Serie Bahnprojekt

Sekt für Sibylle und Wanda

ICE-Baustelle Die Tunnelvortriebsmaschinen für den Albvorlandtunnel nehmen langsam Fahrt auf. Gestern erhielten Sibylle und Wanda offiziell ihre Namen, ebenso der Tunnel, der während die Bauzeit Nicole heißt. Von Iris Häfner

Großer Bahnhof im Niemandsland zwischen Kirchheim und Dettingen: Anlässlich des offiziellen Andrehtermins der beiden Tunnelbohrmaschinen und der damit verbundenen Taufen versammelte sich gestern eine illustre Gästeschar im Zelt auf der ICE-Baustelle. Der Startschuss für den Albvorlandtunnel zwischen Kirchheim und Wendlingen ist damit gefallen.

Eigens für die Taufe wurde ein Gerüst direkt über dem Tunnelportal errichtet. Schließlich mussten die beiden Vortriebsmaschinen Sibylle und Wanda mit Sekt getauft und die von Dekan Paul Magino gesegnete Heilige Barbara von der Tunnelpatin, Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, in ihren Schrein gestellt werden. Alles verlief reibungslos, beide Sektflaschen zerschellten planmäßig auf den Bohrriesen. Als Erstes schritten Sidney Illg und Jennifer Gneiting in Vertretung der Klasse 8b der Wendlinger Johannes-Kepler-Realschule zur Tat. Wanda steht für „Wendlingen am Neckar durchs Albvorland“. Lehrerin Kyra Scherer hatte ihre Schüler dazu angeregt, sich einen Namen für die Maschine auszudenken. Den Part für die Zwillingsschwester übernahm Dr. Andreas Hoffmann. Er hat Sibylle vorgeschlagen. Damit die Mineure wissen, weshalb ihre künftige Arbeitsstätte so heißt, trug er die Sage von der weisen und warmherzigen Frau, Sibylle von der Teck, vor - die Burg Teck und die direkt darunter liegende Sibyllenhöhle sind nur einen Steinwurf von der Tunnelbaustelle entfernt.

Tunnelpatin und Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (Mitte) vor der Heiligen Barbara. Fotos: Markus Brändli
Tunnelpatin und Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (Mitte) vor der Heiligen Barbara. Fotos: Markus Brändli

Der letzte große Tunnel

Zuvor hatte es beim Festakt einen kleinen Redemarathon gegeben. Bahnvorstand Ronald Pofalla begrüßte die Gäste. „Es ist der letzte große Tunnel auf der Schnellbahnstrecke Stuttgart-Ulm. Mit seinen 8 176 Metern ist er der zweitlängste auf der Neubaustrecke und einer der zehn längsten Bahntunnel in Deutschland“, erklärte er. Rollen erst einmal die Züge, würden die Wirtschaftsräume Stuttgart und Ulm näher zusammenrücken, ist er überzeugt, ebenso davon, dass die Metropolregionen zwischen Paris und Bratislava einen enormen Attraktivitätsschub erhalten. „Es ist ein zentrales Infrastrukturprojekt - für die Region, das Land, den Bund und Europa“, so Ronald Pofalla.

Schiene ist konkurrenzfähig

Guido Wolf, Landesminister der Justiz und für Europa, nahm diesen Faden auf. Die ICE-Strecke sei von europaweiter Bedeutung und strategisch wichtig. „Die Schiene ist konkurrenzfähig zu Flugzeug und Auto. Mit drei Stunden und elf Minuten hat der Zug auf der Strecke zwischen Paris und Stuttgart das Flugzeug weit hinter sich gelassen. Das ist eine europäische Erfolgsgeschichte“, sagte der Minister. Der Landesflughafen werde zudem mit der Schiene vernetzt, ebenso die Landesmesse.

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Fotos: Markus Brändli

Von einem Jahrhundertprojekt sprach Norbert Barthle, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. „Wir geben acht Mal mehr Geld für die Schiene aus als für Straßen“, erklärte er. 380 Millionen Euro sind es für den Albvorlandtunnel. „Die Züge werden hier mit 250 Stundenkilometern durchrauschen. Beim Auto würde man rasen sagen, für die Fahrgäste ist es dagegen bequem“, so Norbert Barthle.

„Wir hätten einen Bahnhof fordern sollen, wenn ich sehe, was auf der Alb bei Laichingen entsteht“, sagte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Sie ließ auch den immensen Lkw-Verkehr auf der B 465 in Richtung Lenninger Tal nicht unerwähnt, der durch den Transport von und zu den Steinbrüchen entsteht. „Von diesem historischen Bahnprojekt werden die Kirchheimer profitieren - wenn es gelingt, die bestehende S-Bahn-Verbindung von Kirchheim auf die Filder zu verlängern“, sagte sie.

Die Belastung während der Bauzeit für die Bevölkerung erwähnte auch Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel. Die Stadt unterstütze jedoch das wichtige Schieneninfrastrukturprojekt. „Wir erhoffen uns als Kommune in der dicht besiedelten Region auch Impulse für den schienengebundenen Nahverkehr, beispielsweise den dringend notwendigen Ringschluss der S-Bahn im Neckartal“, regte er an.

„Die Tunneltaufe ist eine wichtige Zeremonie. Dazu zählt auch die Segnung und Aufstellung der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Mineure“, erklärte Anton Affentranger von der Baufirma Implenia. Der Wendlinger Dekan Paul Magino segnete die Heiligenfigur, unterstützt wurde er dabei von Ute Biedenbach, evangelische Pfarrerin in Wendlingen.

Das Schlusswort gebührte Nicole Hoffmeister-Kraut. „Ich war sofort sehr angetan, als ich gebeten wurde, die Patenschaft zu übernehmen. Für eine Protestantin ist das eine erstaunliche Karriere, die irdische Vertreterin der Heiligen Barbara zu sein“, sagte die Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg.

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Fotos: Markus Brändli

Große Wendlinger Kurve

Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und ihr Wendlinger Kollege Steffen Weigel nutzten die Gelegenheit, um eine Bresche für die Große Wendlinger Kurve zu schlagen. „Uns Kommunen sind Zukunftsoptionen im Nahverkehr wichtig. Die Möglichkeit, auf der Schiene das Neckartal und die Filderebene zu verbinden, sollte nicht verbaut werden“, wies Weigel auf die Sinnhaftigkeit der Großen Wendlinger Kurve hin und erinnerte an das tägliche Verkehrschaos zwischen Kirchheim und Stuttgart. „In dieser Region leben 500 000 Menschen. Eine achtspurige Autobahn wird uns nicht retten“, so Weigel. Ein Gespräch im Stuttgarter Verkehrsministerium bekamen die beiden gestern immerhin zugesagt. ih

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