Aufklärung
Demenz: Wenn das Vergessen normal wird

Nach dem Vertuschen kommt die Isolation. Die Demenzbotschafterinnen Christa Doll und Christina Scheu wollen dafür sorgen, dass an Demenz erkrankte Menschen akzeptiert werden. 

Die Demenzbotschafterinnen Christa Doll (links) und Christina Scheu wollen in so vielen Bereichen wie möglich über Demenz aufklären und für Verständnis in der Gesellschaft sorgen. Foto: Debora Schreiber

Wer an Demenz erkrankt ist und das langsam selbst merkt, versuche, die ersten Anzeichen zu vertuschen, sagt die Demenzbotschafterin Christa Doll. Ein Zustand, den die Pflegefachkraft und Koordinatorin für das „Betreute Wohnen zu Hause“ beim Kirchheimer Verein Buefet ändern möchte. Bei einer offenen Wunde sei es selbstverständlich, sie mit einem Pflaster zu versehen. Bei der Diagnose Demenz wüssten die meisten auch nach dem ersten großen Schock noch nicht, wie sie damit umgehen können. Genau dieses Wissen sei aber der Schlüssel dazu, den Menschen die Scham zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht selbst aus dem Leben herausnehmen. 

Nachbarn, Vereine und Organisationen informieren

Um ihr Know-how in Sachen Demenz zu verbessern, haben sich Christa Doll und die Altenpflegerin Christina Scheu im März dieses Jahres im Rahmen einer zweitägigen Schulung der Alzheimer Organisation in Stuttgart zu Botschafterinnen ausbilden lassen. Die Mitarbeiterin bei „Unser Netz Lenningen“ möchte nicht nur die Angehörigen demenziell veränderter Menschen und selbst erkrankten Menschen helfen – sie möchte Netzwerke spinnen. Chris­ta Doll ergänzt: „Unsere Aufgabe ist es, zu überlegen, wo etwas fehlt, um die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren.“ Dienstleis­ter, Organisationen, die Nachbarschaft und Vereine müssten aufgeklärt werden, um dem Thema den Schrecken zu nehmen. Jeder solle wissen, dass es Handwerkszeug gebe, das nur darauf warte, angewendet zu werden.

„Ich habe mir die Hilfsorganisationen auf die Fahne geschriebene“, sagt Christina Scheu. Um genau zu sein, das DRK. Ihr kommt es darauf an, dass Einsatzkräfte darin geschult sind, Menschen mit Demenz zu begegnen. Ganz wichtig sei, das Tempo herauszunehmen. Langsames Sprechen sei nötig, damit sie den Erklärungen überhaupt folgen können. Zudem ist es, so Scheu, besser, mit den Menschen auf Augenhöhe zu gehen, Antworten abzuwarten und nicht einfach Untersuchungen durchzuführen, sondern das Vorgehen zu erklären.

Die Demenzbotschafterinnen haben für Unerfahrene drei Tipps, die in jeder Situation helfen können: Am wichtigsten sei es, den Menschen nicht bloßzustellen. Als Zweites raten sie dazu, die Sorgen des Betroffenen ernst zu nehmen. Zuletzt müsste man sich Zeit nehmen, für die Person da sein und bei Gesprächen die Gestik bewusst integrieren.

Verhalten der Menschen widerspiegeln

Besonders das Dasein könne für Betroffene nicht immer leicht sein, weil sich mit der Krankheit häufig auch der Charakter ändere, sagt Christa Doll. So würde sich oft ein gewisser Zorn oder ein mit dem Altersstarsinn vergleichbares Verhalten abzeichnen. Christina Scheu erklärt: In solchen Momenten hilft es oft, das Verhalten der Menschen widerzuspiegeln und etwa zu sagen: „Heute bist du aber sauer.“ Dann werde es ihnen erst bewusst und sie könnten sich beruhigen. Im Alltag käme es darauf an, die Menschen so anzunehmen, wie sie sind, sagt Doll. Es bringe nichts, ihnen vorzuhalten, dass man etwas schon oft erklärt habe. Die Lösung sei: einfach nochmal erklären. Auch für eine gesellige Runde in der Öffentlichkeit rät sie dazu, offen zu sein und die Situation anzunehmen. Das Vergessen müsse normal werden, sodass die Betroffenen ohne Scham am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. 

Weiter Termine der Demenzbotschafterinnen

Wer mit den Demenzbotschafterinnen in Kontakt treten möchte, findet deren Profile auf der Internetseite der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg. Zudem wird Christa Doll beim Jesinger Straßenfest am Sonntag, 14. September, mit einem Demenzparcours vertreten sein. Von 11 bis 15 Uhr können Interessierte an verschiedenen Stationen selbst erleben, mit welchen Schwierigkeiten an Demenz Erkrankte umgehen müssen. Am 8. November ist dies im Albert-Knapp-Saal in Kirchheim von 10 bis 14 Uhr möglich. Christa Scheu gibt am 11. Dezember von 18.30 bis 20 Uhr im Katastrophenschutzzentrum, In der Braike 14 in Owen, Tipps, wie sich Ersthelfer gegenüber demenziell veränderten Menschen verhalten können.