Wenn Birgitt Österle im Supermarkt einkaufen geht, landen im Korb ausschließlich die günstigsten Lebensmittel. Bei Restaurantbesuchen ist mehr als ein Kaffee meistens nicht drin; von Shoppingtouren oder Urlauben kann sie schon lange nur noch träumen.
Die 76-jährige Ötlingerin zählt zu den mehr als 3,5 Millionen Menschen in Deutschland, die im Alter von Armut bedroht sind. Die Mehrheit davon sind Frauen.
Ich würde so gerne mal wieder irgendwo hinfahren, aber das geht halt nicht.
Birgitt Österle, Rentnerin
„Mit dem Geld kämpfen musste ich schon immer“, erinnert sich Birgitt Österle. Ihre Geschichte ähnelt der vieler Frauen, die sich früher oder später in finanzieller Not wiederfinden: Eigentlich hat sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin absolviert. Doch nach nur zwei Jahren im Berufsleben wird Birgitt Österle mit 21 Jahren das erste Mal schwanger. Insgesamt bringt sie fünf Kinder zur Welt.
In der Liebe hat sie jedoch kein Glück. Der erste Mann trinkt exzessiv und verstirbt schon sehr jung an den Folgen. Auch Mann Nummer zwei ist alles andere als ein Prinz aus dem Märchen, und so trifft Birgitt Österle die Entscheidung, sich auf eigene Faust durchzuschlagen.
Obwohl sie selbst psychisch erkrankt ist, pflegt sie ihre Mutter bis zum bitteren Ende. Über die Jahre hält sie sich und die Familie mit ein paar verschiedenen Jobs über Wasser. Wirklich eng sei es mit dem Geld erst nach dem Tod ihrer Mutter geworden, erzählt die Seniorin. Da habe sie schließlich Hartz IV beantragen müssen. Auf die Hilfe vom Staat ist sie bis heute angewiesen.
Vom Wohlstand in die Armut
Auch der Kirchheimer Rentner Hubert Schulte (Name geändert) hat finanziell zu kämpfen. Dass er in diese Lage gerät, hat jedoch ganz andere Hintergründe: Einen großen Teil seines Lebens verbringt der Kirchheimer als wohlhabender Mann. Er ist gelernter Bauingenieur, arbeitet erst als Statiker, später ist er in der Automobilindustrie beschäftigt. Für seinen Ruhestand hat er sich ausreichend Reserven zurückgelegt. „Ich hatte für meine Rente eigentlich ausgesorgt“, erzählt der heute 77-Jährige.
Es ist ein unvorhergesehenes Ereignis, das Hubert Schultes finanzielles Leben plötzlich auf den Kopf stellt. Infolge eines arbeitsrechtlichen Konflikts wird er gerichtlich dazu verpflichtet, hohe Nachzahlungen an den Staat zu leisten. Das Nachspiel: Erst muss die Firma, in der er als faktischer Geschäftsführer tätig ist, Insolvenz anmelden, dann er selbst. „Ich habe alles verloren“, erinnert er sich. Als das Haus verkauft ist und die Ersparnisse Stück für Stück von seinem Konto verschwinden, wird sich Hubert Schulte der Situation bewusst, die ihn im Alter erwartet.
Ich hatte für meine Rente eigentlich ausgesorgt.
Hubert Schulte, Renter
Und der nächste Schicksalsschlag lässt nicht lange auf sich warten: Seine Lebenspartnerin erkrankt an Demenz. Er beginnt, sie zu pflegen und stockt die gemeinsame Kasse mittels Minijob auf.
Als seine Partnerin schließlich verstirbt und ihr Rentenanteil wegfällt, wird der finanzielle Gürtel für Hubert Schulte, der selbst ein Pflegefall ist, deutlich enger geschnallt. Eine Witwerrente bekommt er nicht, da das Paar zwar mehr als 30 Jahre zusammen, offiziell aber nie verheiratet war. Hinzu kommt, dass er die für die Grundrente erforderlichen 33 Jahre aufgrund eines bürokratischen Versäumnisses seinerseits nicht angerechnet bekommt. „Ich war schlecht informiert“, bedauert der Kirchheimer.
Es bleibt Hubert Schulte nichts anderes übrig, als beim Sozialamt die Grundsicherung im Alter zu beantragen. Nach dem Abzug der Miete, Nebenkosten und Versicherungsbeiträgen hat er monatlich wenige Hundert Euro, um alle alltäglichen Ausgaben zu stemmen. Auch Birgitt Österle ist von der Sozialhilfe abhängig. Insgesamt hat sie im Monat rund 1200 Euro zur Verfügung – minus Miete, Strom und andere laufende Ausgaben. „Dann bleiben mir unterm Strich 280 bis 300 Euro zum Leben“, fasst die Seniorin zusammen.
