Mit einer wunderbaren Aussicht über die Kleinstadt beginnt der Pfullinger Sagenweg. Wir parken am Wanderparkplatz Hämmerle am Elisenweg zwischen Pfullingen und dem Urselberg. Eine große überdachte Tafel informiert über den Streckenverlauf des knapp vier Kilometer langen Weges und die einzelnen Stationen. Ob man nur die Runde durch den Wald zu den Holzskulpturen macht oder mit einem Abstecher in die Altstadt weitere 1,5 Kilometer anhängt, braucht man erst am Ende entscheiden.
Die Streckenführung
Wir folgen den hölzernen Wegweisern mit den runden Knöpfen, den „Remmseles“. Die erste Skulptur ist das Gesicht der Fee Urschel, um die sich heute alles drehen wird. Ursprünglich war sie in einen hier stehenden Baumstumpf eingearbeitet worden, doch nachdem der Zahn der Zeit zu sehr am Holz genagt hatte, wurde er jüngst ersetzt durch einen komplett neuen, nach hier versetzten Baumstumpf. Danach geht es ein Stück an der Straße entlang mit Sicht auf einen großen Grillplatz, den wir uns für später merken wollen. Die nächste Figur, der Pelzmichel, duftet frisch nach Holzschutzöl, das ihm noch in Tropfen am Gewand hängt. Ist auch er neu? Nein, der gesamte Sagenweg wird einmal jährlich von Billy Tröge selbst gewartet, frisches Sägemehl am Boden zeugt von den jüngsten Arbeiten.
Vor jeder Skulptur befindet sich eine Metalltafel, die über den Namen und die Geschichte der jeweiligen Sagenfigur informiert.

Bis zur Figur des Haule, der zur Strafe für den Vatermord seinen Kopf unter dem Arm tragen muss, ist der Weg breit und eben. Wer einen Kinderwagen oder Rollator dabei hat, kann dem geschotterten Forstweg weiter folgen und gelangt direkt auf den Parkplatz zurück. Wer jedoch auf dem Sagenweg bleiben möchte, folgt dem Remmseles-Wegweiser mit ausgestreckten Zeigefingern auf einen schmaleren Pfad seicht bergauf.
Am höchsten Punkt des Sagenweges befindet sich die schönste und größte aller Skulpturen, die über der Stadt Pfullingen liegende Urschel. Dieses detaillierte Kunstwerk ist als Bank gestaltet, und die Aussicht auf die Kleinstadt weiter unten ist von dieser sonnigen Stelle aus sehr schön.

Am Ende der Tour kommen wir am Waldcafé mit seinem Biergarten „Fritz“ vorbei. Außer dienstags, am Ruhetag, gibt es hier von 12.00 bis 22.00 Uhr durchgehend warme Küche in angenehmer Atmosphäre.
Der Künstler Billy Tröge
Der 37-jährige Künstler wurde in Reutlingen geboren und ist in Pfullingen aufgewachsen. Zu seinem lebensverändernden Hobby kam er im Alter von 19 Jahren durch ein Unglück: Ein Unfall mit seinem BMX-Fahrrad, bei dem er sich das Knie schwer verletzte, hinderte ihn lange Zeit an der Ausübung seines erlernten Handwerksberufes. Da fing er zu Hause an, Kunstwerke mit der Kettensäge zu schaffen, und verfeinerte seine Fähigkeiten autodidaktisch immer weiter. Heute arbeitet Billy Tröge komplett selbstständig in der Baumpflege als Baumkletterer und als Kettensägenkünstler.

Im Frühjahr 2013 hat Billy Tröge zusammen mit der Stadt Pfullingen den Sagenweg geplant. In nur wenigen Monaten wurde er umgesetzt und konnte bereits im Sommer begangen werden. Im Gespräch mit unserer Zeitung betont der Künstler, wie sehr es ihn freut, wenn Wanderer und Spaziergänger auf dem Pfullinger Sagenweg Gefallen an seiner Kunst finden.

Sagen der Region, Folge 10: Die Pfullinger Urschel
Im Mittelpunkt der Pfullinger Sagenwelt steht die Fee Urschel mit ihrem langen weißen Kleid, roten Strümpfen, weißen Schuhen und einer prächtigen Radhaube auf dem Kopf. An ihrem goldenen Gürtel hängt ein ebenfalls goldener Schlüsselbund mit Schlüsseln für ihre drei versunkenen prächtigen Paläste im Innern des Urselberges.
Sie war eine hilfreiche und gütige Frau, die Bauersleute und Wanderer auf ihren Wegen durch die Pfullinger Wälder, Wiesen und Äcker schon seit Urzeiten fürsorglich begleitete. Den armen Leuten am Ort half die Urschel aus der Not. So schenkte sie bedürftigen Familien Korn zum Brotbacken oder setzte sich sogar selber in den Weberhäusern ans Spinnrad. Dabei bekam sie manchmal Hilfe von ihren drei stummen Nachtfräulein.
Den Fuhrleuten und Holzmachern in den Wäldern stand die Urschel in gefährlichen Augenblicken zur Seite. Diese opferten ihr auf dem Remmselesstein runde Hosenknöpfe aus Hirschhorn mit fünf Löchern, die „Remmsele“ genannt wurden, um so für die weitere Fahrt oder den Weg die Hilfe der guten Frau zu erbitten.
Vor langer Zeit wurde die Urschel durch einen bösen Fluch verwunschen und entschwand ins Innere des Urselberges. Bis zum heutigen Tag warten die Pfullinger auf ihre Erlösung.

