Ganz Neidlingen befindet sich im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Auf seiner Gemarkung liegen 21 Naturdenkmale, und drei davon sind die Schauplätze einer Sage von Wilhelm Hauff.
Heimenstein
Widmen wir uns zunächst dem Ausgangspunkt der Sage, dem Heimenstein als Wohnsitz des Riesen Heim. Er ist vom Wanderparkplatz „Bahnhöfle“ aus zu erreichen, der an der Verbindungsstraße zwischen Schopfloch und Reußenstein liegt. Man folgt dem mit einem roten Dreieck markierten Alb-Nordrand-Weg „HW1“, der die ersten 500 Meter noch auf einem Schotterweg verläuft. Dann zeigt das rote Dreieck zu einem rechter Hand abzweigenden schmalen Pfad. Hier steht ein alter Grenzstein mit eingemeißeltem Elefanten, dem Wappentier der Grafen von Helfenstein, die zeitweise auch Besitzer der Burg Reußenstein samt Umgebung waren.
Nach einem weiteren halben Kilometer ist man auch schon am Ziel, dem Heimenstein mit großartiger Aussicht auf Neidlingen im Tal und die dahinterliegende Ruine Reußenstein. Unter dem Heimenstein hindurch führt die 80 Meter lange Heimensteinhöhle auf ein Plateau, das nur durch die Höhle hindurch erreicht werden kann. Bis auf eine kurze Kletterstelle, an der man die Hände zur Hilfe nehmen muss, ist die Höhle mit einer Stirnlampe sehr einfach zu bewältigen.

Man sieht es den Wänden der Höhle schon an, dass sie einst durch einen unterirdisch fließenden Bachlauf erschaffen wurde. Als der Karstwasserspiegel sank, wurde nur noch die untere Hälfte der Höhle durchflossen und somit stärker ausgehöhlt als der obere Bereich. So entstand ein sogenanntes „Schlüssellochprofil“, das vor allem am Höhlenausgang sehr markant ist. Auf dem Plateau sind noch heute zwei tiefe, runde Kolke zu erkennen, durch die das Wasser weitergeflossen war.
Neidlinger Wasserfall
Das zweite Ausflugsziel auf den Spuren des Riesen Heim ist der Neidlinger Wasserfall mit Lindachquelle. Weil der Wanderweg „Pfannensteige“ zwischen Bahnhöfle und Reußenstein seit Jahren wegen Steinschlaggefahr gesperrt ist, empfehlen wir, ihn von unten anzulaufen. Das schöne Tal um Neidlingen bietet sich als Ziel einer Radtour an, doch man kann auch mit dem Auto bis zum Wanderparkplatz Braike am Ende der Neidlinger Kirchstraße fahren. Von hier sind es noch rund zwei Kilometer bis zum Wasserfall, die entweder zu Fuß oder auch mit Laufrad oder Tretroller zurückgelegt werden können – besonders der Rückweg macht dann Spaß, da rollt es ganz von allein.
Die Lindachquelle versiegt im Sommerhalbjahr manchmal vollständig, doch nach anhaltendem Regen erwacht sie wieder und sprudelt kräftig. Besonders eindrucksvoll ist der Wasserfall auch im Winter, wenn er sich in ein imposantes Gebilde aus Eiszapfen verwandelt. Vom Radweg bis zur Quelle führt ein abenteuerlicher, wurzeldurchwachsener Pfad. Ein romantisches Brückchen zwischen Quelle und Wasserfall rundet das Bild des malerischen Ortes ab.
Reußenstein
Ihr fulminantes Ende hat die Sage schließlich am Reußenstein. Der kürzeste Weg führt vom gleichnamigen Wanderparkplatz auf geradem, ebenem, etwa 300 Meter langem Teerweg zu einem Aussichtsfelsen direkt vor der Burg. Ab hier geht es auf schmalen Pfaden weiter. Man kann den Reußenstein natürlich auch als Punkt einer Wanderung mitnehmen, beispielsweise dem 14 Kilometer langen, ausgeschilderten Rundwanderweg „Filsursprung-Runde“ aus der Reihe der Göppinger Löwenpfade.

Die Burg wurde gegen 1270 auf einer Höhe von 760 Metern über dem Meeresspiegel erbaut. Erster Herr der Burg war seit etwa 1301 Ritter Diethoh von Kirchheim-Stein, doch schon ab der nächsten Generation wechselte sie sehr häufig den Besitzer.
Die Burg zählt zu den meistbesuchten Burgen der Schwäbischen Alb und bietet einen wunderschönen Blick auf Neidlingen und den gegenüberliegenden Heimenstein mitsamt Höhlenausgang. Im Inneren der Burg gibt es auf mehreren Stockwerken viele Bereiche zu erkunden. Sehr beliebt sind die Burgfelsen auch bei Kletterern.
Der Riese Heim
Auf dem Heimenstein hoch über Neidlingen lebte einst der reiche Riese Heim in einer Höhle. Sein Blick fiel auf einen Felsen auf der anderen Talseite, den Reußenstein. Dort wollte er sich eine Burg bauen lassen.
Die aus ganz Schwaben herbeigeeilten Meister und Gesellen bauten ihm flink nach seinen hinübergeschrienen Anweisungen eine schöne Ritterburg, denn der Riese versprach ihnen reichlichen Lohn.
Als die Burg fertig war, machte der Riese Heim einen großen Schritt über das Tal, doch er schaffte es nicht ganz hinüber. Sein Fuß traf die Bergflanke, und als er ihn wieder herauszog, sprudelte eine Quelle aus dem Gestein. So war die Lindachquelle entstanden, und das Wasser fiel über einen wunderschönen Wasserfall hinab.
Der Riese Heim zog in seine Burg ein, doch an der allerhöchsten Stelle fehlte noch ein Nagel. Bevor der Nagel nicht eingeschlagen war, verweigerte der Riese die Löhne. Doch niemand war mutig genug, dieses Wagnis einzugehen. Nur ein junger Geselle, der in die Tochter seines Meisters verliebt war, fasste sich ein Herz. Da kam ihm der Riese Heim zur Hilfe und hob den jungen Mann zum Fenster hinaus, damit er den Nagel einschlagen konnte.
Nun konnten alle Löhne ausgezahlt werden. Der Geselle wurde vom Riesen jedoch am besten bezahlt, und so stand einer Hochzeit mit der Tochter seines Meisters nichts mehr im Wege.
Nach einer Erzählung von Wilhelm Hauff (1802 – 1827)

