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Überraschender Wechsel an der Metabo-Spitze

Wirtschaft Geschäftsführer Henning Jansen verlässt das Unternehmen. Sein Nachfolger wird Peter Vullinghs, der von Philips kommt. Der angekündigte Stellenabbau läuft ohne betriebsbedingte Kündigungen. Von Henrik Sauer

Beim Elektrowerkzeughersteller Metabo gibt es einen Wechsel an der Unternehmensspitze: Wie bekannt wurde, wird Geschäftsführer Henning Jansen das Unternehmen Ende Februar verlassen. Für ihn kommt der Niederländer Peter Vullinghs, der vom Hersteller von Haushaltsgeräten und Gesundheitstechnologie Philips nach Nürtingen wechselt. Die Mitarbeiter wurden Mitte Januar darüber informiert.

Mehr Informationen zu dem Wechsel auf dem Chefsessel gibt das Unternehmen nicht. Ein Sprecher bestätigt die Tatsache an sich, zu Details werde man sich jedoch nicht äußern. Es gebe aktuell einen Beschluss des Vorstands der japanischen Muttergesellschaft Koki, dass darüber nicht per Pressemitteilung informiert werde. Als nicht börsennotiertes Unternehmen habe die Koki-Gruppe keine Informationspflichten, wenn es um personelle Veränderungen im Unternehmen gehe.

 

Drei Viertel unserer Produktionsvolumen werden weiterhin in Nürtingen montiert.
Hanning Jansen
Scheidender Metabo-Geschäftsführer
 

Über den neuen Mann an der Spitze ist bekannt, dass er 27 Jahre lang beim niederländischen Philips-Konzern tätig war. Seine letzte Funktion dort war laut der Pressestelle in Hamburg „Leader Market Europe“.

Metabo ist seit 2015 Teil der japanischen Koki-Gruppe und bildet dort zusammen mit der Marke Hikoki (ehemals Hitachi) die beiden Kern-Marken an Elektrowerkzeugen. Im Zuge des Zusammenwachsens beider Organisationen wurde der Standort Nürtingen 2019 die Zentrale für das Europa-Geschäft der Gruppe. Seitdem hat der Geschäftsführer von Metabo auch die Funktion des Europa-Geschäftsführers von Koki inne. Die Koki-Gruppe wiederum gehört seit 2017 dem US-amerikanischen Finanzinvestor KKR, der damals die Sparte Elektrowerkzeuge vom Hitachi-Konzern übernahm.

Henning Jansen war über 25 Jahre bei Metabo. 2005 war er durch die damalige Übernahme von Elektra Beckum in Meppen ins Unternehmen gekommen. Im Juni 2021 hatte er die Geschäftsführung für beide Funktionen von Horst Garbrecht übernommen, der das Unternehmen in Richtung Ceramtec in Plochingen verließ.

Bei dem Nürtinger Elektrowerkzeughersteller, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, wurde im vergangenen Herbst ein Restrukturierungsprogramm in Gang gesetzt, das auch einen Stellenabbau beinhaltet. Über den aktuellen Stand der Umsetzung und die Bedeutung des Standorts in der Koki-Gruppe äußerte sich der nun scheidende Geschäftsführer Henning Jansen.

Freiwilliges Ausscheiden

Aus dem angekündigten Abbau von 145 Stellen sind jetzt 155 Stellen geworden, wie Jansen mitteilt. Durch ein mit dem Betriebsrat und der IG Metall ausgehandeltes Freiwilligenprogramm komme man ohne betriebsbedingte Kündigungen aus. Das Programm sei sehr gut gelaufen, sagt Jansen. Über die finanzielle Ausgestaltung des Programms, das auch eine Transfergesellschaft beinhaltet, macht er keine Angabe.

81 Mitarbeiter akzeptierten demnach das Angebot eines freiwilligen Ausscheidens. Etliche Ältere hätten sich dazu entschlossen, um jüngeren Kollegen Platz zu machen, lobt Jansen. 74 Arbeitsplätze hätten durch Erreichen des Rentenalters der Mitarbeiter, durch auslaufende Verträge oder sonstige Fluktuation abgebaut werden können. Ursprünglich war man bei Metabo von 60 notwendigen betriebsbedingten Kündigungen ausgegangen.

