Bis zum Jahr 2030 möchte der Automobilzulieferer Elring-Klinger mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit Produkten jenseits des Verbrennungsmotors machen – so hat es das Unternehmen in seiner Konzernstrategie „Shape 30“ formuliert. „Der Standort Neuffen ist eines der Herzstücke der Produkttransformation“, sagt Jürgen Weingärtner, Leiter des Geschäftsbereichs Batterietechnologie bei dem Hersteller. Hier unter der Burg auf dem ehemaligen Bielomatik-Areal befindet sich seit 2021 das Batteriekompetenzzentrum von Elring-Klinger für den europäischen Markt.
Mehr Platz für Großaufträge
Alle batterietechnologischen Aktivitäten des Unternehmens sind hier gebündelt. Produziert werden in erster Linie Zellkontaktiersysteme, unter anderem für die Neue Klasse von BMW. Um solche Großaufträge zu realisieren, wurde die Produktionsfläche in Neuffen um ein Logistikzentrum mit rund 4500 Quadratmetern Fläche auf insgesamt 13.500 Quadratmeter erweitert. Weingärtner ist mit dem Hochlauf der Produktion zufrieden: „Wir sind insgesamt auf Kurs.“ Gearbeitet wird im Drei-Schicht-Betrieb. 715 Mitarbeiter sind in dem Werk mittlerweile beschäftigt.
Ein Zellkontaktiersystem verbindet einzelne Batteriezellen zu einer elektrischen Einheit. Eine Zelle hat ungefähr eine elektrische Spannung von 3,6 Volt, erklärt Weingärtner. Entsprechend viele Zellen müssen miteinander verbunden werden, um die mittlerweile geforderten 800 oder sogar 1000 Volt einer Batterie fürs Elektroauto zu erreichen. Darüber hinaus übernehmen die Zellkontaktiersysteme Aufgaben bei der Spannungs- und Temperatursensorik und übermitteln die entsprechenden Werte an den Bordcomputer.
Reduzierung der Ladezeiten
Neben der hochautomatisierten Produktion befinden sich in Neuffen auch die Entwicklung, ein Prototypen- und Musterbau sowie ein umfangreiches Testzentrum. Die innovativen Zellkontaktiersysteme seien eine Schlüsselkomponente der Batterie und damit des Elektroantriebs, sagt Weingärtner. Die technische Weiterentwicklung schreitet hier rasch voran. Ein Schwerpunkt liege zum Beispiel in der Optimierung der Zellanordnungen. Ebenso wolle man den Kunden erweiterte Lösungen für das sogenannte „Cell-Balancing“ bei den Ladevorgängen anbieten, einem Ausgleich des Ladezustands einzelner Batteriezellen in einem Akkupack, um so eine weitere Reduzierung der Ladezeiten zu ermöglichen.
Die Batteriepacks für Elektrofahrzeuge würden zunehmend komplexer – und damit auch die Zellkontaktiersysteme. Bei dem Konzept Cell-to-Pack zum Beispiel werden die Batteriezellen direkt im großen Batteriepack angeordnet – der Zwischenschritt, sie zunächst in Modulen zu bündeln, entfällt. „Man bekommt auf gleicher Fläche mehr Zellen unter und damit eine höhere Energiedichte“, erläutert Weingärtner.
Der 58-Jährige ist seit 24 Jahren bei Elring-Klinger. Unter anderem war er für den Autozulieferer mehrere Jahre in den USA und in Indien. Seit drei Jahren leitet er die Geschäftseinheit E-Mobility. Die Leidenschaft für diese Technologie merkt man ihm im Gespräch an. Als Ingenieur fasziniere ihn die momentan rasante Entwicklung bei den batterieelektrischen Fahrzeugen. Die Transformation in dem Unternehmen mitzugestalten, sei für ihn ein großer Anreiz, sagt er. Dazu zählt für den in Neuffen lebenden Karlsruher auch, angestammtes Know-how aus der Fertigung von Zylinderkopfdichtungen – mit denen das Unternehmen mit Hauptsitz in Dettingen/Erms seit jeher weltweit eine Spitzenposition einnimmt – oder dem Kunststoffspritzguss auf die E-Mobilität zu übertragen.
Starkes Umsatzwachstum
Mittlerweile generiere man in Neuffen einen „signifikanten Umsatz“, so Weingärtner. Im Geschäftsbericht für die ersten neun Monate dieses Jahres wird für das Segment E-Mobility ein Umsatz von 93,1 Millionen Euro ausgewiesen, nach 64,3 Millionen Euro für die ersten drei Quartale 2024. Der Zuwachs werde insbesondere durch den Hochlauf der Serienproduktion von Zellkontaktiersystemen in Neuffen getragen. Der Gesamtumsatz von Elring-Klinger in den ersten neun Monaten lag bei 1,23 Milliarden Euro.

Seine Aktivitäten in der Batterietechnologie baut das Unternehmen auch in den USA weiter aus. Dort wurde dieses Jahr ein neues Batterieentwicklungszentrum inklusive angeschlossener Fertigung in Easley im Bundesstaat South Carolina in Betrieb genommen – „nach Neuffener Vorbild“, so Weingärtner.
Am Standort Neuffen soll die 2025 gestartete Vorserienproduktion für den Großauftrag von BMW weiter gesteigert werden, auch sei geplant, Anfang 2026 eine zusätzliche hochautomatisierte Produktionslinie für ein weiteres Zellkontaktiersystem in Betrieb zu nehmen. „Die Halle in Neuffen war komplett leer, als wir angefangen haben, heute ist das Werk voll ausgelastet“, sagt Weingärtner: „Das ist eine gute Geschichte für den Standort Neuffen.“

