Wie kann ein Achtjähriger so viele Tränen vergießen, dass ein ganzer See auf der Schulbank entsteht? „Die Verzweiflung der Kinder ist so groß, weil sie merken, dass sie nicht wie andere Kinder Lesen lernen können“, berichtete Sabine Ottmüller als Lehrerin der Leseklasse vor 120 Gästen im brechend vollen Saal im Mehrgenerationenhaus Linde in Kirchheim. Dorthin hatte die Initiative „Freunde der Leseklasse“ zum 20-jährigen Bestehen dieser besonderen Klasse für LRS-geplagte Kinder eingeladen.
Leseklasse besser absichern
Persönlich gratulierten die vier Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz, Natalie Pfau-Weller, Andreas Kenner und Dennis Birnstock der Leseklasse zum Jubiläum. In seinem Grußwort betonte Andreas Schwarz, dass die Landtagsabgeordneten zum Erhalt der Leseklassen stets an einem Strang gezogen hätten, und wünschte der Leseklasse weiterhin viel Erfolg.
Die frühere Schulrätin Karin Bogen-Dittrich schilderte, wie sich die Idee einer Intensivförderung von Kindern mit einer schweren Lese-Rechtschreib-Störung zu dem erfolgreichen Modell Leseklasse entwickeln konnte. Die intensive und tägliche Förderung produziere deutliche Lernfortschritte bei den Kindern und stabilisiere ihr Selbstwertgefühl wieder. Der ehemalige Rektor Willi Kamphausen erklärte, die Leseklasse sei zum Markenzeichen der Freihof-Grundschule geworden. Gleichzeitig richteten er und die Schulamtsleiterin Dr. Corina Schimitzek einen Appell an die anwesenden Landtagsabgeordneten, die Stundenversorgung dieses Erfolgsmodells für Kinder mit Legasthenie künftig besser abzusichern. Auch der Landesverband für Legasthenie war zur Gratulation angereist und präsentierte Eltern umfangreiches Informationsmaterial.
Viele junge Erwachsene waren zum Jubiläum gekommen und tauschten sich über ihre Lernerfolge und erfolgreichen Berufsabschlüsse aus. „Ich bin stolz, Schülerin der Leseklasse gewesen zu sein“, erzählte Lory Pohl, die das Publikum versiert durch den Abend führte. Davon könne sie in ihrem Beruf als Fachlehrerin für Sonderpädagogik den Kindern mit schweren Startbedingungen einiges zurückgeben. Im Namen der „Freunde der Leseklasse“ dankte sie dem Schulamt und dessen Leiterin für ihre langjährige Unterstützung und übergab eine Festschrift, in der 20 ehemalige Leseklässler und Eltern ihren beschwerlichen Weg zum Lesen und Schreiben sowie ihren Wendepunkt durch den Besuch der Leseklasse schildern. Die Initiative veröffentlicht diese persönlichen Berichte auf ihrer Homepage und berät betroffene Eltern bis hin zur Anmeldung in die Leseklasse.
Auf sehr persönliche Weise dankten alle Rednerinnen und Redner der Initiatorin und Lehrerin Christel Rott, die diese hilfreiche Einrichtung mit dem Schulamt und der Schule gemeinsam ins Leben gerufen und 20 Jahre lang einen erfolgreichen Rettungsanker für so viele gestrandete LRS-Kinder ausgeworfen hat. pm

