Wer an arme Kinder denkt, malt sich mit aller Wahrscheinlichkeit Bilder von kleinen, ausgehungerten Körpern aus, die in den Ecken verkommener Slums kauern. Doch Kinder- und Jugendarmut ist kein alleiniges Problem des Globalen Südens. Auch in Deutschland wächst jedes fünfte Kind in Armut oder an der Armutsgrenze auf.
Im Slum in Nairobi wird niemand gefragt: Warum bist du eigentlich arm? Bist du ein Faulenzer? Ein Sozialschmarotzer?
Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Armuts- und Ungleichheitsforscher
Um diesen Missstand sichtbar zu machen, hatte der Kreisjugendring Esslingen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „sprechBAR“ zu einem Vortrag mit anschließender Fragerunde im Kulturzentrum Komma eingeladen. Als Referent sprach Professor Christoph Butterwegge, der zu den renommiertesten Armuts- und Ungleichheitsforschern in Deutschland zählt.
„Kinder sind arm, weil ihre Eltern arm sind“, stellte er klar. Ein Kind, das in eine einkommensschwache Familie geboren werde, habe nur geringe Chancen, der Armutsspirale zu entfliehen.
Der Forscher aus Köln ergänzte, dass die meisten finanziell schlecht gestellten Menschen in Deutschland nicht in absoluter, sondern in relativer Armut leben. Heißt: Ihre Grundbedürfnisse, wie Essen, Bekleidung oder ein Dach über dem Kopf, sind gedeckt, jedoch haben sie deutlich weniger zur Verfügung als der gesellschaftliche Durchschnitt.
Die Schuldfrage
Obwohl hierzulande beide Formen der Not existieren, werde die absolute Armut laut Christoph Butterwegge von einem großen Teil der deutschen Gesellschaft als Phänomen betrachtet, dass es „nicht in Köln, sondern nur in Kalkutta“ gebe. Wer in relativer Armut lebe, sehe sich wiederum oft mit dem Vorwurf des „Jammerns auf hohem Niveau“ konfrontiert.
Kinder sind arm, weil ihre Eltern arm sind.
Christoph Butterwegge
Der Wissenschaftler argumentierte, dass die relative Einkommensarmut durch den ständigen Rechtfertigungsdruck sogar demütigender und deprimierender sein könne als absolute Armut. Er gab zu bedenken: „Im Slum in Nairobi wird niemand gefragt: Warum bist du eigentlich arm? Bist du ein Faulenzer? Ein Sozialschmarotzer?“
Arm zu sein, bedeutet allerdings nicht nur, sich weniger leisten zu können – das betonte der Ungleichheitsforscher in seinem Vortrag mit Nachdruck. Armut bedeute vielmehr, in nahezu allen Lebenslagen, von Kultur und Bildung bis hin zu Sport und Freizeitgestaltung, benachteiligt zu sein. „Armut ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem“, stellte Christoph Butterwege klar. Die massive Baustelle, die über ihr stehe, sei die sozioökonomische Ungleichheit.
Von bitterarm bis obszön reich
In Deutschland leben zum aktuellen Stand mehr als 250 Milliardäre. „Ein gewisses Problem“, nennt sie der Forscher. Seinen Berechnungen zufolge besitzen die fünf reichsten Familien Deutschlands zusammen ein Nettovermögen von circa 250 Milliarden Euro. Das, so Butterwegge, sei mehr, als die gesamte ärmere Hälfte des Landes – rund 40 Millionen Menschen – besitze.

„Wer die Armut wirksam bekämpfen will, muss den Reichtum antasten“, äußerte der Professor. Denn eine derartige Konzentration der Geldmittel führe zwangsläufig zu öffentlicher Armut, weil das Geld, dass die „Hyperreichen“ horten würden, anderswo fehle – etwa bei der Sanierung von Bahnstecken, beim Bau von Kitas, der Instandsetzung maroder Schulgebäude oder dem Anstellen von neuem Personal an den Kitas und Schulen.
Diese sozioökonomische Ungleichheit ist laut Christoph Butterwegge nicht nur „Gift für den sozialen Zusammenhalt“ und „eine Gefahr für die Demokratie“, sondern sogar „das Kardinalproblem unserer Gesellschaft, wenn nicht der Menschheit“.
Wer hat, dem wird gegeben
Was Christoph Butterwegge im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – mit dem kennt er sich als Teil des Wissenschaftlichen Gutachtergremiums aus – fehlt, sind die Ursachen für das Wohlstandsgefälle. Es sei gewissermaßen wie mit gesundheitlichen Beschwerden, wie er vergleicht. Man könne Schmerzmittel verschreiben; wenn man den Auslöser jedoch nicht kenne, könne auch nichts Wirksames getan werden.
Wer die Armut wirksam bekämpfen will, muss den Reichtum antasten.
Christoph Butterwegge
Butterwegge selbst sieht drei „Ursachenbündel“ für das Wachstum der Ungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten: die „Deregulierung des Arbeitsmarktes“ – dazu zählt er etwa die Lockerung des Kündigungsschutzes, die „Armutsfalle“ Minijobs, die Liberalisierung der Leiharbeit und den daraus resultierenden breiten Niedriglohnsektor –, den „Um- und Abbau des Sozialstaats“, und zuletzt: die deutsche Steuerpolitik. Butterwegge spricht in diesem Kontext vom „Matthäus-Prinzip“: Wer habe, dem werde gegeben, und wer wenig habe, dem werde auch das noch genommen.
Dass die Gesetzgebung so ist, wie sie ist, führte der Ungleichheitsforscher auf den Einfluss der extrem reichen Elite zurück, die von ihr profitiere. Der Regierung unterstellte er indessen, sich für den Wahlkampf gezielt Statistiken herauszupicken, durch die sich die eigene Politik rechtfertigen lasse oder diese zumindest nicht in Verruf gebracht werde. Und wie könne es denn sein, dass im gesamten Armuts- und Reichtumsbericht auf rund 700 Seiten kein einziges Mal das Wort „Milliardär“ falle? „Da wird versucht, dieses Problem zu verharmlosen und den Reichtum zu verschleiern“, mutmaßte der Forscher.
Das Geld neu verteilen
Es gibt laut Christoph Butterwegge jedoch einige Möglichkeiten, um gegenzusteuern. In erster Linie zielen diese darauf ab, vermögende Menschen stärker zur Kasse zu bitten – etwa durch das An- oder Aufheben der Beitragsbemessungsgrenze, eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer oder eine Verdoppelung des Solis – umgewidmet zu einem „Krisensoli“ – für Spitzenverdiener und Konzerne. Auch eine allgemeinverbindliche Tarifbindung sowie ein Verbot oder eine starke Regulierung von Leiharbeit hält er für sinnvolle Schritte.
Wer so viel verdient, kann doch dazu beitragen, dass auch die Verkäuferin und der Lagerarbeiter am Ende ihres Erwerbslebens eine auskömmliche Rente haben.
Christoph Butterwegge
Diese Maßnahmen würden die Ungleichheit zwar nicht beseitigen, aber zumindest etwas mehr soziale Gerechtigkeit schaffen. Diese „Umverteilung von oben nach unten“ betrachtet Christoph Butterwegge als äußerst gerechtfertigt, denn: „Wer so viel verdient, kann doch dazu beitragen, dass auch die Verkäuferin und der Lagerarbeiter am Ende ihres Erwerbslebens eine auskömmliche Rente haben.“