Die Restrukturierung habe zum Ziel, den Standort Nürtingen zukunftsfähig zu machen, betont der Geschäftsführer. „Wir sind Teil des weltweiten Produktionsnetzwerks von Koki“, so Jansen. Hohe Umsatzeinbußen durch den Wegfall des Russlandgeschäfts, aus dem man mittlerweile ganz ausgestiegen sei, sowie massive Kos­tensteigerungen hätten die Wirtschaftlichkeit des Standorts beeinträchtigt. Künftig werden einige Montagelinien mit Produkten, die in kleinerer Stückzahl hergestellt werden, aus Effizienzgründen in Osteuropa gefertigt. „In Nürtingen konzentrieren wir uns in der Produktion auf das Kerngeschäft, unsere kleinen und großen Winkelschleifer, sowie auf Produkte, die auf der gleichen Grundtechnik basieren, wie zum Beispiel Kantenfräsen“, erläutert Jansen. Die Alu­gießerei wird zum Jahresende 2024 aufgegeben, weiter hier angesiedelt bleiben die Vorfertigung sowie die Motoren- und Stahlfraktale, sodass man nach wie vor eine hohe Fertigungstiefe habe. Ebenso verblieben der Service-Hub für viele europäische Länder und als weiteres Standbein die Akku-Konfektionierung. „Drei Viertel unserer bisherigen Produktionsvolumen werden weiterhin in Nürtingen montiert“, so der Geschäftsführer.

Stabile Nachfrage

Nürtingen sei aber mehr als ein Produktionsstandort, betont Jansen. Durch das fortschreitende Zusammenwachsen von Metabo und Koki erweitere sich für Metabo-Mitarbeiter in Bereichen wie Einkauf, Entwicklung, Produkt­management, Marketing oder Vertrieb das Aufgabenfeld um globale Funktionen. „Viele Kollegen, zum Beispiel unser Einkaufsleiter und der Entwicklungschef, sind künftig für das weltweite Geschäft für beide Marken zuständig“, so Jansen. „Diese globale Integration ist der richtige Weg für beide Marken.“ In diesen Bereichen stelle man auch neue Leute ein. Allein für Nürtingen seien derzeit rund 20 Stellen ausgeschrieben, europaweit seien es noch mehr.

Seit Spätherbst vergangenen Jahres verzeichne man wieder eine stabile Nachfrage. „Darüber sind wir sehr glücklich“, so Jansen. „Wir könnten noch mehr produzieren, aber wir sind an der Kapazitätsgrenze.“

Im Betriebsrat ist man trotz des Stellenabbaus noch insofern positiv gestimmt, als dass der Standort eine Perspektive habe, sagt dessen stellvertretender Vorsitzender Uwe Hecke: „Für uns ist wichtig, den verbliebenen Mitarbeitern eine Zukunftsperspektive zu bieten.“ Für die ausscheidenden Mitarbeiter habe man ein „außerordentlich gutes“ Freiwilligenprogramm und damit das Bestmögliche erreicht. Auch er lobt das „gute und offene Miteinander“ bei den Verhandlungen mit der Geschäftsleitung. Die Notwendigkeit des Abbaus habe man anhand der vorgelegten Zahlen auch im Betriebsrat gesehen. Dass es weiterhin eine Fertigung gebe, sei wichtig für die Zukunft des Standorts, ebenso wie auch das Logistikzentrum im Gewerbegebiet Au. Große Hoffnung lege man auf Fertigungsaufträge aus der Koki-Gruppe für Nürtingen, die in Aussicht gestellt worden seien.

Auch für den Betriebsrat kam die Nachricht von Henning Jansens Weggang überraschend, so Uwe Hecke. Man bedaure sein Ausscheiden: „Mit Henning Jansen haben wir über viele Jahre sehr gut und gerne zusammengearbeitet.“ Gleichwohl sei man nun gespannt, wie die Zusammenarbeit mit dem neuen Geschäftsführer sein werde.