Leidenschaft
Ein ganzes Jahr Weihnachten

Für ihn ist der Christbaum der schönste Baum, den es gibt: Gerhard Haug aus Esslingen bastelt das ganze Jahr über Weihnachtliches – und erinnert sich dabei an sein ereignisreiches Leben. 

Gerhard Haug liebt Weihnachten: Das ganze Jahr über bastelt der rüstige Senior Christbäumchen. Foto: Roberto Bulgrin
Gerhard Haug liebt Weihnachten: Das ganze Jahr über bastelt der rüstige Senior Christbäumchen. Foto: Roberto Bulgrin

Für Gerhard Haug ist das ganze Jahr über Weihnachten: Von Januar bis Dezember bastelt der 98-jährige Esslinger Bäumchen aus Holz für das Christfest. Sein eigenes Leben aber ist nicht immer ein Fest gewesen.

In seinem Apartment im Esslinger Katharinenstift stehen die selbst gemachten Bäumchen – beleuchtet, geschmückt, grün und weiß, mit viel Dekoration, in unterschiedlichen Größen. Gerhard Haug schenkt sie Menschen, die ihm wichtig sind. Freunden, Verwandten und den Mitarbeitenden, die sich in der Senioreneinrichtung um ihn kümmern. Zwischen den Bäumchen steht aber auch ein Eiffelturm aus Holz, und ein Bild an der Wand zeigt das Pariser Wahrzeichen. Drei Mal sei er dort oben gewesen, erinnert sich der Senior. Jedes Mal ein besonderes Erlebnis. Fast so schön wie Weihnachten.

„Wir waren das letzte Aufgebot“

Doch sein Leben bestand nicht nur aus Feiertagen. Der im Juni 1927 in Esslingen-Rüdern Geborene hatte in seinen Teenager-Jahren wenig von seiner Jugend. Mit 17 Jahren, erinnert er sich, wurde er während der NS-Diktatur zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet und musste in Bayern drei Monate lang für das Regime schuften. Dann wurde er nach Ulm abkommandiert. Danach, so erzählt er, wurde er an verschiedene Stellen im Land versetzt: „Wir waren das letzte Aufgebot.“ Ihm und seinen Kameraden wurde eingetrichtert, dass sie den Feind zurückschlagen und den Zweiten Weltkrieg für Deutschland gewinnen müssten. 

Auch Gerhard Haug musste für solche Durchhalteparolen büßen. Gegen Kriegsende wurde er an die Amerikaner verraten und geriet so in Gefangenschaft. Über verschiedene Stationen landete er in Marseille. Die US-Amerikaner hatten ihre deutschen Gefangenen an die Franzosen übergeben. Die von NS-Deutschland im Nachbarland begangenen Gräuel hatten besonders tiefe Wunden geschlagen – die Wut saß tief, der Hass war groß, die Behandlung schlecht. Ein Laib Brot, erinnert sich Gerhard Haug, musste für 16 Mann reichen. Nagender Hunger war sein ständiger Begleiter.

Doch sein Schicksalstag war der 30. Juni 1945, der Tag nach seinem 18. Geburtstag. Die Gefangenen mussten im französischen Straflager antreten. Ihnen wurde mitgeteilt, dass alle unter 18-Jährigen entlassen werden würden und nach Hause dürften. Die anderen hatten in Frankreich zu bleiben: „Wegen eines einzigen Tages musste ich fünf Jahre in Gefangenschaft bleiben.“

Zwangsarbeit in Frankreich

Hungern musste er aber nicht mehr. Er wurde zur Arbeit bei einem französischen Landwirt verpflichtet. Seine vor dem Krieg abgeschlossene Ausbildung als Betriebselektriker kam Gerhard Haug zugute: Er konnte vieles reparieren, bei Bekannten des Bauern Elektrizität installieren, den Laden von dessen Bruder mit Licht versorgen. Das brachte ihm Pluspunkte ein. Er wurde gut behandelt. 1966, sagt Gerhard Haug mit Rührung in der Stimme, habe er beschlossen, „seinen Bauern“ nochmals zu besuchen: Der Mann habe ihn zur Begrüßung eng in die Arme geschlossen.

Wieder daheim in Esslingen fand Gerhard Haug nach der Gefangenschaft langsam in den Alltag zurück. Er hat als Betriebs­elektriker gearbeitet – und an einer seiner Arbeitsstätten seine spätere Ehefrau kennengelernt. 67 Jahre waren beide verheiratet. Mit 91 Jahren sei sie verstorben. Er blieb allein zurück. Vor vier Jahren ging er ins Katharinenstift.

Doch einsam war und ist er nicht. Aus aktiven Sportlertagen hat er viele Bekannte, Familie und Freunde kommen ihn besuchen. Nicht nur, weil manche von ihnen ein selbst gemachtes Weihnachtsbäumchen geschenkt bekommen. Sondern auch wegen der Geschichten, die der rüstige Senior aus seinem langen, bewegten Leben erzählen kann. Sie sind ein Stück Zeitgeschichte und eine Mahnung gerade zu Weihnachten: Eine so lange Friedenszeit habe es noch nie gegeben, sagt Gerhard Haug. Die Geschehnisse in der Ukraine oder im Nahen Osten verfolgt er aber nur am Rande. Er schaut sich lieber Sportsendungen im Fernsehen an – oder bastelt an seinen Weihnachtsbäumchen. Das ganze Jahr über.