Manchmal ist der Weg vom diffusen Unbehagen zum realen Schreckmoment überraschend kurz. Als die Maschine der polnischen Fluggesellschaft Lot mit Ziel Warschau an diesem Morgen in Stuttgart Richtung Startbahn rollt, entlädt sich in der Kabine ein infernalisches Klanggewitter aus dutzenden Smartphones. Es ist bundesweiter Warntag, der deutlich machen soll: Die Alarmkette funktioniert. Für einen kleinen Teil der Reisegruppe aus dem Kreis Esslingen, die an Bord ist, um den Partnerkreis im polnischen Pruszkow zu besuchen, hatte dies bereits Stunden zuvor gegolten. Mehrere Teilnehmer sagten die Reise kurzfristig ab, nachdem am Vortag 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren und an der Grenze zu Belarus ein Wohnhaus zerstört hatten. Beide Warschauer Flughäfen waren für mehrere Stunden geschlossen. Im Esslinger Landratsamt, wo man im Austausch mit dem Auswärtigen Amt bemüht war, die Gefahrenlage einzuordnen, war man sich rasch einig: Gerade jetzt ist Solidarität gefragt.

Zu der Riege hochrangiger Politiker, die die Gäste aus Esslingen am Abend empfangen, gehört auch Kamila Gasiuk-Pihowicz. Die Großeltern der 42-Jährigen, die die Christdemokraten im EU-Parlament vertritt, leben nur 20 Kilometer von dem Ort entfernt, wo ein älteres Paar am Vortag sein Zuhause verlor. Die Stimmung in Europa und in ihrem Heimatland beschreibt sie mit einem knappen Satz: „Wir sind in Alarmbereitschaft“. Das wird nicht erst jetzt auch an anderer Stelle deutlich: Militärische Ausbildung ist in manchen Schulen Teil des Unterrichts. Polen steckt fast fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung – so viel wie kein anderes Land in Europa.
Dass wir hier heute mit Freunden stehen können, ist keine Selbstverständlichkeit.
Der Esslinger Landrat bei der Kranzniederlegung für ermordete Juden und polnische Zwangsarbeiter im Durchgangslager Pruszkow.
Zehn Jahre nach dem letzten Besuch auf kommunalpolitischer Ebene zeigt sich: Die Zeiten haben sich geändert. Um den gemeinsamen Kampf für Freiheit und Demokratie geht es auch beim viertägigen Treffen. Allerdings weniger um die viel beschworene Allianz gegen Putins Großmachtfantasien, als vielmehr gegen den Halbschlaf, in dem die Partnerschaft beider Seiten seit gut einem Jahrzehnt versunken ist. Austausch und Völkerverständigung, das war zuletzt vor allem Aufgabe von Schülern und Lehrern. Allen voran die Nürtinger Philipp-Matthäus-Hahn-Schule, die seit 2014 im jährlichen Austausch steht und schon in dieser Woche erneut nach Polen reisen wird. Das Tadeusz-Kosciuszko-Gymnasium, das die Gruppe empfängt, wurde erst im vergangenen Jahr eingeweiht und war auch für die offizielle Delegation Besuchsstation.

Wiederbelebung der Kontakte, Vertiefung der Freundschaft – darum ging es. Der europakritische Kurs im Nachbarland hat nach der Wahl Donald Tusks zum Ministerpräsidenten eine Wende erfahren – zumindest in städtischen Zentren wie dem Großraum Warschau. In den vergangenen beiden Jahren war eine Abordnung aus Pruszkow zweimal zu Besuch in Esslingen: anlässlich des 50-jährigen Kreisjubiläums und bei der Verabschiedung von Landrat Heinz Eininger im vergangenen Jahr. Dabei fanden am Rande bereits Zukunftsgespräche für ein Treffen statt. Zwischen Marcel Musolf (40) und seinem Amtskollegen Adrian Ejssymont (32), der im April vorigen Jahres vom Kreistag gewählt wurde, stimmt die Chemie, das machen beide Seiten deutlich.
„Was auffällt, sind die vielen Parallelen, die uns verbinden“, sagt Musolf. Wie der Kreis Esslingen hierzulande zählt Pruzkow zu den dichtbesiedeltsten Landkreisen in Polen. 17 Kilometer vor den Toren der Millionen-Metropole Warschau leben rund 180.000 Menschen, davon allein 67.000 in der Stadt Pruszkow. Das ist zwar nur knapp ein Drittel im Vergleich zum deutschen Partner, doch die Aufgaben und politischen Herausforderungen sind ähnlich. Rund 40 Millionen Euro hat der Landkreis Pruszkow in den beiden vergangenen Jahren in seine Schullandschaft investiert. Neben dem allgemeinbildenden Kosciuszko-Gymnasium entstand auch ein Sonderpädagogisches Bildungszentrum für Kinder und Jugendliche mit Handicap – ein Themenfeld, das beide Seiten gleichermaßen beschäftigt. Schließlich steckt auch der Kreis Esslingen in den Vorplanungen für einen möglichen neuen Standort auf dem Nürtinger Säer. Die Ausgangslage ist gleich: Beide Seiten kämpfen mit drastisch steigenden Schülerzahlen im Sonderschulbereich und mit veränderten Fallzahlen in der Diagnostik. Vor allem Fälle von Autismus bei Kindern nehmen stetig zu. Musolf zeigt sich beeindruckt vom hohen Standard der Einrichtung, wo Alltagsbewältigung im Vordergrund steht. Bestes Beispiel: eine komplette Musterwohnung, in der Schüler lernen, wie man einen Haushalt organisiert.

