Am Anfang war der 250-Gramm-Kaffeeröster. Damit machten Matthias Gohl und Mathis Hutfilter ihre ersten Kaffeekreationen. Inzwischen haben sich die Start-up-Unternehmer einen Röster mit 15 Kilo Fassungsvermögen angeschafft. Er ist das Prunkstück in ihrem Ladengeschäft „Qaweh Spezialitätenkaffee“ in Nürtingen. Bei ihrer Kaffeerösterei setzen die beiden ganz auf Nachhaltigkeit, auf fairen Umgang mit Mensch und Umwelt.
Gohl und Hutfilter sind beide 38 Jahre alt, kennen sich seit Kindertagen und sind gemeinsam in Raidwangen aufgewachsen. Mathis Hutfilter hat Kfz-Mechaniker gelernt und arbeitet in einem Autohaus als Verkäufer. Matthias Gohl ist IT-Systemelektroniker, war zuletzt beim Landesbauernverband in Stuttgart Systemadministrator, aber: „Ich war mit meinem Job nicht mehr zufrieden“, berichtet Matthias Gohl, „ich wollte raus aus dem Hamsterrad und etwas anderes machen.“ In einer Kaffeerösterei in Stuttgart sei er angefixt worden. Sein Jugendfreund Mathis Hutfilter war von der Idee ebenfalls angetan: „Wir dachten uns, das könnte für Nürtingen etwas sein, um die Innenstadt zu beleben.“
Die beiden Start-up-Unternehmer arbeiteten sich in das Thema ein. „Wir merkten, wir haben Spaß daran. Und wir können etwas Gutes tun“, sagt Gohl. Nämlich dazu beitragen, dass die Kaffeebauern von ihrer Arbeit auch leben können. Im Kaffeehandel werde immer noch ziemlich ausgebeutet, sagt Matthias Gohl: „Vieles ist Schein. Zum Beispiel die vielen Siegel: Die helfen meistens nur denen, die sie ausstellen.“ Hutfilter und Gohl setzen auf Importeure, die direkt mit den Produzenten oder Kooperativen verhandeln. Ebenso wichtig ist ihnen der nachhaltige Anbau - schonender Umgang mit den Pflanzen, möglichst keine Pestizide.
Die ersten Schritte zur eigenen Röstung waren ein Ausprobieren, berichtet Matthias Gohl. Nach einem Gespräch mit der Bank wurde den beiden klar: „Wir müssen Tatsachen schaffen. Bis dahin hatten wir noch nichts vorzuweisen“, ergänzt Hutfilter. Das war Anfang 2019. Sie kauften sich besagten kleinen Kaffeeröster, der 250 Gramm Bohnen fasste. Den ersten Rohkaffee besorgten sie sich bei einer Rösterei in Metzingen. Die Ergebnisse waren vielversprechend: „Wir merkten, dass es funktioniert und dass wir wohl ein Händchen dafür haben“, so Gohl. Nicht nur ihnen selbst, auch den Bekannten und den ersten Kunden schmeckten die Kaffeekreationen.
Unterstützung bekamen sie von Frank Schweizer, der in seinem Modegeschäft ihren Kaffee ausschenkte und die Bohnen abgepackt auch verkaufte. So konnten sie Leute von ihrem Kaffee überzeugen. Die Nachfrage war so groß, dass sie ihren Röster jeden Abend laufen lassen mussten, berichtet Hutfilter. Das war noch in Matthias Gohls Küche in Reudern.
Schnell war klar, dass sie größerer Räume benötigten. Beide arbeiteten damals noch Vollzeit in ihrem jeweiligen Beruf. Sie fanden ein Domizil in Großbettlingen und kauften sich einen größeren Röster, jetzt mit einem Fassungsvermögen von anderthalb Kilo. Mit Glas und Beutel, dem Rammerthof und dem Schreibwarengeschäft Weigel in Frickenhausen kamen weitere Abnehmer dazu.
Das Ambiente überzeugte
Als sich dann in der Brunnsteige die Gelegenheit ergab, das ehemalige Teppichgeschäft zu mieten, dessen Ambiente beide sofort überzeugte, stand fest, dass dies nun der Schritt zum eigenen Laden mit Schaurösterei und Stehcafé sein würde. Auch im Laden wollen die beiden auf Nachhaltigkeit setzen, so auch bei den Verpackungen.
Hier können sie nun ihre Kunden auch persönlich empfangen und die Kaffeerösterei erlebbar machen. „Kaffee hat prinzipiell mehr Aromen als Wein“, sagt Matthias Gohl: „Das Anbauland gibt eine bestimmte Richtung vor, durch die Röstung kann man dann bestimmen, welche Aromen man in den Vordergrund bringen möchte.“ Als weiteren Schritt planen sie Röstseminare und Kaffeeverköstigungen.
Häufig würden sie gefragt, ob sie „die mit der Kaffeerösterei im ehemaligen Heim-Areal“ seien. Das ist aber nicht der Fall. Dort plant ein Investor, ebenfalls eine Kaffeerösterei zu eröffnen. Die beiden Jung-Unternehmer haben damit aber kein Problem: „Zwei Röstereien würden sich gegenseitig beleben, wir sehen darin eher eine Chance“, sagt Hutfilter.