Für Louisa Lenge war klar: Will sie am Ende die Goldmedaille im spanischen Santa Susanna bekommen, muss sie wie eine Siegerin denken. „Schon als ich mich für die WM angemeldet habe, habe ich mir gesagt: ‚Du bist Weltmeisterin‘ “. Am Ende sollte die 27-jährige Grabenstettenerin recht behalten. Doch bis sie ihre Form präsentieren konnte, wurde ihr Siegeswille ordentlich strapaziert.
Die monatelange Vorbereitung mit ihrem Trainer sollte am frühen Nachmittag des 14. Novembers auf der Bühne münden. Auf den Punkt präpariert saßen Lenge und ihr Coach im Hotelzimmer und verfolgten die Weltmeisterschaft des Verbandes IFBB im Livestream.
Die Nacht des Erfolgs
Die Wettkampfform im Bodybuilding hat mit mehr zu tun als nur Diät und Muskelaufbau. In den letzten Tagen vor dem Auftritt werden die Glykogenspeicher der Muskeln zunächst durch gezieltes Training entleert. Anschließend führen die Athleten viele Kohlenhydrate hinzu, um die Muskeln praller wirken zu lassen. Viele entwässern ihren Körper zusätzlich, damit er noch definierter wirkt. Sogar die Salzzufuhr muss aufs Gramm stimmen. Es ist kein Zustand, den man allzu lange halten kann – oder möchte. „Gegen Ende einer Vorbereitung wirkt sich das natürlich auch psychisch aus“, berichtet Lenge. Für sie sollte es dennoch ein langer Wettkampftag werden.
Gegen 1.30 Uhr wurde ihre Klasse auf die Bühne gerufen. Lenge tritt in der Bodyfitness-Kategorie an. Die Juroren achten hierbei besonders auf die Proportionen zwischen der Schulter- und Hüftpartie. Gewünscht ist eine V-Form des Körpers. Insgesamt dürfen die Athletinnen muskulöser sein als etwa in der Bikini-Klasse. Sie sollen dabei aber weiterhin sehr feminin wirken. So wird auch Wert gelegt auf Make-up, Haare und Präsentation. Mehrere Stunden ging es für Lenge immer wieder auf und hinter die Bühne. In den kleinen Pausen aß sie Reiswaffeln mit Marmelade, pumpte mit leichtem Training Blut in die Muskeln. Alles, damit der Körper in der perfekten Form bleibt. Gegen 3.30 Uhr kam dann der erlösende Moment.
Bei der Siegerehrung wurden nach aufsteigender Platzierung die Startnummern der Athletinnen vorgelesen. „Der Moderator hat die Nummer für den zweiten Platz verkündet“, erzählt Lenge. „Kurz musste ich nachdenken, weil es natürlich auf Spanisch war.“ Dann realisierte sie: Sie ist Weltmeisterin. Obwohl die Grabenstettenerin angereist war, um zu gewinnen, den Pokal in Gedanken vielleicht sogar schon in die Höhe gereckt hatte: Als die deutsche Nationalhymne in der spanischen Nacht ertönte, sei das „trotzdem surreal“ gewesen, erzählt sie.
Lenge hat sich in diesem Moment ihren größten Traum erfüllt – und das gleich zu Beginn ihrer Karriere. Denn für die Bühne trainiert sie erst seit etwa eineinhalb Jahren. Unerfahren war sie jedoch nicht. „Meine Eltern hatten schon immer Fitnessstudios“, erzählt sie und fügt mit einem Lachen hinzu: „Ich bin quasi in einem geboren.“ Mit 16 sei ihr bereits bewusst gewesen: Eines Tages soll es auf die Bühne gehen. Viele Jahre spukte der Gedanke immer wieder in ihrem Kopf herum. Bis er eines Tages in der heimischen Küche aus ihr herausplatzte. „Ich habe gesagt: ‚Ich mache jetzt Bodybuilding‘ “, erzählt sie.
In Alex Stampoulidis fand sie einen versierten Trainer, mit dem sie fortan zusammenarbeitete. In ihrer zweiten Saison erreichte das Gespann nun, wofür andere jahrelang arbeiten.
So geht es nach dem Titel weiter
Künftig will Lenge sich mehr auf ihren Auftritt in den sozialen Medien fokussieren. Für die meisten Athletinnen und Athleten ist die eigene Präsentation und Sponsorensuche im Internet heute ein Muss. Denn Bodybuilding auf diesem Level ist zwar Spitzen- und Leistungssport. Von den Preisgeldern leben kann jedoch niemand. Für den WM-Titel erhielt Lenge etwa 500 Euro Aufwandsentschädigung. Das Geld stammt vom Deutschen Bodybuilding-Verband, da sie in Spanien das Nationalteam vertrat. Preisgeld vom austragenden IFBB-Verband gab es keines.
In den kommenden Monaten möchte sie auf ihrem Instagram-Kanal deswegen ihre Erfahrungen und Tipps rund um mentale Gesundheit weitergeben. „Bodybuilding ist einfach ein Sport, bei dem die Muskeln und auch das Mindset wachsen“, sagt Lenge. „Bodybuilding hat mich extrem viel gelehrt und mir sehr viel beigebracht“, sagt sie: Angefangen bei den Verbindungen, die sie auf den Wettkämpfen knüpfen durfte, über die körperlichen Aspekte bis hin zum Mentalen. Einen Teil davon will sie nun mit allen teilen.

