Wer an die Esslinger Firma Eberspächer denkt, der denkt an einen Automobilzulieferer, der sich mit Abgastechnik, Fahrzeugheizungen und Klimasystemen einen Namen gemacht hat. Dass sich das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg mit so genannten Notprodukten wie Koffern und Einkaufstaschen aus Leichtmetall, Sparherden, Arztkoffern, Metallbaukästen und sogar Beinprothesen mit beweglichen Gelenken über Wasser gehalten hat, ist heute nur noch Kennern der Firmengeschichte geläufig. Rolf Bauche beschäftigt sich seit einigen Jahren mit Aluminiumkoffern der Nachkriegszeit. Inzwischen hat der 67-Jährige, der in Bergisch Gladbach lebt, nicht nur ein reiches Wissen über solche Produkte zusammengetragen, sondern auch eine ganze Reihe solcher Koffer. Und weil ihn der Forschergeist gepackt hat, hofft Bauche auf Zeitzeugen, die seine Erkenntnisse weiter vertiefen könnten.
Neubeginn mit Notprodukten
„Mein Ziel ist es, dass sich Esslinger melden, die zur Rekonstruktion dieses spannenden Kapitels der jüngeren Vergangenheit beitragen können“, erklärt Rolf Bauche, der als Prähistoriker eigentlich auf Ur- und Frühgeschichte spezialisiert ist: „Mich würde interessieren, wer noch Fotos von damals hat. Wer kann sagen, wie die Koffer zum Kunden kamen, ob es noch unbekannte Modelle gab und was bei der Firma Zarges aus den Esslinger Werkzeugen wurde?“ Denn die sollen später dorthin verkauft worden sein.
„Es ist nicht die Zahl an Koffern, die mich fasziniert – es sind die Geschichten der Nutzer.
Rolf Bauche
Bauches Interesse an den Koffern wurde geweckt, weil er sich seit fast 20 Jahren in seiner Freizeit und rein hobbymäßig mit Metallflugzeugbau und da besonders mit der Blechschlosserei beschäftigt. „Da sind mir diese Koffer begegnet, als ich wissen wollte, was die Flugzeugbauer nach Kriegsende gemacht haben.“ Gegen Kriegsende hatte Eberspächer unter anderem Leichtmetallteile für Strahltriebwerke hergestellt. Als nach dem Krieg immer mehr frühere Mitarbeiter ins Werk zurückkehrten und weil man noch Leichtmetall übrig hatte, entstand die Idee, auf Notprodukte umzustellen.
Rolf Bauches Recherchen legen nahe, dass Eberspächer in der Nachkriegszeit für einige Zeit vermutlich der größte Produzent solcher Aluminiumkoffer gewesen ist. Auf einer Landkarte hat Bauche alle bislang von ihm entdeckten Eberspächer-Alukoffer vermerkt – Nachweise hat er von der Schweizer Grenze bis hinauf an die Ostsee gefunden. „Aber es ist nicht die große Zahl an produzierten Koffern, die mich fasziniert, sondern es sind die Geschichten der Nutzer“, erklärt er. „Viele Koffer wurden an politisch und rassisch Verfolgte gegeben. Wie das erfolgte, habe ich allerdings noch nicht herausgefunden.“ Auch da hofft er auf Hinweise.
Geschichten aus der ganzen Welt
Eine ganze Reihe spannender Geschichten und aufschlussreicher Fotografien hat Rolf Bauche schon zusammengetragen: Da sieht man so genannte Displaced Persons, also Menschen, die als Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Arbeitskräfte nach Deutschland gekommen waren und nach Kriegsende über Bremerhaven in die USA auswanderten – ihre Habseligkeiten trugen viele in einem Alukoffer bei sich. Man sieht jüdische Auswanderer, die in Haifa eine neue Heimat suchten – manche der Koffer, die sie damals mit sich trugen, werden heute auf Flohmärkten in Israel angeboten. Auch im Depot der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem und in den jüdischen Museen in Sidney, Milwaukee oder Berlin kann man solchen Aluminiumkoffern heute noch begegnen – und im Studierzimmer von Rolf Bauche in Bergisch Gladbach, wo sich einige dieser historischen Exponate stapeln.
„Es ist nicht mein Ziel, viele Koffer zu haben“, versichert der Forscher. „Ich benötige sie aber, um sie genau untersuchen und fotografisch dokumentieren zu können.“ Rolf Bauche hat inzwischen einiges an Zeitzeugenberichten, historischen Dokumenten, Bildmaterial und Koffern zusammengetragen. Er könnte sich gut vorstellen, seine Forschungsergebnisse mit anderen zu teilen: „Ich arbeite so daran, dass eine kleine Publikation möglich wäre, ebenso wie eine Ausstellung.“ Und er hätte nichts dagegen, auch in Esslingen an das zu erinnern, was in der Nachkriegszeit dort produziert worden war.
Kontakt Wer Rolf Bauche mit Hinweisen und Erinnerungen zu den Aluminiumkoffern der Firma Eberspächer unterstützen möchte, erreicht ihn per E-Mail an rolf.bauche@t-online.de
Eberspächer und seine Metallkoffer
Kriegswirren: In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 produzierte Eberspächer unter anderem Motorverkleidungen, Luftleitbleche und Teile für Strahltriebwerke. Nach Kriegsende war zeitweise sogar die Demontage des Esslinger Betriebs zu fürchten, wie sich der frühere Firmenchef Helmut Eberspächer später erinnerte. Doch dieser Kelch ging an dem Unternehmen vorüber.
Notprodukte: Nach dem Krieg kehrten immer mehr ehemalige Mitarbeiter zurück, die beschäftigt werden wollten. So wurde überlegt, was man mit dem verbliebenen Material produzieren könnte. 1946 begann der Bau von Reisekoffern aus Leichtmetall. Als Höchstpreis legte die Preisbildungsstelle für Koffer der Größe 4 aus Duralblech 69,50 Reichsmark, für Leichtmetallkoffer 56,50 Reichsmark fest. Bis zum Ende der Produktion 1949 wurden mehr als 50 000 Alukoffer gefertigt, die Werkzeuge wurden später an die Firma Zarges verkauft. adi

