell zum Tunnelbau. „Ich wusste auch, dass es hier gutes Geld zu verdienen gibt.“

Seit etwa sieben Jahren werden zahlreiche Tunnel mit Tunnelvortriebsmaschinen gebaut, informiert der Experte. Davor haben man ausschließlich auf konventionellen Sprengbetrieb gesetzt. Generell gibt es noch nicht allzu viele Leute, die sich mit dem recht komplizierten Bohrgerät auskennen, ergänzt Christian Pichler. 2003 hatte er sich in die Materie eingearbeitet und „sich stark reingekniet, damit ich das ganze System verstehe“. Mit seinem Wissen ist er heute ein gefragter Mann: Neben Österreich und Deutschland war er auch in Italien und der Schweiz tätig; sein bisher größtes Projekt war in Singapur, wo er zusammen mit Frau und Kind eineinhalb Jahre verbrachte. „Dort waren fünf etwas kleinere Tunnelvortriebsmaschinen im Einsatz. Sie hatten dieselbe Technik wie die Maschine am Boßlertunnel“, erzählt der 40-Jährige von der Herausforderung.

Diese steht ihm auch in den kommenden Monaten bevor: „Wenn die Maschine läuft, müssen wir schauen, dass sie gute Einsatzzeiten hat“ – sprich: Es sollte möglichst nichts kaputt gehen; dass die Maschine wegen eines Defekts still steht, wäre der Worst Case. „Wenn dies aufgrund schlechter Wartung passiert, bekomme ich eins auf den Deckel“, sagt Christian Pichler schmunzelnd. Sein Motto lautet: „Vorsorgen ist besser als heilen“. Er möchte Komplikationen schon dann auf den Grund gehen, bevor sie zum großen Problem ausarten. Und er will mögliche Reparaturen „mit den eigenen Leuten“ schaffen und nicht jemanden vom Hersteller holen müssen“.

Zehn bis zwölf Arbeiter werden auf der Maschine tätig sein, wenn sie sich in den Berg frisst. Insgesamt bekommen die Besucher auf der Aussichtsplattform die „Fabrik“ nur wenige Tage in Aktion zu Gesicht, dann verschwindet sie im Berg. Innerhalb von 24 Stunden schafft sie im Durchschnitt zwischen 20 und 22 Meter Tunnel, sagt Christian Pichler, der tagsüber arbeitet, nachts aber in Bereitschaft sein muss. Die Nächte verbringt er, wenn er nicht gerade zu einem Problem auf der Baustelle gerufen wird, in einer Pension in Zell unter Aichelberg.

Von der Region hat er übrigens noch nichts gesehen – er hat schlichtweg keine Zeit dafür, denn er muss sich auf der Baustelle um alles kümmern, was mit Technik zu tun hat. Und das ist nicht gerade wenig. Das Herzstück ist aber natürlich auch für ihn die Tunnelvortriebsmaschine, die hoffentlich demnächst loslegt . . .

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