Das Wichtigste zuerst: Wie lang sind die Haare überhaupt? Der Owener Friseur Heinz Rabel legt das Messband an und liest ab. „Fast 40 Zentimeter, das reicht locker“, freut er sich. Damit steht für Vincent Weißinger nun endgültig fest, dass er sich von seiner blonden Haarpracht verabschieden wird. Denn der 13-Jährige will nicht einfach nur seine langen Haare loswerden, sondern noch etwas Gutes damit tun. Über den Verein haar-spenden.de wird er die Haare einem guten Zweck zuführen. Die verkaufen sein Haar und spenden das Geld einem Verein seiner Wahl. Vincent hat sich für den Tübinger Förderverein für krebskranke Kinder entschieden. Daraus werden später Perücken gemacht.
Mindestens 30 Zentimeter
Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass die Haare mindestens 30 Zentimeter lang sind. Außerdem müssen sie zu einem Zopf gebunden sein. Daraus werden Echthaarperücken für Krebspatienten oder andere Personen mit Haarausfall hergestellt.

Fast vier Jahre hat der Gymnasiast dafür die Haare nicht mehr schneiden lassen. Der Grund dafür war zunächst ganz banal: „Ich hatte keine Lust, zum Friseur zu gehen. Die kleinen Haare, die man danach überall hat, haben mich immer so gepiekst“, erzählt er. Auch der Rasierer war ihm nicht ganz geheuer. Seine Mutter Uli ließ den Sohn gewähren, brachte aber bald eine Idee ins Spiel. „Mama hat mir dann erzählt, dass man Haare spenden kann“, erzählt er.
Denn der begeisterte Motorsportler, der mit seiner 125er mit viel Begeisterung regelmäßig Trial fährt, wurde zuletzt häufiger auf seine Haare angesprochen – und das nicht immer nur bewundernd. „Du siehst aus wie ein Mädchen, haben manche gesagt, und das nervt“, erzählt er. Die Pflege der Haarpracht war dagegen weder nervtötend noch kostspielig, im Gegenteil: „Ich habe gemerkt, dass das beste Pflegemittel ein ganz normales Shampoo ist“, erzählt er. Seine Mutter Uli ergänzt lachend: „Dafür hat er immer den besten Föhn in der Familie gehabt.“ Der war dann nach jedem Waschen erst mal 15 Minuten im Einsatz.

„Oh mein Gott!“
Diese Zeiten sind seit diesem Tag – der zugleich der letzte Schultag ist – vorbei. Denn es wird ernst, als Heinz Rabel den Zopf gefühlvoll langzieht und die Schere ansetzt. Vorsichtig schneidet der erfahrene Coiffeur etwas oberhalb vom Haaransatz. Es dauert zwar nur einige Sekunden, aber gefühlt doch länger als erwartet, bis er schließlich den Zopf in der Hand hält. Der Siebtklässler auf dem Friseurstuhl bleibt cool: „Ich dachte, ich bekomme einen Adrenalinschub. Aber es ist gar nicht so schlimm“, sagt er. Trial-Fahren ist dann doch aufregender.
Mit oder ohne Adrenalin: Das Ergebnis kann sich sehen lassen, es sind weder Spliss noch brüchige Haare zu erkennen. Die Menge lässt Vincent dann doch erstaunen: „Oh mein Gott“, entfährt es ihm. Dabei geht es nicht nur um den sichtbaren Verlust der Haarmenge, auch sein Kopf fühle sich plötzlich „so leicht“ an.

Anschließend bekommt er vom Friseurmeister noch einen coolen „Jungenhaarschnitt mit Wasserrutsche“. Nach den Sommerferien werden viele Mitschülerinnen und -schüler staunen, eine Hilfsorganisation in Tübingen wird sich freuen und Vincent fühlt sich leicht – das nennt man eine „Win-win-Vin-Entscheidung“.


