Soziales
Ein Schutzhaus für Frauen und Kinder in Nürtingen

In Nürtingen entsteht das vierte Frauenhaus im Landkreis Esslingen. Die Caritas informierte im Rathaus über das Projekt. Unter den Besuchern stieß das Vorhaben nicht nur auf Zustimmung.

Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 2,4 Millionen Euro. Foto: Anke Kirsammer
Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 2,4 Millionen Euro. Foto: Anke Kirsammer

Sie sollen Schutz bekommen, beraten und begleitet werden und im besten Fall in der Region eine neue Heimat finden. Frauen und ihre Kinder, die von Gewalt betroffen sind. Mitten in Nürtingens Innenstadt entsteht derzeit ein Frauen- und Kinderschutzhaus. Die Caritas als Betreiberin verfolgt mit dem Haus bewusst ein offenes Konzept. Am Donnerstag wurde das Projekt im Sitzungssaal des Rathauses vorgestellt. 

„Wenn Sie mich gefragt hätten, was in Nürtingen fehlt, hätte ich gesagt, ein Frauen- und Kinderschutzhaus“, so Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Seit Jahren habe sich die Stadt darum bemüht. Er freue sich über den Namen Elisabeth-Selbert-Haus. Die Namensgeberin habe sich als Bundestagsabgeordnete für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern eingesetzt. Grundrechte seien auch Schutzrechte, so der Jurist. Durch seine Lage im Herzen Nürtingens ermögliche das Haus, das Anfang 2028 eröffnet werden soll, Teilhabe. Kurze Wege etwa zum Arzt, zur Schule oder zu sozialen Einrichtungen bedeuteten auch eine gewisse Sicherheit.

Lücke bei Frauenhausplätzen

Regina Lutz, Leiterin des Kreissozialamts, betonte, es habe nicht nur viele Partner, sondern auch viel Beharrlichkeit gebraucht, um das vierte Schutzhaus Realität werden zu lassen. Im Landkreis Esslingen gibt es derzeit 43 Plätze in Frauen- und Kinderschutzhäusern in Esslingen, Kirchheim und Filderstadt. Gemäß der Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt bräuchte es 55 Plätze. Gut sechs Jahre sei in Nürtingen nach einer Immobilie gesucht worden. Der Betrieb wird vom Landkreis finanziell unterstützt. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 2,4 Millionen Euro. 75 Prozent bezahlt das Land Baden-Württemberg. Die Lücke von 600.000 Euro muss noch geschlossen werden. 

Das in Nürtingen entstehende Elisabeth-Selbert-Haus sei explizit für Frauen oder Kinder mit Behinderung gedacht, genauso für ältere Menschen und solche mit ungesichertem Aufenthaltsrecht, die gefährdet seien, Gewalt zu erleben. Geplant ist ein Haus mit neun Wohneinheiten, davon einige rollstuhlgerecht. Darin kann jeweils eine Frau alleine oder auch mit ein oder zwei Kindern leben. Für die Kinder seien zwei Spielzimmer geplant.

Die Bewohnerinnen müssen die Adresse nicht geheimhalten, denn Studien belegen, dass ein offenes Konzept Vorteile habe. Die Chance, im neuen Leben anzukommen, sei für eine Frau größer, wenn sie ihrem Umfeld sagen dürfe, wo sie wohne. Wichtig sei ein gutes Sicherheitskonzept, etwa mit einem ausgeklügelten Schlüsselsystem. Gut sei auch die Nähe zur nahegelegenen Polizei.

„Schutz. Würde. Neubeginn.“ So lautet der Dreiklang auf dem Logo des Elisabeth-Selbert-Hauses. Um im besten Fall nach dem Auszug in einem Leben ohne Gewalt anzukommen, seien Fachleute wie pädagogische Fachkräfte im Haus. Es werde Einzel- und Gruppenangebote auch für die Kinder geben. 

Anwohner üben Kritik

Im Anschluss an die Vorstellung des Projekts übten Anwohner Kritik: Eine Frau monierte, sie sei alleinerziehend, könne wegen des Baulärms seit Wochen nicht im Homeoffice arbeiten und müsse jetzt für ihr Kind eine Betreuung organisieren. CDU-Stadtrat Andreas Deuschle sprach von einer „Katastrophe“. Ein Zahnarzt in einem Nachbargebäude habe seinen Betrieb vorübergehend einstellen müssen. Parkplätze seien nicht mehr nutzbar. Die Kritik, Johannes Fridrich hätte den Stadtrat in Kenntnis setzen müssen, wies der OB zurück: „Wann gebaut wird, wissen wir nicht. Das ist wie bei jedem anderen Haus.“ Über das Bauvorhaben habe er das Ratsgremium informiert.

Corinna Bodamer, Vorsitzende des Vereins Citymarketing, betonte ausdrücklich, als Privatperson fände sie es toll, dass das Haus mitten in der Stadt entstehe und Frauen in Not damit eine Zufluchtsstätte bekämen. „An mich werden aber Bedenken herangetragen“, sagte sie. Befürchtet werde, dass sich die Polizeipräsenz verstärke.

Gemeinsam Lösungen suchen

Unterensingens Bürgermeister Robin Schmitt gab zu bedenken: „Unsere Ängste sind nichts gegen die Ängste, die die Frauen und Kinder jeden Tag erleben.“ Ihnen müsse man eine neue Perspektive geben. Bärbel Kehl-Maurer, Fraktionsvorsitzende der SPD im Nürtinger Stadtrat, betonte, es sei großartig, dass die Anwohner gekommen seien und ihre Ängste formulierten. Wichtig sei, sie einzuladen und zu überlegen, wie man die Frauen mit ihren Kindern und die Nachbarschaft zusammenbringe.

Annett Falk, im Ordnungsamt zuständig für das Thema häusliche Gewalt, hält die Ängste für unbegründet und warnte davor, das Frauenhaus „in die Enge zu drücken“. „Es gibt in Nürtingen hier dreimal in der Woche häusliche Gewaltfälle. Tendenz steigend.“ Die Gefahr lauere eher in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Am 21. Oktober um 19 Uhr findet im katholischen Gemeindehaus St. Johannes in Nürtingen eine Benefizveranstaltung für das Elisabeth-Selbert-Haus statt. Studierende des Studiengangs Theatertherapie an der HfWU Nürtingen-Geislingen führen das Stück „Blaubart“ auf.