Dass sich im Innern der Turn- und Festhalle etwas Kurioses abspielt, ist an diesem Tag Ende Januar von außen zunächst nicht zu sehen. Es ist ein trüber, eisiger Vormittag, auf dem weitläufigen Schulhof ist niemand zu sehen. Nur auf dem Weg zum Haupteingang fällt der Blick durch das Fenster im Untergeschoss und auf eine Gymnastikgruppe, die ihre Leibesübungen abhält.
Die Sauna boomt und die Qualität der Fachkräfte muss nachziehen.
Moritz Heitel, Meister für Bäderbetriebe
So unwirtlich die Stimmung außen ist, so herzlich fällt der Empfang im Foyer aus. Ein Mann imquietschgelben, ärmellosen Shirt lächelt, zeigt auf die Tür zur Halle und sagt, die Gruppe sei gerade beim Üben. Dann bedeutet er uns, ihm zu folgen. Später wird er sich als Moritz Heitel vorstellen, einer von elf Teilnehmern, die sich bei einem Kurs der Akademie des Deutschen Saunabundes in der Kunst des Wedelns unterweisen lassen.
Das Bild, das sich in der Halle bietet, erinnert mehr an die Probenbühne eines Varietés denn an ein Trainingscamp für Saunapersonal. Die Handtücher werden durch die Luft gewirbelt, von unten über die Schulter, in großen und kleinen Bogen, von rechts und von links. Und ein bisschen hat es etwas von einer Choreografie, die Ausbilder Olaf Wimmer den Teilnehmern vorgibt.
Seit mehr als zehn Jahren richtet der Deutsche Saunabund einmal im Jahr ein Aufguss-Trainingscamp in Beuren aus, berichtet Martina Schmid. Sie ist selbst Saunameister und leitet das Sauna-Team der Panorama-Therme. Auf dem Lehrplan des zweitägigen Kurses stehen unter anderem Techniken wie die halbe Acht oder der Propeller, sagt sie schmunzelnd. Dahinter steckt jedoch einiges mehr, denn, fundiert ausgeführt, kann ein Aufguss eine eigene Dramaturgie, eine eigene Philosophie haben. „Der Aufguss ist für viele unserer Gäste der Höhepunkt des Tages“, sagt sie.
In der Form dieses Trainingscamps gibt es nur ein weiteres vergleichbares Angebot in Königswinter im Rhein-Sieg-Kreis, so Rolf Pieper. Er war bis ins Jahr 2022 hinein 38 Jahre lang der Geschäftsführer des Deutschen Saunabundes, dem Interessenverband von Saunabetrieben in der Bundesrepublik, und leitet noch immer Seminare wie dieses. Am ersten Tag stehe dabei ein Theorieblock mit einer Prüfung auf dem Plan, am zweiten dann die Praxis: „Und dann sind die Teilnehmer für Saunaaufgüsse qualifizierte Fachkräfte.“
Ausgebildet werden die Teilnehmer nach den Richtlinien für Aufgüsse in Deutschland, berichtet Pieper. Mit dieser Norm sei Deutschland einzigartig in der Welt. Darin ist unter anderem geregelt, wer Aufgüsse machen und wie viel Wasser dabei verdampft werden darf. Denn einfach Kellen voller Wasser auf den Ofen gießen und ein paar Duftstoffe hinzugeben, so leicht ist es nicht – es gibt Dinge, auf die sorgfältig geachtet werden muss.
Die Dramaturgie des Aufgusses
Was könnte bei einem Aufguss schiefgehen? Wenn die Aufgüsse etwa zu lang sind oder zu viel Wasser verwendet wird, erläutert Pieper. Das führt im schlimmsten Fall zu einer Überforderung der Gäste, die sich nicht immer einschätzen könnten: „Es ist ein tiefgreifender Eingriff in den Wärmehaushalt und wirkt auf den Kreislauf und auf das vegetative Nervensystem.“ So schreibt die Richtlinie auch vor, dass Aufgüsse nicht mehr als zwölf Minuten dauern dürfen.
Es gibt zwei Verfahren von Aufgüssen, erklärt Pieper. Einmal werden ätherische Öle auf eine Eiskugel geträufelt, die auf den Saunaofen gelegt wird; das andere Mal werden ätherische Öle in einem Trägermittel, etwa Alkohol, und mit Wasser gemischt. Wenn das Mischverhältnis nicht stimmt, kann es zu Verpuffungen kommen.
Fachgerecht angewendet, bietet der Aufguss gegenüber dem „trockenen“ Saunieren einen entscheidenden Vorteil, so der Fachmann – und hier kommt aufs Neue die Wedeltechnik ins Spiel. „Für gewöhnlich bildet sich beim Saunieren eine Schutzschicht aus Schweiß auf der Haut“, sagt Pieper. Die richtige Wedeltechnik verteilt nicht nur die wohltuenden Dämpfe in der Sauna, sie durchbricht zugleich diesen Schutzfilm auf der Haut: „Das führt dazu, dass Gäste die Hitze noch stärker spüren.“ Feuchte Luft empfindet der Körper heißer als trockene Luft.
Längst messen sich die Besten in Deutschland, in Europa und auf der Welt in Wettkämpfen. Kriterien dafür sind etwa die Show, die Wedeltechnik, das Thema oder Konzept sowie der Hitzegrad beim Aufguss, berichtet Pieper.
Beim Seminar in Beuren nehmen die Teilnehmer zusätzlich die Grundlagen in den Blick. Die Gruppe ist gemischt und so verschieden sind die Gründe, weshalb die Einzelnen an dem Kurs teilnehmen. Da ist etwa Moritz Heitel aus Kirchheim. Er ist selbst Meister für Bäderbetriebe und Geschäftsführer eines Dienstleistungsunternehmens, das unter anderem Personal für Schwimmbäder in der Region vermittelt. Mit einem Mitarbeiter bildet er sich fort, um „an der Materie dranzubleiben“. Die Sauna boomt und die Qualität der Fachkräfte müsse nachziehen, sagt er.
Eine andere Teilnehmerin ist Silvia Mainka, seit fast zehn Jahren arbeitet sie im Quadrium in Wernau, erzählt sie. Dort betreut sie die Frauensauna. Sie habe sich aus zwei Gründen angemeldet. Zum einen, weil sie persönlich noch einmal etwas Neues lernen möchte, zum anderen, um wörtlich frischen Wind in die Holzkabinen zu bringen. „Die Ladys sind da manchmal recht anspruchsvoll“, sagt sie lachend.
Viel Zeit zu erzählen, haben die Teilnehmer nicht, da stehen sie schon wieder im Rechteck. Dieses Mal stellen sie eine Sauna nach, der Reihe nach simulieren sie einen Aufguss und trainieren den korrekten Handtuch-Schwung. Die Übung hat nur noch wenig mit dem eingangs beschriebenen bunten Handtuch-Reigen zu tun. Aber so geben sie sich direkt Rückmeldung und erfahren am eigenen Leib, wie der Luftzug durchweht und an welcher Stelle sie ihre Technik verfeinern können.

