Es ist ein schöner Herbsttag, der Himmel blau, die Bäume bunt. Zielstrebig steuert Werner Schnerring auf dem Balzholzer Haldenhof den Pferdestall an: „Kommet“, ruft er in freundlichem Ton. Es dauert nur einen Augenblick, bis fröhliches Wiehern ertönt und drei Pferde ihre Köpfe durchs Scheunentor strecken. Der Besuch bei Ravina, Resi und Ranja gehört zum morgendlichen Ritual des 93-Jährigen. „Früher haben wir immer alle schweren Arbeiten mit Gäulen gemacht“, sagt er. Dazu gehörte das Pflügen der eigenen Felder, aber auch von Äckern sogenannter „Fabrikbauern“ – Bauern, die neben der Arbeit in Strickereien oder in Industriebetrieben wie Heller oder Metabo meist ein paar Ziegen hatten und Felder bewirtschafteten.
Werner Schnerring erinnert sich gut an seine Kindheit und die frühen Jugendjahre, in denen er viele Arbeiten übernahm, die bis dahin der acht Jahre ältere Bruder erledigt hatte. Als der 1942 in den Krieg musste, war der damals zehnjährige Werner Schnerring als vollwertige Kraft gefragt. Dazu gehörte, in Neuffen Stammholz und in Linsenhofen Meterholz in Züge zu verladen. Damit wurde eine „kriegswichtige“ Zellstofffabrik in Ehingen an der Donau beliefert, die daraus unter anderem Stoff für blaue Arbeitsanzüge fertigte.
Zwischen Krieg und Verschonung
Werner Schnerring ist sich bewusst, dass er während des Zweiten Weltkrieges und danach zu den Privilegierten gehörte. Flüchtlingen habe man viel Unrecht getan. Es habe immer geheißen, wenn sie etwas Rechtes gehabt hätten, wären sie nicht gegangen. Erst später habe man erfahren, dass sie oft Betriebe mit viel größeren Ländereien hatten als die Landwirte am Fuß und auf der Schwäbischen Alb. „Wir haben keine zehn Prozent von dem erlebt, was Menschen in der Stadt mitgemacht haben“, sagt er. Er denkt an massive Fliegerangriffe und daran, dass die Menschen teilweise nichts zu essen hatten. „Die Erwachsenen hatten auch bei uns Angst“, sagt er. Als Jugendlicher habe er vieles gar nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst.
Zum Glück der Familie Schnerring gehörte, dass ihr, anders als vielen anderen, kein Pferd für die Ausbildung der Artillerie in Tübingen abgezogen wurde. Während das Gros der Bevölkerung mit zugeteilten Lebensmittelmarken gerade so über die Runden kam, habe seine Familie immer genug zu essen gehabt. Obst wie Äpfel, Birnen und Kirschen waren zur Genüge da. Außerdem gab es einen Schein fürs Schlachten eines Schweins und einen Mahlschein für die Mühle. Je nachdem, wie viel Getreide die Familie angepflanzt hatte, musste sie Korn abliefern. Mehl habe man sparen und deshalb strecken müssen. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt Werner Schnerring, dass man ab und zu auf der Schrotmühle, auf der sonst Getreide für die Schweine gemahlen wurde, mit einem ganz feinen Mahlgrad noch etwas Korn für den Eigenbedarf durchgelassen habe. Aus Angst, erwischt zu werden, habe die Familie einen Hund ans Scheunentor gebunden. „Das hätte auf jeden Fall eine Verzögerung gegeben.“
„Im Krieg war alles anders“
Seine Kindheit und Jugend teilt Werner Schnerring in eine Zeit vor und nach Kriegsbeginn ein: Vor dem Krieg sei ein Bäcker samstagnachmittags mit einem Leiterwagen von Haus zu Haus gezogen, um leckeres süßes Gebäck und Brezeln für den Sonntag zu verkaufen. Er erinnert sich auch an die Mahlzeiten unter der Woche, vom Frühstück über ein leichtes Vesper um 9 Uhr vormittags bis zum reichhaltigen Nachtessen, wenn im Stall sämtliche Arbeiten erledigt waren. Dass man danach im Sommer noch in den Garten gegangen sei, habe sich mit dem Krieg verflüchtigt. „Im Krieg war alles anders“, sagt er. Abends kam immer das gleiche Essen auf den Tisch: Bratkartoffeln mit „gestandener Milch“. Dazu habe man kein Brot gebraucht.
Noch etwas änderte sich mit dem Krieg: „Vor dem Krieg hatte man vor Gewitter Angst. Im Krieg war man froh, wenn es nur gewitterte und es keine Fliegerverbände waren“, so Werner Schnerring. Je länger der Krieg ging, habe sich der Himmel vor lauter Flugzeugen immer wieder verdunkelt. Als über Dettingen 1945 Brandbomben niedergingen, habe es tagelang ausgesehen, als herrsche Morgenröte.
Auch andere Angriffe haben sich dem inzwischen betagten Mann eingebrannt: So sei er einmal mit Freunden bei einem Sattler in Frickenhausen gewesen. „Wir haben beim Laufen aus Spaß die Augen zugemacht, um zu sehen, wann wir von der Straße abkommen.“ Plötzlich habe es einen Schlag getan, ein paar Meter vor der Gruppe sei ein Geschoss im Boden gesteckt. Es war nicht das einzige Mal, dass er nach einem Fliegerangriff unter einem Obstbaum Schutz suchte.
Warten auf Post von der Front
Jeden Sonntag sei in der Kirche der Soldaten aus dem Ort gedacht worden, die in der vergangenen Woche gestorben waren. Sehnsüchtig hätten die Eltern immer auf Post von seinem älteren Bruder gewartet. Werner Schnerrings Redefluss versiegt. Er denkt an eine Postkarte mit „negativem Inhalt“, die die Mutter damals zum Weinen brachte und ihrem Sohn noch 80 Jahre später die Tränen in die Augen treibt. Der Inhalt ist eine große Leerstelle. Im November 1945 sei der verwundete Bruder aus der Gefangenschaft entlassen worden. Ob er über das reden konnte, was er erlebt hatte? „Ja, er hat schon geredet. Manche haben gar nichts geredet.“
Der Balzholzer erinnert sich auch an zwei deutsche Piloten, die Flugzeuge der Alliierten abschießen wollten und dann in Beuren und am Gelben Felsen selbst abgeschossen wurden. Der eine Pilot sei in Beuren in einer kleinen Kammer aufgebahrt worden, bis man ihn abgeholt habe. „Wenn man es erzählt bekommt, ist es das eine – wenn man es erlebt hat, ist es das andere“, sagt Werner Schnerring nachdenklich.
Für ein Wunder hält er, dass auseinandergerissene, geflüchtete Familien nach dem Krieg wieder zusammenfanden. Auf dem Hof, der damals noch an der Hauptstraße in Balzholz angesiedelt war, wurde sieben Jahre lang eine dreiköpfige Familie einquartiert. „Wir hatten ein gutes Verhältnis“, betont der 93-Jährige. Mit der Tochter sei er aufgewachsen, als wäre es seine Schwester.
„Wir dürfen uns nicht beklagen“, so lautet das Resümee von Werner Schnerring. „Es ist vollkommen falsch, was geschehen ist. Kriege sind so unnötig, aber die Menschheit lernt nichts“, sagt er. „Wenn um 8 Uhr die Tagesschau kommt, richte ich am liebsten das Vesper.“

