Hierarchien wurden in den 1970er Jahren noch auf fragwürdige Weise ausgelebt. Einer ihrer Dozenten, erinnern sich Studenten der Hochschule Esslingen aus diesen Tagen, setzte sich vor der ersten Vorlesung zu Semesterbeginn auf einen rollenden Laborwagen und ließ sich von seiner Assistentin in den Hörsaal schieben. „Er hielt das für einen guten Gag“, versucht Rudolf Thom das Verhalten des Professors zu erklären. In den 1970er Jahren war vieles anders. Erinnerungen lassen er, Herbert Gonsiorek, Helmut Eiting und ihre Kommilitonen zwei Mal jährlich bei Hochschul-Veteranen-Treffen aufleben. Im ersten Halbjahr 2025 steht ihr 100. Semestertreffen an.
Gnadenloses Aussieben
Es war eine Zeit der Umbrüche, der Umtriebe, der gesellschaftlichen Umwälzungen. Es war auch die Zeit der Studentenproteste, der Forderungen der 68er-Bewegung, des Terrors der Baader-Meinhof-Bande. Von den revolutionären Stürmen draußen bekamen die Studienanfänger des Fachs Feinwerktechnik an der damaligen Staatlichen Ingenieurschule Esslingen, einer Vorläuferin der heutigen Hochschule, wenig mit. Die Anforderungen waren hart, die Prüfungen schwer, das Aussieben gnadenlos: Von den 36 Studienanfängern 1970 machten nur 18 sechs Semester später ihren Abschluss. Für eine Revolution blieb keine Zeit.
Aufgemuckt haben sie dennoch. Im Sommer 1971 wollte das Land Baden-Württemberg den Studienabschluss Diplom-Ingenieur (FH) neu einführen, und nicht nur Studienanfänger, sondern auch die bereits Studierenden hätten den Titel gerne gehabt: „Dafür haben wir gestreikt.“ Sie boykottierten alle Vorlesungen, Seminare und Veranstaltungen. Mit Transparenten standen sie vor dem Hochschulgebäude und machten mit gewollten Spitzen gegen den damaligen Landeskultusminister Wilhelm Hahn auf ihr Anliegen aufmerksam.
Boykott führt zu Ausschluss
Die Hochschule reagierte prompt, sperrte die Renitenten aus und machte den ganzen Laden dicht. Alle Tore wurden geschlossen. Nur die Absolventen kurz vor dem Abschluss durften ihr Studium beenden. Chillen in der entstandenen vorlesungsfreien Zeit gab es aber nicht. Einmal, weil es das Wort noch gar nicht gab, und dann mussten die Studierenden fast alle nebenher arbeiten. Die meisten hätten aus Kostengründen zu Hause bei den Eltern gewohnt, so die Ehemaligen. Gejobbt haben sie aber nebenher fast alle.
Das Lernpensum war enorm. Spaß hatten sie dennoch. Während der Streikphase hätte eine Studienreise nach Berlin mit einem Besuch dortiger Industriebetriebe stattfinden sollen. Wegen des Streiks durfte der Dozent nicht mitfahren – und ohne Professor, erinnern sich Herbert Gonsiorek, Rudolf Thom und Helmut Eiting, hätten die Unternehmen die Studierenden niemals in ihre heiligen Hallen gelassen. Nun gab es in ihrem Jahrgang einen Kommilitonen mit einem seriösen, gesetzten, soliden Äußeren. Er zog sich einen langen Mantel an, band sich eine Krawatte um, setzte sich eine Nickelbrille auf und übernahm den Part des Professors. Der Schwindel gelang. Die Industriebetriebe begrüßten den Herrn Dozenten voller Ehrfurcht – und der Mitstudierende hatte seinen Spitznamen „Professor“ weg.
Entschuldigung beim Mülleimer
Er hatte keine Spleens – im Gegensatz zu den echten Dozenten. Einer sei von sparsamer Natur gewesen und habe seine Vorlesungsskripte auf ausgedienten Tapeten notiert. Ein anderer war wohl fasziniert vom eigenen Tafelaufschrieb. Während des Schreibens war er so im Flow, dass er gegen den Papierkorb knallte. „Entschuldigung“, sagte er als höflicher Mensch zu dem Mülleimer. Das kam bei dem Abfalleimer wohl nicht an – bei den Studenten schon.

