Es gibt Deutsch und es gibt Schwäbisch. Das hat Cellcentrics schwedischer CEO schon gelernt, und in seiner auf Deutsch gehaltenen Begrüßungsrede in der „Pilotfertigung“ in der Esslinger Pliensauvorstadt konnte Lars Johansson mit „schaffe, schaffe, Häusle baue“ für gute Stimmung in den prominent besetzten Besucherreihen sorgen. Nicht weniger als „Geschichte schreiben“ will der smarte Schwede mit der Serienproduktion der Brennstoffzelle für Lastwagen im
Joint Venture von Volvo und Daimler Trucks. Denn der Schritt von der Prototypen-Fertigung in Nabern hin zur seriellen Fertigung in größerem Maßstab in Esslingen ist etwas Großes, ein „Meilenstein“, wie CEO Johansson sagt. Daran lassen auch die Gäste keinen Zweifel, von Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, Umweltministerin Thekla Walker und Landrat Heinz Eininger.
Auch eine Delegation aus Weilheim ist nach Esslingen gekommen, mit Bürgermeister Johannes Züfle, Hauptamtsleiterin Daniela Braun, Kämmerer Dennis Bräunle und Jens Hofmann, Leiter des Stadtbauamts. Die Message der Verantwortlichen ist klar: Mit der Eröffnung des Pilotwerks ist Weilheim keineswegs ins zweite Glied gerückt – im Gegenteil: „Wir halten unverändert an Weilheim fest“, betont Joachim Ladra, Verkaufs und Marketing-Leiter bei Cellcentric. Als „Zwischenetappe auf dem Weg zu Europas größter Brennstoffzellenproduktion am Standort Weilheim“, heißt es in der offiziellen Presseerklärung.
Die letzten Grundstücksverhandlungen und die ersten Genehmigungsverfahren laufen parallel, um Zeit zu gewinnen: Denn auch das gehört zur Wahrheit: 18 Monate ist man im Verzug. Dennoch: Bis Ende dieses Jahrzehnts soll in dann noch größerem Maßstab im „Klimawerk“ in Weilheim produziert werden, auf 15 Hektar Fläche, einem Vielfachen dessen, was derzeit im Esslinger Stadtteil passiert. Dann, so Ladra, sollen aber auch Forschung und Verwaltung unter einem Dach sitzen. „Industrialisierung“ nennt Ladra den Umstieg von der Prototypen- auf die Serienproduktion.
Dem Wasserstoff soll eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung zukommen, sagt Ministerin Thekla Walker. „Für schwere Nutzfahrzeuge ist Wasserstoff unbedingt notwendig“, sagt sie. Dafür brauche es aber eine „positive Stimmung im Land“, wirbt sie für mehr Optimismus für die Bewältigung der großen Aufgabe, eine Industrie auf nachhaltige Energie umzustellen.
Dass dafür noch viel passieren muss, weiß auch die Ministerin: Infrastruktur und Preis. „Wir setzen uns für ein Kernleitungsnetz für Wasserstoff ein“, sagt Walker. Aktuell würden 16 Wasserstoffprojekte im Land gefördert. „Wer, wenn nicht wir, sollte diese Investitionen leisten, um Standorte zu sichern.“ Aber es brauche eben auch Sicherheiten für diese Investitionen, und da nimmt sie auch den Bund und die EU in die Pflicht.
Dass der Markt noch neu ist, birgt Risiko und Vorteil. Cellcentric geht mit der Pilotproduktion in Vorleistung. „Es wird jetzt hochskaliert, es entsteht ein Markt“, sagt die Umweltministerin. Ministerkollegin Hoffmeister-Kraut stellt selbstbewusst fest: „Baden-Württemberg ist Innovationsregion Nummer eins in Europa.“ Die Pilotlinie in Esslingen sei ein Schritt zur Großproduktion. Da verweist auch sie ausdrücklich auf das geplante Klimawerk in Weilheim als nächsten Baustein.
Landrat hat ein Herz für H2
Landrat Eininger hat eine besondere Verbindung zum Thema. Er hat als Kirchheimer Bürgermeister in den 90er-Jahren die Ansiedlung von Ballard Power Systems in Nabern befürwortet, die damals schon Brennstoffantriebe serienreif machen sollten. „Für mich schließt sich heute ein Kreis“, sagt der Landrat, dessen Amtszeit im September endet. Er sieht den Landkreis Esslingen auf dem Weg zu einem „Hotspot für Wasserstoff“ im Land. Der Kreis wolle daher für Weilheim die Genehmigungsverfahren zügig abwickeln, sodass das Unternehmen zügig loslegen kann. Auch eine S-Bahn nach Weilheim stellt er in Aussicht.
Was Cellcentric in sechs Jahren schon geschafft hat, zeigt Joachim Ladra an einem Ausstellungsstück im Gebäude: Dort steht die Brennstoffzelle mit einer Leistung von 65 kW, die damals für den GLC von Mercedes gedacht war. „Die neueste Generation hat 180 kW und ist fast genauso groß“, sagt er. In Weilheim soll künftig eine noch stärkere entstehen – mit 350 kw.
Was hinter der Brennstoffzelle steckt
Wie ein Toast mit Salami und Käse, allerdings mit bis zu 200 Scheiben. So muss man sich einen „Stack“ aus Zellen vorstellen. Das ganze wird dann wie ein Weckglas zusammengeklemmt und in eine Box gepackt. „Das sieht aus wie ein Motorblock“, erklärt Dr. Florian Henkel von Cellcentric bei einer Führung durch das Werk in Esslingen, das seit 2021 umgebaut und poduktionstauglich gemacht wurde. Durch die Ähnlichkeit der Brennstoffzelle zum Verbrennermotor könnten viele Zulieferer aus dem Mittelstand mitmachen und brächten das nötige Know-How mit, erklärt er – im Gegensatz zum reinen Batterieantrieb.
Die Funktionsweise der Brennstoffzelle sei dem Verbrenner nicht unähnlich. Aber im Gegensatz zu einer „heißen Verbrennung“ finde durch die Katalysatoren als Anode und Kathode eine „kalte Verbrennung“ statt und anstelle von Kohlendioxid kommt am Ende reines Wasser heraus.
In der seriellen Produktion der Brennstoffzelle kommen auch Roboter zum Einsatz, bei der Schichtung der Zellen sowie beim Dichtheitstest des Zellenblocks. Cellcentric gehört weltweit zu den wenigen Herstellern, die alle Komponenten selber produzieren. „Das ermöglicht eine höhere Flexibilität“, sagt Joachim Ladra, Leiter Marketing und Verkauf. zap

