Die 200 Sitzplätze reichen nicht aus: Fast doppelt so viele Menschen sind in die Bissinger Gemeindehalle gekommen, um die Vorstellungsrunde der beiden Bürgermeisterkandidaten Robert Beck und Björn Haigis live zu erleben. Die Ausgangssituation: Zwei Neulinge bewerben sich um eine vakante Stelle, die ein ebenso kompetenter wie beliebter Bürgermeister 13 Jahre bekleidet hat. Marcel Musolfs Fußstapfen sind groß.
Jeweils 20 Minuten Redezeit bekommt jeder, danach gibt es die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Den Anfang macht Robert Beck, der sich zuerst beworben hatte, während sein Konkurrent im Musiksaal wartet. Der 32-Jährige betont gleich zu Beginn Zweierlei: Dass er fest in Bissingen verwurzelt ist und als staatlich geprüfter Techniker für Elektrotechnik effiziente und nachhaltige Lösungen sucht. „Das werde ich auch als Bürgermeister einbringen“, schlägt er den Bogen zu seinem angestrebten Amt. Ebenso wie Björn Haigis hat er keinerlei Verwaltungserfahrung.
Dafür kann Beck mit langjähriger Erfahrung in der Kommunalpolitik aufwarten, etwa als stellvertretender Vorsitzender der CDU Teck, mit guten Kontakten zur Landespolitik, Ehrenämtern bei Feuerwehr und Kreisjugendring. In seinem Vortrag führt Beck viele Sachthemen auf, mit denen sich der Gemeinderat zuletzt beschäftigt hat. Er schließt mit einem Spruch von Unternehmerlegende Henry Ford, der zu beiden Kandidaten passt: „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“
„Schön, dass Sie hier sind“: Der 47-jährige Björn Haigis setzt bei seiner Präsentation stärker auf Emotionen und Persönliches: Verheiratet, drei Töchter, hat seine Frau in Kirchheim kennengelernt, war mit ihr oft bei Freunden in Bissingen und ist dann 2008 in die 3500-Einwohner-Gemeinde am Fuße der Schwäbischen Alb gezogen – und habe es „nie bereut“. Daraus sei auch eine Mitgliedschaft im Schwäbischen Albverein erwachsen, dessen Bissinger Ortsgruppe er heute vorsteht.
Der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann ist technischer Vertriebler, parteilos, und bringt seine praktischen Erfahrungen und Qualifikationen als Teamleiter ins Spiel: Drei bis vier Damen habe er unter seiner Leitung. „Respektvoll miteinander umgehen“ laute dabei sein Motto. Und auch die Leistungen des Vorgängers lobt er: Das Rathaus-Team habe er als sehr flexibel kennengelernt. „Lassen Sie uns gemeinsam loslegen", schließt er.
Getrennte Fragerunden
Auch die Fragerunden laufen getrennt ab, dadurch ergeben sich allerdings viele Doppelungen. In Bissingen geht es nicht um die ganz großen Probleme, sondern um Details, etwa, wie die Gemeinde ihre reizvolle Natur erhalten und gleichzeitig wachsen kann. Zwei Mal wird die Frage nach neuem Wohnraum gestellt, denn der Ort ist begehrt bei jungen Familien. Besseres Leerstandsmanagement, aber keine Neubaugebiete, sagt Beck: „Da sehe ich keine Chance.“ Auch Haigis muss passen. Wohnraum werde benötigt, aber was bei der Umnutzung alter Gebäude möglich ist: „Da bin ich augenblicklich überfragt.“ Einigkeit herrscht auch bei der Frage nach dezentraler Unterbringung geflüchteter Menschen. Beide wollen versuchen, die derzeit praktizierte Lösung, private Räumlichkeiten zu nutzen, beizubehalten.
Die Kandidaten merken schnell, dass es auf Feinheiten ankommt. Etwa wenn Beck laut Flyer einen „frischen und realitätsnahe Blickwinkel in verfestigte Verwaltungsstrukturen bringen will.“ „Wo nehmen Sie die wahr?“, fragt Gemeinderätin Andrea Bizer, die auch im Publikum sitzt. Beck geht in die Defensive: „Konkret kann ich sie nicht benennen.“ Er bringe lediglich andere Ansichten aus der Industrie mit. Später bohrt Bizer auch bei Haigis in dessen Fragerunde nach. Der hatte versprochen, „frischen Wind“ in steife Abläufe zu bringen. Haigis schwächt ab: „Scheinbar steife“ Abläufe habe er gemeint. Er wolle lediglich „Optimierung ins Boot werfen“.
Auch ein BWL-Studium, wie es Robert Beck noch nebenbei betreibt, kann kritisch betrachtet werden. „Wie sehr beansprucht Sie das?“, fragt eine Zuhörerin. Das werde dann hinten angestellt, wenn er Bürgermeister ist, versichert dieser. Offensiv gehen beide mit ihrer fehlenden Qualifikation. „Ich bin kein Verwaltungs-Profi. Über die Politik habe ich aber viel in den Gemeinden mitbekommen“, sagt er. Außerdem plane er Schulungen in Ludwigsburg. Hagis plant ebenfalls Schulungen. „Damit kann man kein Studium von acht, neun Jahren ausgleichen, aber es lässt sich damit vieles egalisieren“, versichert er.
Warum beide nicht schon bei den Kommunalwahlen im Juni für den Gemeinderat kandidiert haben, wird ebenfalls jeder gefragt. „Ich hatte schon damals eine Ahnung, dass die Stelle des Bürgermeisters freiwerden könnte“, sagt Beck. Und Haigis betont, dass seine Kandidatur nichts mit dem Rücktritt der Kandidatin Bux zu tun habe. „Davon habe ich durch die Anfrage des Teckboten erfahren.“ Er habe sich mit dem Gedanken erst beschäftigt, als feststand, dass Marcel Musolf abtreten wird, die Entscheidung habe er auf einer Auslandsreise eine Woche vor Ablauf der Frist getroffen. Gemeinderat sei für ihn vorher kein Thema gewesen.
Auch die Frage, ob sie einen Haushaltsplan lesen können, wird beiden gestellt. Da setzen beide auf Kooperation mit der bestehenden Verwaltung, denn Bilanzen kennen sie nur aus der Wirtschaft. Am Ende waren es 27 Fragen an Beck, 17 Fragen an Haigis, was aber auch daran liegen kann, dass es bei Haigis die zweite Fragerunde war und nicht jeder zwei Mal dasselbe fragen wollte.
Man habe sich bewusst für eine getrennte Vorstellung beider Kandidaten entschieden, nicht für eine Podiumsdiskussion, erklärt der Erste stellvertretende Bürgermeister Siegfried Nägele nach rund 90 Minuten. So habe jeder die Gelegenheit gehabt, sich individuell zu präsentieren. Auch lobte er die fairen Fragen der Leute. Dafür gab es Applaus: Harmonisch ist der Start in die Nach-Musolf-Ära ist schonmal gelaufen, Fakten werden am 13. Oktober geschaffen.

