Gesundheit
Ärztemangel – drei Orte im Kreis Esslingen wappnen sich

Die Gemeinden Reichenbach, Hochdorf und Lichtenwald machen gemeinsame Sache: Sie gründen eine Genossenschaft, die auch künftig die medizinische Versorgung sichern soll.

Immer weniger Ärzte wollen sich niederlassen. Gründe sind die Bürokratie und das wirtschaftliche Risiko. Foto: stock.adobe.com

Die medizinische Versorgung durch Hausärztinnen und Hausärzte ist in kleinen Kommunen schon längst nicht mehr selbstverständlich. Deshalb wollen die Nachbargemeinden Reichenbach, Hochdorf und Lichtenwald angesichts dieser Herausforderungen gemeinsame Sache machen. Ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) soll auch in Zukunft dafür sorgen, dass die Menschen auf kurzem Weg medizinische Hilfe erhalten.

Und damit die Pläne zukunftsfähig sind, haben sich die Akteure für die Gründung einer Genossenschaft entschieden. Diese Gesellschaftsform habe den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu einer GmbH beispielsweise „nicht verkaufbar“ sei, erklärte Reichenbachs Bürgermeister Bernhard Richter im Gemeinderat, und das erwirtschaftete Geld solle in der Genossenschaft verbleiben. Sowohl in Reichenbach als auch in Hochdorf und Lichtenwald haben die Gemeinderäte der Genossenschaftsgründung inzwischen zugestimmt.

Das nicht renditeorientierte Modell kommt gut an

In Reichenbach gab es viel Zustimmung für das „nicht renditeorientierte Modell Genossenschaft“, wie es Sabine Fohler (SPD) formulierte, denn hier gehe es um Aufgaben, die gemeinsam getragen würden in Zeiten, in denen es für Ärzte immer schwieriger werde, eine Nachfolge zu bekommen. Das MVZ böte arbeitsteilige Modelle, die darauf abzielten, dass dort auch junge Ärztinnen und Ärzte arbeiten wollen.

Eine Genossenschaft sei die richtige Rechtsform, weil die junge Ärzteschaft heute häufig nicht mehr bereit sei, mit einer eigenen Praxis ein hohes wirtschaftliches Risiko einzugehen, erklärte außerdem Karl Neher (Miteinander für Reichenbach). Das künftige MVZ sei ein wichtiger Standortfaktor und die Gründung komme zum richtigen Zeitpunkt.

Das bestätigt auch der Hochdorfer Bürgermeister Gerhard Kuttler: „In einem MVZ werden den Ärzten die lästige Verwaltungsarbeit und das wirtschaftliche Risiko weitestgehend abgenommen, damit sie sich auf die medizinische Versorgung der Patienten konzentrieren können. Das macht unser MVZ besonders attraktiv – gerade auch für den ärztlichen Nachwuchs“, erklärt er auf Anfrage.

Im geplanten MVZ sollen später einmal angestellte Ärzte genauso arbeiten wie sogenannte Vertragsärzte, die von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zur Behandlung von gesetzlich versicherten Menschen eine Zulassung haben. Während in kleinen Praxen der wachsende bürokratische Aufwand viel Zeit verschlingt, sollen sich die angestellten Ärzte im MVZ nicht mit der betriebswirtschaftlichen Organisation, sondern ganz auf die Versorgung ihrer Patienten konzentrieren können, heißt es auch in der Vorlage für den Reichenbacher Gemeinderat.

Verwaltungsaufgaben soll eine Zentrale übernehmen

Synergien erhoffe man sich durch die gemeinsame Abrechnung und andere Verwaltungsaufgaben durch eine Zentrale. Günstig auswirken sollen sich auch die gemeinsame Nutzung von Medizintechnik und Räumen. Schon vor einiger Zeit stand für die Beteiligten fest, dass es bei dem MVZ allerdings nicht zwingend um eine räumliche, sondern in erster Linie um eine organisatorische Einheit gehen soll.

Die Überlegungen rund um das Thema MVZ beschäftigen die Gemeinderäte und die Ärzteschaft in den drei Gemeinden bereits seit mehreren Jahren. Zuletzt hatten die Kommunen dazu gemeinsam ein Gutachten auf den Weg gebracht. Beratend zur Seite steht schon länger die Diomedes GmbH aus dem hessischen Melsungen, die unter anderem einen Standort in Tübingen unterhält und als Projektmanagerin und Betreiberin von MVZ agiert.

Für die drei interessierten Kommunen im Kreis Esslingen hat der Diomedes-Geschäftsführer Martin Felger, der im Bundesgebiet bereits mehrere MVZ auf genossenschaftlicher Basis gegründet hat, ein entsprechendes Angebot zum Aufbau eines MVZ abgegeben und einen Satzungsentwurf vorgelegt.

Der Landkreis Esslingen unterstützt das geplante MVZ finanziell

Felger habe mit den hiesigen Arztpraxen über sein Angebot verhandelt und zwei Ärzte gewinnen können, die dem MVZ beitreten wollen, heißt es weiter. Die dafür nötigen Geschäftsanteile sollen für die Gemeinden jeweils 5000 Euro und für die Ärzte je 1000 Euro betragen.

Damit die kreisweit erste Genossenschaft für ein MVZ mit einem Grundkapital von zunächst 100 000 Euro ausgestattet sein kann, habe der Landkreis Esslingen einen Zuschuss von 50 000 Euro in Aussicht gestellt und weitere 50 000 Euro sollen die drei Gemeinden Reichenbach, Hochdorf und Lichtenwald aufgeteilt nach Einwohnerzahl als Darlehen zur Verfügung stellen.

Demnach soll die gemeinwohlorientierte Genossenschaft mit Sitz in Reichenbach in Anlehnung an die drei Kommunen den Namen REHOLI-MED eG tragen und in der Sommerpause gegründet werden. Gegenstand der neuen Genossenschaft wird die Sicherung der hausärztlichen Versorgung in den drei Gemeinden sein „durch die Gründung und das Betreiben von medizinischen Versorgungszentren und von Zweigpraxen“, heißt es in dem Papier. Und als langfristige Ergänzung könne man sich vorstellen, auch die Sozialstation und damit den Pflegebereich zu integrieren.

 Absage an ein Ärztehaus

Auftrag: Der Versorgungsauftrag für die ambulante ärztliche Versorgung liegt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Wo sich welche Ärzte niederlassen dürfen, entscheiden KVBW und Krankenkassen gemeinsam. Die KVBW beschäftigt aber keine Ärzte und kann lediglich Ärzte zu einer geplanten Niederlassung beraten.

Konzept: Mit der Idee MVZ erteilen die drei Kommunen der Idee von einem Ärztehaus eine klare Absage. Gegen dieses Modell hat sich der Reichenbacher Bürgermeister Bernhard Richter schon früh ausgesprochen. Wenn eine Gemeinde ein Ärztehaus baue, investiere sie Steuergelder ohne eine Garantie, dass wirklich ein Arzt einzieht. Und sie mache damit womöglich den bereits niedergelassenen Kollegen Konkurrenz, so Richter. cm