Wie wenig Wahrheit bisweilen im Wein liegt, kann jeder an diesem Tag riechen. Die Kläranlage in Gols verbreitet im Juli 1985 einen unerträglichen Gestank. In der kleinen Winzergemeinde im Burgenland, unweit des Neusiedler Sees, stimmt etwas nicht. Das biologische System in der Anlage ist gekippt, in angrenzenden Gewässern sterben Fische. Erst ist es nur ein Verdacht, dann Gewissheit: Winzer haben tankweise Wein in die Kanalisation gekippt. Wein, der wertlos geworden ist, und ein Geheimnis birgt, das in den nächsten Tagen und Wochen einen ganzen Wirtschaftszweig in den Abgrund stürzen wird. Diethylenglykol, eine gesundheitsschädliche Chemikalie, die süß schmeckt und auch als Frostschutzmittel Verwendung findet. Wie sich später herausstellt, haben Weinbauern den Stoff beigemischt, um minderwertige Ware auf den damals vorherrschenden Geschmack der Kunden zu trimmen. Viel Masse, wenig Klasse – Österreich produziert damals mehr Traubensaft als es absetzen kann. Der Durst nach lieblichem Wein zu günstigen Preisen ist dagegen fast unstillbar, vor allem in Deutschland.

Die „Spätlese aus dem Chemielabor“ bleibt lange unentdeckt, bis im Januar die ersten Experten Verdacht schöpften. Der sich anbahnende Skandal wird von der Politik zunächst vertuscht. Am 23. April 1985 muss der damalige österreichische Landwirtschaftsminister Günter Haider schließlich doch vor die Presse treten. Das Echo ist gewaltig. Millionen Liter kontaminierten Weins werden in den Wochen danach in ganz Österreich beschlagnahmt. Es finden Verhaftungen statt. Wütende, weil unschuldige Weinbauern errichten Straßensperren. Für eine Begrenzung des Flächenbrands ist es jedoch längst zu spät. Unmengen an verseuchtem Rebensaft war in den Handel gelangt – weltweit.
Wir standen finanziell plötzlich mit dem Rücken zur Wand.
Christoph Mack
Es ist der bis heute größte Lebensmittelskandal, die „Mutter aller Panschereien“, wie der Wiener Standard Jahre später titelt. Ein Beben, das die Weinwelt erschüttert, unzählige Unschuldige mit in den Abgrund reißt und seine Wellen bis ins weit entfernte Owen schickt. Mack und Schühle ist schon damals einer der größten Weinimporteure im Land. Das Geschäft mit österreichischem Wein, der in Tankwagen angeliefert, vom Unternehmen selbst zu großen Teilen in Owen abgefüllt wird, ist ein zentraler Pfeiler. „Zunächst waren es nur Gerüchte, aber die Verunsicherung wuchs rasch“, erinnert sich Christoph Mack an diese dramatische Zeit. Der 63-Jährige ist seit 1987 im Familienunternehmen in dritter Generation. Seit 1991 in der Geschäftsleitung leitet er heute als CEO eines der europaweit führenden Weinhandelsunternehmen, das auf Import und Vertrieb von internationalen Weinen spezialisiert ist. Niederlassungen mit teils eigener Produktion finden sich in Anbaugebieten auf der ganzen Welt, bis hin zum eigenen Familienweingut in Südafrika. Mack hat Einfluss in der Branche. Der studierte Önologe wurde von der Fachwelt zum Weinunternehmer des Jahres gekürt und ist Präsident des Bundesverbands Wein und Spirituosen. Das Unternehmen beschäftigt heute mehr als 400 Mitarbeiter in der ganzen Welt. Jahresumsatz der Mack-und-Schühle-Gruppe: rund eine halbe Milliarde Euro jährlich.
Im Frühjahr vor 40 Jahren steht diese Zukunft auf dem Spiel. Der Glykolwein-Skandal wird über Nacht zur existenziellen Bedrohung. Christoph Mack ist damals Student. Das Unternehmen führen sein Vater und sein Onkel. In einer Weise, die Christoph Mack heute als „Old-school-Unternehmergeist im besten Sinne“ beschreibt. Es ist eine Zeit, die sich wie ein dunkler Schatten über die ganze Familie legt. „Für meinen Vater waren die Ereignisse extrem belastend“, blickt Mack zurück. „Wie er als Unternehmer und Mensch damit umgegangen ist, hat mich tief beeindruckt und verdient allergrößten Respekt“.
Kontrolleure tappen im Dunkeln
Das Problem: Als der Skandal ruchbar wird, gibt es kaum Nachweisverfahren. Zunächst ist unklar, wonach überhaupt gesucht werden soll. Es gibt keine Krankheitsfälle durch Konsum, obwohl vereinzelte Proben später fast ein Viertel der Glykolmenge ans Licht bringen, die für einen Menschen tödlich sein kann. In Owen werden nach Bekanntwerden sofort sämtliche Exportzertifikate staatlicher Prüfstellen unter die Lupe genommen, die jede Weincharge begleiten. Sie sind sauber. Erst langsam werden die Analysen verfeinert, wird das wahre Ausmaß bekannt. Die Folge: Mack und Schühle stellt den Import österreichischen Weins mit sofortiger Wirkung ein. Bereits ausgelieferte Ware in Gastronomie und Handel wird zurückgeholt. Doch für Schadensbegrenzung ist es längst zu spät. Im Sommer 1985 ist Christoph Mack als junger Student während der Semesterferien Teil des firmeninternen Krisenstabs und damit beauftragt, eingesammelten Wein hektoliterweise in Destillerien zu Methanol verarbeiten zu lassen. Der Schaden geht in die Millionen. Das Vertrauen der Kunden ist bis ins Mark erschüttert. Der Bierkonsum in Deutschland schnellt in die Höhe.
