Kinderbetreuung
Ärger in Lenningen: Verzögern Scherben den Kita-Bau?

Lenningen muss für archäologische Grabungen über 80.000 Euro ausgeben. Erst wenn das Landes­denkmalamt grünes Licht gibt, kann mit dem dringend benötigten Neubau gestartet werden. 

So trüb wie auf dem Bild ist die Stimmung im Gemeinderat wegen der Kosten für die archäologische Sondierung für die neue Kita in Oberlenningen. Foto: Iris Häfner

Der Schlummertrunk musste nach der Lektüre von Punkt sechs der Gemeinderatsunterlagen bei Kurt Hiller verdoppelt werden. Damit war er nicht allein, denn bevor der Neubau der Kinderbetreuungseinrichtung neben der Grundschule in Oberlenningen starten kann, braucht es eine weitere archäologische Sondage. „Die erste Grabung hat uns schon 18.000 Euro gekostet, jetzt machen wir munter weiter. Wir versuchen – überspitzt formuliert – jede Steckdose einzusparen, die möglich ist, um die Kosten zu reduzieren – und jetzt kommt so ein Hammer. Wir müssen weitere 65.000 Euro für eine zweite Grabung in die Hand nehmen. Das kommt zu den bestehenden Kosten für die Kita on top dazu“, rechnete Bürgermeister Michael Schlecht vor. „Das sind in Zeiten wie diesen keine Peanuts und sie sind noch nicht gedeckt. Dazu kommt: Wenn noch mehr gefunden wird, kostet uns das Zeit und Geld. Wie wir das bewältigen sollen, interessiert keinen“, schob er nach.

Wenn zum 48. Mal ein Tonkrug aus der Merowinger Zeit ausgegraben wird, haben wir ein echtes zeitliches und finanzielles Problem.

Bürgermeister Michael Schlecht

Im Rahmen der Baugenehmigung für die Kita waren diese Grabungen nötig geworden. Wenig überraschend wurden in dem bereits erfassten archäologischen Denkmalfeld verschiedene Gegenstände gefunden: Fundamente, Gräben, Gruben, Keramik und Tierknochen. „Die Funde lassen sich vorläufig der Völkerwanderungszeit und der frühmittelalterlichen Periode zuordnen. Diese Stelle könnte ein Teil einer Siedlung der Völkerwanderungszeit gewesen seien“, erklärte Dzenis Ljubijankic vom Hochbauamt. Die 65.000 Euro decken den gesamten Abschnitt des Baufelds ab. Eine Baufreigabe erfolgt erst nach dem Okay des Denkmalamts.

„Es fällt mir schwer, ruhig zu bleiben. Die Behörden sollten vorwärts schauen und nicht rückwärts, um alte Scherben zu finden“, wetterte Karl Boßler. Die Zuschüsse würden dadurch nicht erhöht. „Uns bleibt deshalb nur, die zusätzlichen Kosten bei den Gebühren umzusetzen. An die Bauverzögerung will ich gar nicht denken. Wenn dann noch eine Eidechse ums Eck kommt, verzögert sich alles noch mal. All das können wir uns langsam einfach nicht mehr leisten“, sagte er.

Heike Keller interessierte die Kommunikation mit dem Denkmalamt. „Es gab zwei Begehungen vor Ort“, sagte Dzenis Ljubijankic. Zudem kämen Mitarbeiter unangemeldet vorbei, um den Ausgräbern über die Schulter zu schauen, ob fachlich richtig gearbeitet wird. „Das Ganze wird dann entsprechend bewertet“, erläuterte er.

Die Nachfrage von Heike Keller, wie gesprächsbereit die Denkmalpflege ist, zauberte ein leicht sarkastisches Grinsen ins Gesicht von Michael Schlecht. „Das dauert so lange, wie es dauert. Unser Problem: Wir müssen die ersten Arbeiten ausschreiben, damit wir nicht in Verzug geraten. Können die wegen der Grabungen nicht rechtzeitig beginnen, können sie eine Behinderungsanzeige stellen – ganz abgesehen davon, dass wir nicht mit dem Bau beginnen können“, sagte er. Es sei nichts Außergewöhnliches, dass in einer Ortsmitte Siedlungsspuren entdeckt werden. Es müsse einfach ein gesundes Maß im Umgang mit möglichen Funden gefunden werden. „Wenn ein Yeti ausgegraben wird, dann können wir ein Hotel bauen, denn dann werden die Touristen strömen. Aber wenn zum 48. Mal ein Tonkrug aus der Merowinger Zeit ausgegraben wird, haben wir ein echtes zeitliches und finanzielles Problem“, wünscht sich der Schultes mehr Relation und Realitätsnähe.

„Das sind genau die Dinge, die durch die Bürokratie so unkalkulierbar geworden sind. Das Ergebnis all dessen wird sich bei der nächsten Wahl bemerkbar machen“, ist Kurt Hiller überzeugt.