Ein Leben voller Verzicht
„Ich habe immer gerade so viel Geld, wie ich dringend brauche“, erzählt Hubert Schulte, der auf Anweisung des Sozialamts erst kürzlich sein langjähriges Zuhause hinter sich lassen und in eine deutlich günstigere Wohnung ziehen musste. Neue Kleidung kann sich der Kirchheimer nicht leisten, bei den Lebensmitteln reicht das Budget gerade noch für die billigen Eigenmarken der Ketten. Ins Kino oder Essen zu gehen, ist für ihn mittlerweile eine ferne Erinnerung. „Ich lebe von der Hand in den Mund“, macht er deutlich.
Ich habe immer gerade so viel Geld, wie ich dringend brauche.
Hubert Schulte
Auch Birgitt Österle ist im Alltag stark eingeschränkt. Meistens geht ihr das Geld bereits ein paar Tage vor dem Monatsende aus. „Ich würde so gerne mal wieder irgendwo hinfahren, aber das geht halt nicht“, erzählt sie betrübt. Selbst Dinge, die für die meisten Menschen alltäglich erscheinen, sind für Birgitt Österle Luxus. Nach vier Jahren habe sie sich zum ersten Mal wieder neue Schuhe gekauft, so die 76-Jährige. Die zahlt sie jetzt in Raten von 40 Euro pro Monat ab – das kann sie sich gerade so leisten. Unerwartete Ausgaben, wie die Reparatur einer Lampe, die letztens kaputtging, sind für die Seniorin prekär.
Der Kontostand schlägt auf die Gesundheit
Ihre finanzielle Situation macht sich auch anderweitig bemerkbar: Weil sie sich eine ausgewogene Ernährung nicht leisten kann, hat Birgitt Österle inzwischen mit gesundheitlichen Folgebeschwerden zu kämpfen. Besonders belastet die Ötlingerin zudem, dass sie ihren Liebsten keine oder nur kleine Geschenke machen kann. „Das tut mir schon weh“, sagt sie bedauernd.
Ich hätte gerne so viel Geld, dass ich den Monat über gut leben kann.
Birgitt Österle
Ihre Kinder oder Enkel um Geld bitten möchte Birgitt Österle nicht. Allerdings greife ihr Bruder ihr manchmal unter die Arme, wie die Rentnerin erzählt. Auch Hubert Schulte wird von seiner Familie hier und da unterstützt. Mit seinem Schicksal hat sich der Kirchheimer längst abgefunden. Trauer, Wut oder Frust fühlt er nicht. „Ich bin selber schuld“, begründet er diese Haltung und betont die Wichtigkeit einer guten und frühzeitigen Rentenberatung. Wünschen würde er sich lediglich günstigere Optionen im ÖPNV. Denn das Deutschlandticket oder reguläre Fahrkarten kann er sich nicht (mehr) leisten: „Da muss ich mich stark einschränken.“
Von der Regierung wünscht sich Birgitt Österle, dass etwas mehr für die Rentnergeneration getan wird. Hohe Lebensansprüche hat sie ohnehin nicht. Ihr einziger Wunsch: „Ich hätte gerne so viel Geld, dass ich den Monat über gut leben kann.“
Fakten zu Altersarmut
Fast 20 Prozent der Deutschen über 65 Jahren galten im vergangenen Jahr als armutsgefährdet.
Als armutsgefährdet wird betrachtet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat. 2024 lag dieser Wert bei 1378 Euro im Monat. Dabei werden alle Arten des Einkommens berücksichtigt.
Mehr Frauen als Männer sind von Altersarmut betroffen, und die Lücke wird mit steigendem Alter größer. Das liegt vor allem daran, dass Frauen ihre Erwerbsbiografie häufiger familienbedingt unterbrechen, etwa aufgrund von Kindererziehung.
Die durchschnittliche Rente in Baden-Württemberg beträgt laut Landratsamt bei Männern 1553, bei Frauen 950 Euro.
In Deutschland überwiegt die relative gegenüber der existenziellen Armut. Betroffene verfügen über lebenswichtige Mittel, wie Bekleidung, Nahrung und ein Dach über dem Kopf, haben im Vergleich zum Rest der Gesellschaft aber nur sehr wenig Ressourcen.
In Kirchheim betrug die Rente der Menschen, die die Grundsicherung im Alter oder Hilfe zur Pflege beziehen, im vergangenen Jahr im Schnitt 726,87 Euro.
Die Ursachen für Altersarmut sind vielfältig: langjährige Arbeit im Niedriglohnsektor oder in Teilzeit, Selbstständigkeit ohne ausreichende Absicherung, eine unterbrochene Erwerbsbiografie sowie mangelnde Vorsorge – oft aufgrund von zu niedrigem Gehalt.
Immer mehr Seniorinnen und Senioren sehen sich gezwungen, bis ins hohe Alter einen Beruf auszuüben.