Der Skandal ist längst auch ein deutscher. Nachdem bekannt wird, dass mit der rheinland-pfälzischen Kellerei Pieroth nahe Rüdesheim einer der traditionsreichsten und größten Weinhändler im Land darin verwickelt ist, liegt auch der deutsche Markt am Boden. Mitarbeiter dort hatten eigenen Wein mit glykolversetztem aus dem Nachbarland verschnitten. Erstmals finden Verhaftungen in diesen Wochen nicht nur in Österreich statt. „Wir waren unverschuldet da hineingeraten und standen plötzlich finanziell mit dem Rücken zur Wand“, erinnert sich Christoph Mack an das dunkelste Kapitel der Firmengeschichte. Mit der Existenz des Unternehmens standen auch 130 Arbeitsplätze auf dem Spiel
Dass es zur endgültigen Katastrophe nicht kommt, liegt Mack zufolge am konsequenten und raschen Handeln der beiden damaligen Firmenchefs. Als das Bundesgesundheitsministerium Listen beteiligter Betriebe veröffentlicht, ziehen einige bis vors Bundesverfassungsgericht. Mack und Schühle geht einen anderen Weg: Als einziges deutsches Unternehmen verklagen die Owener den österreichischen Staat. Mehr als fünf Jahre, so die Einschätzung von Anwälten, würde das Verfahren dauern. Weil das Unternehmen schnell Geld braucht, kommt es zum Vergleich. Weniger als die Hälfte des wirtschaftlichen Schadens kann dadurch ausgeglichen werden. Ihren Anteil am Überleben haben auch Kunden und regionale Banken, die in der Konsolidierungsphase an der Seite bleiben. „Das ist der Grund, weshalb wir bis heute mit Regionalbanken zusammenarbeiten“, sagt der heutige Vorstandschef von Mack und Schühle. 2001 wird das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Und heute? „Zu behaupten, so etwas könne nie mehr passieren, wäre naiv“, sagt Christoph Mack. Kriminelle Energie stelle immer eine Gefahr dar, unabhängig vom Preis der Erzeugnisse und der Größe des Unternehmens. Dennoch ist er überzeugt: „Ein ähnliches Szenario ist extrem unwahrscheinlich geworden“. Der Weinmarkt hat sich verändert. Zwar machen Weine im unteren Preissegment dort noch immer knapp 90 Prozent des Absatzes aus, doch Qualitätsbewusstsein und Standards sind andere geworden. Eine strengere und lückenlose Überwachung, technischer Fortschritt im Weinkeller, verbesserte Hygiene, gesündere Reben und eine Winzergeneration, die auf Qualität statt Ertrag setzt, sind Erfolgsfaktoren und mit eine Lehre aus der damaligen Zeit. „Die Qualität von Wein hat sich in den vergangenen 25 Jahren eklatant verbessert“, sagt Christoph Mack. „Und diese Entwicklung steht nicht still. Sie geht weiter“.
Spitzenweine aus Österreich
Heute gilt das österreichische Weingesetz als eines der strengsten der Welt. Jede Flasche, die in den Handel kommt, trägt eine staatliche Banderole mit nachverfolgbarer Prüfziffer. Die Aufsicht wurde von der Branche abgekoppelt, die Erträge streng limitiert. Die Überwachung von Weinerzeugern ist inzwischen EU-weit harmonisiert, entsprechende Prüfstellen stehen im ständigen Austausch mit Kontrolleuren in Übersee. Dass der Kundengeschmack sich gewandelt hat, trägt ebenfalls zur Qualitätssicherung bei. Trocken ausgebaute Weine haben der lieblichen Konkurrenz längst den Rang abgelaufen. Ein wärmer werdendes Klima sogt gleichzeitig dafür, dass der Alkoholgehalt von Weinen eher gezügelt als künstlich befördert werden muss. Österreichischer Wein zählt heute zu den besten der Welt. Tropfen aus der Wachau, aus Carnuntum oder der Steiermark stehen für handwerklich geformte Weine in Spitzenqualität. Ganz nebenbei hat der Skandal vor 40 Jahren einen Siegeszug eingeleitet: Es war der Beginn der Erfolgsgeschichte des Grünen Veltliners, die heute meistangebaute Rebsorte im Nachbarland, die zum weltweit geachteten Synonym für österreichische Kellereikunst geworden ist. Für alle, die ehrlichen Wein zu schätzen wissen, ist das eine gute Nachricht.
Nudelskandal und Gammelfleisch
Die Glykolwein-Affäre in Österreich war 1985 der Beginn einer Reihe von Lebensmittelskandalen, die Deutschland und Europa in den folgenden Jahren beschäftigte. Noch im selben Jahr musste sich der Nudelhersteller Birkel wegen der Verwendung mikrobiell verseuchten Flüssigeis verantworten. Der Skandal führte zu einer existenziellen Krise der Nudelindustrie. Ende des Jahrtausends folgte die von Großbritannien ausgehende Rinderseuche BSE, die zu einer tiefen Verunsicherung der Verbraucher führte, nachdem eine Übertragbarkeit auf den Menschen nachgewiesen werden konnte. Ab 2005 folgte der sogenannte Gammelfleisch-Skandal, bei dem verdorbenes Fleisch von Großhändlern in großem Stil umetikettiert und in den Handel gebracht wurde. bk

