Ausbildung
Abfuhr für Zweiradmechatroniker sorgt für Aufschrei

Die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen scheitert mit ihrer Bewerbung. Der Schulleiter spricht von Willkür.

Zweiradmechatroniker werden verzweifelt gesucht. Foto: Carsten Riedl

Wolf Hofmann ist keiner, der in seinem Umfeld als notorischer Quergeist gälte, und doch fährt der Schulleiter der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen schwere Geschütze auf. Die Empörung ist gewaltig, seit feststeht: Die berufliche Schule, an der unter anderem künftige Kfz- und Motorradmechaniker ausgebildet werden, wird nicht zum neuen Schulstandort für Zweiradmechatroniker. Das, obwohl die Schule alle Anforderungen erfüllt und der Bedarf gewaltig ist, weil der Markt für E-Bikes, die in Werkstätten gewartet werden wollen, stetig wächst. Fachhändler in der Region werben seit Jahren händeringend um Nachwuchs. Allein in Baden-Württemberg fehlen Schätzungen zufolge mehr als 6000 Fachkräfte in diesem Bereich. 

Nach einer mehr als einjährigen Hängepartie hat das Kultusministerium jetzt entschieden: Die Gewerbeschule im südbadischen Breisach bleibt für Auszubildende in diesem Fachbereich die einzige Anlaufstelle im Land. Der Esslinger Landrat Marcel Musolf hatte in einem Telefonat mit Kultusministerin Theresa Schopper vergangene Woche noch zu retten versucht, was offenbar nicht zu retten war. Das Land sieht keinen Bedarf für eine zusätzliche Fachklasse im Regierungsbezirk Stuttgart, zumal Breisach bereits Erweiterungsoptionen ins Spiel gebracht hat. Damit müssen Azubis während ihres begleitenden Block­unterrichts auch in Zukunft weite Wege auf sich nehmen. Für Bewerber aus der Region ein gravierender Nachteil, der auf viele abschreckend wirkt. 

Damit sich das ändert, hat man an der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule alle Hebel in Bewegung gesetzt. Klinken geputzt in Ausbildungsbetrieben, Wirtschaftsverbände mobilisiert und eine regionale Kampagne für das umweltfreundliche Verkehrsmittel gestartet, an der sich auch prominente Befürworter wie der Mountainbike-Weltcupsieger Luca Schwarzbauer beteiligten. Die Schule war vergangenen Sommer Partner der Deutschland-Tour, seit 20 Jahren gibt es hier eine Ausbildung in Motorradtechnik und inzwischen auch eine Hochvolt-Werkstatt für E-Fahrzeuge, was eine der Grundvoraussetzungen auch für die Ausbildung zum Zweiradmechatroniker ist.

Das Wichtigste: 49 schriftliche Ausbildungszusagen von Fachbetrieben liegen der Schule vor. Darunter auch regionale Start-ups, die innovative Antriebe am Markt etablieren wollen. Der Schwellenwert für die Eröffnung einer zusätzlichen Fachklasse liegt bei 20. Nürtingen war also bereit, doch das Verfahren beim Stuttgarter Regierungspräsidium zog sich hin, und ein knappes Jahr später waren mit der Landeshauptstadt und mit Ludwigsburg plötzlich zwei Mitbewerber im Boot. Mit Folgen: Der nachträgliche Zuschnitt auf die Region Stuttgart bei der Bedarfsermittlung hat letztlich dazu geführt, dass etliche Ausbildungsbetriebe aus den südöstlichen Nachbarkreisen Reutlingen und Tübingen durchs Raster fielen. Auf den Kreis Esslingen bezogen stand für Nürtingen unterm Strich plötzlich die Zahl 19,8 – knapp durchgefallen. Dabei rekrutiert die Nürtinger Berufsschule seit jeher einen Teil ihrer Schüler aus der erweiterten Raumschaft, wie Schulleiter Wolf Hofmann betont. Was in der Kommunalpolitik Verwaltungsgrenzen sind, heißt im Schulbetrieb Sprengel. „Beide sind nun mal nicht deckungsgleich“, sagt Hofmann, der den Behörden Willkür vorwirft. Mehr noch: „Wir haben einen Prozess erlebt, in dem demokratisches Recht mit Füßen getreten wurde.“ Was Hofmann besonders ärgert: Bei allen 49 Ausbildungsplätzen handelt es sich um zusätzliche neue Lehrstellen. „Keine einzige davon käme aus Breisach“, sagt er. „Es gibt hier Betriebe, die nach Ausbildung schreien.“ Der Bedarf sei gewaltig und lasse sich auch nicht kleinrechnen.

Ernüchterung auch im Landratsamt: „Wir werden bei dem Thema nicht locker lassen“, verkündet der für die Kreisschulen zuständige Dezernent, Thomas Eberhard. Man wolle in einem vertretbaren Zeitraum erneut auf das Ministerium zugehen. „Wir sehen den Bedarf auch weiterhin.“