Überflutungen
Der vorsorgende Hochwasserschutz ist „eine Wahnsinnsaufgabe“

Das kommunale Starkregenrisikomanagement für Lenningen liegt vor. Wegen der Topografie mit den vielen Steilhängen ist die teilortreiche Gemeinde potenziell gefährdet. 

Die Häuser der Seestraße in Unterlenningen sind nicht nur wegen des Ehnisbachs hochwassergefährdet. Foto: Carsten Riedl

Es ist gar nicht so einfach für eine Gemeinde wie Lenningen, ein Starkregenrisikomanagement zu erstellen. Mit unserer Topografie ist das kein einfaches Terrain. Und uns allen ist bewusst: Wir sind in der Vergangenheit schon stark gebeutelt worden“, erklärte Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht, bevor Marie Mornigkeit vom Büro Pirker und Pfeiffer in Münsingen die über Jahre erstellte Analyse in knapp einer Stunde vorstellte. 

Zunächst erklärte sie, welche Kriterien, Daten, Rechenmodelle und anderes dem Werk zugrunde liegen. Viele Faktoren müssen berücksichtigt werden, um möglichst realitätsnahe Vorhersagen treffen zu können. Eines ist jedoch sicher: Egal von welchem Talhang das Wasser kommt, alles fließt zur Lauter hin. Für die Fachfrau stellen sich deshalb unter anderem die Fragen, wo die Hotspots liegen, ob Schulen oder Pflegeheime in einem Hochwasser-Risikogebiet liegen. „Ich erstelle Steckbriefe“, sagte Marie Mornigkeit. Das betrifft auch Privatpersonen, beispielsweise wenn es darum geht, das Haus bestmöglich vor Schäden zu bewahren, wenn es in einem gefährdeten Bereich steht. „Wichtige Fragen sind dann: Hat es eine Rückstauklappe oder ein druckdichtes Kellerfenster?“, sagte sie. Ein Worst Case ist eine lokale Senke, in der sich das Wasser staut.

Ich erstelle Steckbriefe.

Planerin Marie Mornigkeit

Viele Daten hat sie gesammelt und war vor Ort, um mögliche Risikoobjekte erkennen und Verbesserungsvorschläge unterbreiten zu können. Daraus resultierte das Handlungskonzept zur privaten und kommunalen Vorsorge. Wo befindet sich eine Gefahrenzone? Ist das eigene Gebäude betroffen? Lagern im Keller oder in der Tiefgarage wertvolle Gegenstände? All diesen Fragen muss nachgegangen werden. Aus diesem Grund soll es Infoveranstaltungen für die Bürgerinnen und Bürger in den Ortsteilen geben. „Dabei geht es unter anderem um die Eigenvorsorge, Versicherungen oder um ganz praktische Dinge“, sagte Marie Mornigkeit und nannte als Beispiel den Bau einer Mauer um das Grundstück. „Das ist natürlich nicht erlaubt, denn durch die eigene Bautätigkeit darf der Unterlieger nicht schlechter gestellt werden“, erläuterte sie.

Das Ziel ihrer Arbeit ist es, auf der gesamten kommunalen Fläche Schäden vermeiden zu helfen. Dazu zählt beispielsweise die regelmäßige Überprüfung von Wasserläufen und Einlaufbauwerken. „Bei extremem Starkregen haben wir das Problem der kurzen Vorlaufzeit. Das Einzugsgebiet ist in der Regel klein und ein Meldenetz nicht umsetzbar“, sagte die Expertin. Allerdings schlug sie vor, an möglichst allen Einlaufbauwerken Sensoren – sie gibt es schon an einigen – anzubringen, die einen schnellen Pegelanstieg sofort anzeigen. So kann die Feuerwehr schnell reagieren. 

Die Risikogebiete sind in einer Karte eingetragen, die bereits jetzt bei der LUBW im Internet abrufbar ist. Dazu zählen die Herrengärten in Gutenberg, unterhalb des Wasserfelsens zwischen zwei Steilhängen gelegen, ebenso das benachbarte Tiefental unterhalb der Gutenberger Höhlen und in Schlattstall in der Albstraße, dem „Endpunkt“ der Langen Steige. „Der Ehnisbach in Unterlenningen hat ein großes Einzugsgebiet. Hier kann das Wasser bei Starkregen wild abfließen und quer über den Acker kommen“, sagte Marie Mornigkeit und erinnerte daran, dass in der Vergangenheit bereits Geröll bis hinab auf die Wiesen geschwemmt wurde. Die Rückhaltung sollte hier ihrer Ansicht nach so nah wie möglich an der Bebauung liegen. „Wir können hier keinen sieben Meter hohen Damm bauen, sondern mit Augenmaß das Möglichste herausholen“, sagte sie im Hinblick auf die Seestraße. Aus ihrer Sicht wäre ein deutlich niedrigerer Damm ausreichend für ein „seltenes Ereignis“. 

„Es dauert, die Planung auf den Weg zu bringen. Wenn wir dann Listen aufstellen, müssen sie eingehalten werden. Gewässerschauen gehören dazu – die haben wir vernachlässigt“, gibt Michael Schlecht zu. Er sieht aber auch Privatpersonen in der Pflicht. Eine Plane, die das Brennholz vor Nässe schützt, kann jedoch im Ernstfall ein Einlaufbauwerk verschließen und so zu Hochwasser führen. „Das kommunale Starkregenrisikomanagement ist eine Wahnsinnsaufgabe, der wir uns in vernünftigen Schritten stellen wollen“, sagte er.