Händeringend werden quer durch die Republik Pflegekräfte gesucht. Offene Stellen gibt es in vielen Kliniken, doch die Bewerberinnen und Bewerber machen sich rar. Deshalb ist eine profunde Ausbildung im eigenen Haus die beste Medizin gegen den Pflegenotstand. Das Esslinger Klinikum tut viel, um künftige Pflegekräfte zu gewinnen und auf die Anforderungen ihres Berufs vorzubereiten. Rund 160 Ausbildungsplätze stehen in der Schule für Pflegeberufe zur Verfügung – in Theorie und Praxis werden Fachkräfte von morgen fit gemacht. Nun wurde die Ausbildung der Pflegeschülerinnen und -schüler erweitert: Sie können sich vor dem Examen auf einer Ausbildungsstation noch besser auf die Prüfungen vorbereiten und intensiv die Arbeit mit den Patienten proben. Dieses Konzept findet viel Beifall.
Theoretische und praktische Ausbildung gehen in der Schule für Pflegeberufe Hand in Hand: Der Unterricht vermittelt Fachwissen und bietet den Azubis Gelegenheit, sich soziale, methodische und fachliche Kompetenzen anzueignen. Dazwischen arbeiten sie in den Fachbereichen des Klinikums und bei Partnern wie der Sozialstation mit. „Man lernt in der Ausbildung ganz viel“, resümiert Pflegeschüler Luca Bauer. „Die nötige Erfahrung bekommt man jedoch nur in der Praxis. Am besten, wenn man selbstverantwortlich etwas tun darf. Es ist ein Riesenunterschied, ob man alleine arbeitet oder ob erfahrene Kollegen jeden Handgriff kontrollieren.“
Sicherheit kommt mit der Zeit
Deshalb hat das Esslinger Klinikum das Pilotprojekt einer Ausbildungsstation gestartet, in der die Examenskandidaten drei Wochen lang selbstständig arbeiten können: Jede Pflegeschülerin und jeder -schüler betreut dort in Früh- und Spätschicht drei Patienten – falls etwas unklar ist, stehen erfahrene Praxisanleiter mit Fachwissen und Tipps bereit. Sieben Pflege-Azubis haben dieses Angebot nun genutzt und eine Abteilung der Unfallchirurgie zur Ausbildungsstation gemacht. Da sie zusätzlich zur Stammbesatzung auf die Station kamen, war immer genügend Personal verfügbar, falls nicht gleich jeder Handgriff so flott saß wie bei den erfahrenen Kräften.
Abteilungsleiterin Ina Naumann kann dem Konzept einiges abgewinnen: „Jeder hat Stärken und Schwächen. Die werden einem bei selbstständiger Arbeit klar vor Augen geführt, und man merkt, wo man bis zur Prüfung noch etwas nacharbeiten muss. Die Möglichkeit, in der Ausbildungsstation noch mehr praktische Erfahrung zu sammeln, macht die Ausbildung attraktiver.“ Dass andere Häuser wie die Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden diesen Weg nun auch gehen, zeigt, dass das Projekt gut ankommt. In Esslingen soll das Angebot sogar ausgeweitet und auf andere Abteilungen des Klinikums übertragen werden. „Anfangs fühlt es sich an, als würde man ins kalte Wasser geworfen“, sagt Pflegeschülerin Amelie Warth. „Aber mit jedem Tag habe ich mich sicherer gefühlt. Je mehr Freiraum man bekommt, desto motivierter fühlt man sich. Besonders schön war, dass wir uns Zeit nehmen konnten. Je intensiver man sich um die Patienten kümmern kann, desto mehr kann man erreichen.“ Ihr Kollege Luca Bauer sieht das ähnlich: „Ich fand es sehr hilfreich, dass wir nicht wie zu Beginn der Ausbildung nur einzelne Aufgaben, sondern die gesamte Betreuung der Patienten übernommen haben – einschließlich der Gespräche mit Angehörigen. So bekommt man einen noch besseren Überblick über alle Anforderungen und merkt, wie viel Planung in einer funktionierenden Station steckt.“
„Die jungen Leute haben das exzellent gemeistert“, hat Jana Lingauer beobachtet, die die praktische Ausbildung am Klinikum koordiniert. „Das lief toll, und wir waren beeindruckt, wie selbstständig alle gearbeitet haben. Man hat gespürt, wie viel Spaß sie bei der Arbeit hatten und wie gut sie als Team harmonierten.“ Damit haben die Pflegeschüler auch bei Ina Naumann gepunktet: „Das sind richtig gute Leute, die wir nach der Ausbildung gerne übernehmen wollen.“ Vize-Teamleiterin Manuela Merk freut sich über jeden jungen Menschen, der sich für eine Pflegeausbildung begeistert: „Wir haben so einen schönen Beruf – das wollen wir gerne in der Ausbildung vermitteln. Und wer mehr daraus machen möchte, findet viele Möglichkeiten, um sich weiter zu qualifizieren – etwa im Schmerzmanagement oder um selbst Praxisanleiter zu werden.“
Den Patienten hat‘s gefallen
Friederike Öllbrunner, die zu den erfahrensten Pflegekräften auf der Ausbildungsstation gehört, hat festgestellt, dass das Projekt auch bei den Patienten sehr gut ankam: „Jeder hat gespürt, wie die jungen Leute in ihrer Aufgabe aufgegangen sind und dass sie das Bestmögliche für die Patienten tun wollen. Nicht nur wir Kollegen, auch viele Patientinnen und Patienten waren traurig, als das Pilotprojekt wieder zu Ende war.“
