Endlich legal kiffen – darauf haben viele deutsche Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten lange hingefiebert. Am 1. April 2024 war es dann so weit. Drei lebende Pflanzen, 25 Gramm draußen, 50 daheim; so sind die Regeln. Dass der Staat grünes Licht für grünes Kraut gegeben hat, wurde aber nicht überall mit Beifall belohnt.
Der Schwarzmarkt hat noch nicht viel gelitten.
Renate Mahle, Suchttherapeutin
Wie Katrin Janssen von der Beratungsstelle für Sucht und Prävention des Landkreises Esslingen berichtet, sei die Entkriminalisierung für die Suchtberatung „mit sehr viel Unsicherheit“ verbunden gewesen. Die ersten Auswirkungen der Gesetzesänderungen habe man in der Beratungsstelle schon 2023 gespürt.
Katrin Janssen erklärt, dass viele der Betroffenen, die aufgrund des Konsums von Cannabis an einer Beratung teilnehmen, das nicht freiwillig, sondern als Resultat einer Zuweisung tun. Denn: Schon mit einer kleineren Menge Gras erwischt zu werden, konnte – insbesondere bei jungen Straffälligen – dazu führen, dass eine Beratung juristisch verordnet wurde. Als man in Deutschland langsam, aber sicher die Weichen in Richtung Entkriminalisierung stellte, seien die Zuweisungen merklich geschrumpft.
Innerhalb von zwei Jahren ist die Zahl der Beratungsgespräche im Cannabisbereich bei der Beratungsstelle um 37,5 Prozent gesunken. Am Kirchheimer Standort waren es mit 29 Prozent etwas weniger. Besonders groß ist der Rückgang erwartungsgemäß bei den minderjährigen Konsumenten. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es sich bei den Zahlen nicht um die Anzahl der Behandlungsfälle, sondern vielmehr um die Menge der einzelnen Beratungsgespräche handelt.
Der Schwarzmarkt blüht weiter
Obwohl seit der Neuregelung bereits über ein Jahr vergangen ist, ist das Gesetz bisher noch nicht in Gänze umgesetzt, wie die Suchttherapeutin Renate Mahle erklärt. „Ursprünglich war ja eine der wichtigsten Absichten des Gesetzes, den Schwarzmarkt zu schwächen.“ Das, so Mahle, sei aber nur möglich, wenn tatsächlich legale Beschaffungswege eingerichtet werden.
Die Zulassung von Anbauvereinigungen, die ebendas möglich machen sollen, läuft jedoch nur stockend. Obwohl viele Vereine Anträge eingereicht haben, gab es zum jetzigen Stand nur wenige Bewilligungen. Rund um Kirchheim sind aktuell zwei Clubs mit Hallen in Hochdorf und Wendlingen angesiedelt, die in der Theorie zwar bewilligt wurden, aber mit anderen, teils kuriosen, bürokratischen Hürden zu kämpfen haben.
Wer legal an Cannabis kommen möchte, hat sonst nur die Möglichkeit, sich das Gras vom Arzt verschreiben zu lassen – das geht jetzt einfacher – oder es selbst anzubauen. Auch das ist jedoch nur unter gewissen Bedingungen zulässig und für Gelegenheitskonsumenten keine wirkliche Alternative. „Der Schwarzmarkt hat noch nicht viel gelitten“, bedauert Renate Mahle.
Der Konsum ist gestiegen
Doch hat die Teillegalisierung tatsächlich dazu geführt, dass mehr geraucht wird? Da der Konsum nur schwierig messbar ist, lässt sich das für Kirchheim und die Region nicht eindeutig sagen. Aus einer umfangreichen Abwasseranalyse ging jedoch hervor, dass der Cannabiskonsum zumindest in der Landeshauptstadt Stuttgart im Anschluss an die Gesetzesänderung moderat gestiegen ist – um 13 Prozent innerhalb eines Jahres, wie in einer Pressemitteilung der Stadt berichtet wird.
Es braucht viel Anstrengung, um die Zielgruppe zu erreichen.
Renate Mahle, Suchttherapeutin
Nicht merklich gestiegen sind laut der Pressemeldung allerdings die Zahl der Behandlungen aufgrund von Cannabisabhängigkeit oder Cannabis‐assoziierten psychischen Störungen sowie der Konsum im öffentlichen Raum. Es werde in der Öffentlichkeit zwar offener konsumiert, aber nicht mehr. „Das ist eine Erkenntnis, die ein Stück weit beruhigen kann“, meint Renate Mahle. „Es hieß, jetzt geht es richtig los! So scheint es aber nicht gekommen zu sein.“
Mehr Prävention ist nötig
Auch die Suchtberatung und -prävention muss auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren. Die Beratungsstelle des Landkreises hat ihr Programm rund um Cannabiskonsum daher entsprechend angepasst und neue Konzepte entwickelt.
„Es braucht viel Anstrengung, um die Zielgruppe zu erreichen“, betont die Suchttherapeutin. Überhaupt an Betroffene heranzukommen ist für die Beratungsstelle durch die deutlich niedrigeren Zulassungszahlen seit vergangenem Frühjahr noch schwerer geworden.
Das sei besorgniserregend, denn die Droge sei nicht zu unterschätzen: Cannabis, so Mahle, ist ein Suchtmittel, das abhängig macht, und in schlimmeren Fällen psychische Probleme bis hin zu Psychosen auslösen kann. Je jünger die Konsumentin oder der Konsument, desto gefährlicher. „Wir hoffen, dass Wege etabliert werden, die uns ermöglichen, weiterhin Frühinterventionsprojekte umsetzen“, äußert Renate Mahle. „Es ist wichtig, die Leute zu erreichen, bevor sich eine Sucht oder ein problematisches Verhalten etabliert hat.“
Nähere Informationen zu dem kostenfreien Beratungsangebot gibt es auf www.landkreis-esslingen.de/start/service/suchtundpraevention. Alternativ bietet die Seite www.suchtberatung.digital eine Möglichkeit für eine professionelle Online-Beratung, die auch anonym stattfinden kann.

