Wer an Äpfel aus dem Albvorland denkt, denkt vorrangig an Obst von hochstämmigen Bäumen auf Streuobstwiesen. „Viele wissen nicht, dass bei uns auch intensiver Obstbau betrieben wird“, sagt Martin Weber, Vorsitzender des Arbeitskreises Obstbau (AKO) Nürtingen. Die Mitglieder haben Anlagen wie die von Beirat Tobias Schmid in Beuren: In Sichtweite zu Teck und Hohenneuffen wachsen hier auf einer Anhöhe dicht an dicht Spindelbäume. Der Abstand zwischen den Reihen ist so breit, dass gerade mal ein Traktor durchpasst. Die meisten Gala-Äpfel sehen aus wie gemalt. Auf einzelnen Früchten zeichnen sich jedoch helle Streifen und kleine Dellen ab. Tobias Schmid bricht die Äpfel ab. „Die können wir nicht als Tafelobst verkaufen. Die Kunden wollen makelloses Obst.“
Seit Anfang September ist die Ernte in vollem Gange, sagt der Owener. Auch wenn die Anlagen denen in Südtirol oder Norddeutschland ähnelten – vergleichbar seien die Bedingungen nicht. Die hiesigen Anbauflächen seien viel kleiner. Mangels Wasser gebe es auch keine Beregnungsanlagen. Hanglagen und die Beschaffenheit der Böden erschwerten den Anbau zusätzlich. „Der Verbraucher muss bereit sein, einen etwas höheren Preis zu bezahlen“, sagt Martin Weber. Hinzu kämen strenge Pflanzenschutzauflagen, so der stellvertretende Vorsitzende, Karl Nägele aus Bissingen. Das gelte in besonderem Maß für Flächen im Neuffener Täle und im Lenninger Tal, da sie überwiegend in Landschaftsschutzgebieten liegen.
Wie den Erwerbsobstbauern ist es auch Jana Gneiting, Obst- und Gartenbauberaterin des Landkreises Esslingen, ein Anliegen, Vorurteile bei den Verbrauchern auszuräumen: „Jeder Supermarkt-Apfel kommt aus einer intensiven Anlage.“ Das Obst aus der Region sei deutlich kontrollierter als aus manch anderen Gegenden. Regelmäßig würden Blatt-, Boden- und Fruchtproben vorgenommen. „Wir produzieren in der Region Äpfel in guter Qualität zu Standards, was den Pflanzenschutz angeht, die in kaum einem anderen Anbaugebiet so hoch sind.“ Pflanzenschutzmittel würden zudem viel gezielter eingesetzt als früher.
Wolle man den Obstbau rentabel gestalten, müsse man auf Spindelbäume setzen, betont Martin Weber. Bereits in dritter Generation betreibt die Familie in Frickenhausen Erwerbsobstbau. Habe man zu den Anfangszeiten des intensiven Obstbaus 100 Bäume pro Hektar gepflanzt, stünden in den Anlagen in der Region heute rund 3000 Bäume auf einem Hektar. Der Ertrag liege bei rund 30 Tonnen – ungefähr doppelt so hoch wie früher. Zudem reiften die Früchte an Spindelbäumen gleichmäßiger aus als an Hochstämmen, weil man die Bäume besser „licht“ halten könne. Bei einem Topaz etwa funktioniere der Anbau an hochstämmigen Bäumen zwar halbwegs, die Äpfel würden aber nicht die gleiche Qualität erreichen wie an Spalierbäumen.

Wenn, wie in diesem Jahr, auch der Streuobstbau viele Äpfel abwirft, sei der Absatz anfangs immer ein bisschen zäh, so Martin Weber, weil sich viele Leute selbst versorgten. „Unser Vorteil ist aber, dass wir den größten Teil der Äpfel einlagern können.“ Er hat Lager, in denen eine Temperatur von zwei bis drei Grad plus, ein relativ niedriger Sauerstoffgehalt und ein hoher CO2-Gehalt herrschen. „Die Äpfel halten dort bis zur nächsten Ernte.“ Sehr gut lagern ließen sich beispielsweise Jonagold, Idared und Pinova.
Die Frage nach den Sorten treibt den Obstbauern regelmäßig Sorgenfalten auf die Stirn. Am liebsten würden sie robuste Sorten kultivieren, die wenig anfällig für Krankheiten seien. Die Wünsche der Verbraucher seien jedoch oft andere. „Sie verlangen aus Unwissenheit zum Beispiel die Pink Lady“, so Schmid. Die aber brauche wie der Granny Smith höhere Temperaturen, wie sie etwa in Südtirol herrschen. Das Kaufverhalten werde häufig durch Werbung von Supermärkten beeinflusst.
Beim Verkauf setzt er wie die anderen Erwerbsobstbauern auf Direktvermarktung. Abgesetzt werden die Äpfel in Hofläden, an Selbstbedienungsständen und in Supermärkten. Und wie zufrieden sind die Obstbauern mit dem diesjährigen Ertrag? „Es sind viele Äpfel. Sie hätten aber ruhig etwas größer sein können“, sagt Tobias Schmid. Sind sie zu klein, fallen sie durchs Raster für Tafelobst und landen in der Saftpresse.

Der Arbeitskreis Obstbau Nürtingen hat rund 70 Mitglieder. Darin haben sich Erwerbsobstbauern zusammengeschlossen. Das Einzugsgebiet deckt sich mit dem Altkreis Nürtingen. Die Mitglieder betreiben den Obstbau teilweise im Vollerwerb, teils aber auch im Nebenerwerb. Sie bauen auf rund 50 bis 60 Hektar Kernobst an.