Jüdischer Friedhof als Langzeit-Projekt
Wirtschaft, Bildung, Kultur – Von Erfahrungen des anderen profitieren, ist die eine, pragmatische Seite. Das Bemühen um Aussöhnung und Freundschaft zweier Länder, die für immer mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verknüpft sein werden, ist das, was dem moralischen Kompass folgt. Beim Besuch des polnischen Parlaments in Warschau gedachten beide Seiten der von den Nazis ermordeten Abgeordneten. Die Geschichte ist allgegenwärtig: Ein im Pflaster versenkter Grenzsaum am Rande der Altstadt in Warschau erinnert beim Stadtrundgang an das Leid einer halben Million Juden im Ghetto, die während des Zweiten Weltkriegs von den deutschen Besatzern ermordet wurden. Während des Aufstands im Sommer 1944 wurden täglich bis zu 70.000 jüdische Familien und polnische Zwangsarbeiter durch das Durchgangslager 121 in Pruszkow geschleust. Für die Menschen dort war es der Vorhof der Höllen von Auschwitz, Treblinka oder Ravensbrück. Die Vergangenheit habe auch bei den nachfolgenden Generationen Narben hinterlassen, sagt Marcel Musolf bei der Kranzniederlegung an der Gedenkstätte in seiner Rede. „Dass wir hier heute mit Freunden stehen können, ist keine Selbstverständlichkeit“.

Zu einem starken Symbol für die Partnerschaft könnte der jüdische Friedhof in Pruszkow werden. Dort arbeiteten Schülerinnen und Schüler der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule und der Stanislaw-Staszic-Berufsschule in Pruszkow jahrelang gemeinsam an der Sanierung des Friedhofsgebäudes. Der Friedhof selbst führt eher ein Schattendasein. Die Eigentümerfrage ist zwischen Stadt und Landkreis bis heute ungeklärt, obwohl die Einrichtung als Denkmal anerkannt ist. Eine Handvoll Ehrenamtlicher wie der 79-jährige Marian Skwara, der die Besucher an diesem Morgen durch die Grabreihen führt, kümmert sich um den Erhalt, eine Gruppe ukrainischer Zuwanderer sorgt regelmäßig dafür, dass im Wortsinn kein Gras darüber wächst. Der ältere Herr im schwarzen Anorak wirkt zurückhaltend, und doch klingt das, was Marian Skwara erzählt, wie ein eindringlicher Appell oder gar Hilferuf. Die versteckte Botschaft kommt an: Er könne sich gut vorstellen, dass der Landkreis an dieser Stelle in ein langfristig angelegtes Pflegeprojekt einsteige, stellt Musolf später in Aussicht. Dafür brauche es allerdings kreative Ideen.

Die braucht es auch bei der Umsetzung eines Plans, der schon im kommenden Jahr greifen könnte. Die Einladung der polnischen Freunde zur Einweihung des neuen Landratsamtes im März nächsten Jahres steht. In der Verwaltung träumt man zudem von einem Kulturtransfer der besonderen Art: Das international gefeierte Gesangs- und Volkstanzensemble Maszowse war am Wochenende vor knapp 1000 Besuchern kultureller Höhepunkt im Besuchsprogramm – mit den Gästen aus Esslingen im Mittelpunkt und anschließend auch auf der Bühne. Den Esslingern schwebt vor, zumindest einen Teil des staatlichen Ensembles, das auf Bühnen in Peking, New York oder London zu Hause ist, in den Landkreis zu lotsen. Dafür bräuchte es allerdings erst einmal einen angemessenen Ort.
Austausch seit fast 60 Jahren
Die Partnerschaft zwischen den Kreisen Esslingen und Pruszkow wurde im Juli 2001 besiegelt und hat ihren Schwerpunkt im schulischen Bereich. Sie entwickelte sich aus den Kontakten des Landkreises mit der Stadt Pruszkow, die bereits zwei Jahre zuvor bestanden.
Der Austausch mit der polnischen Seite reicht allerdings viel weiter zurück. Bereits 1966 knüpfte der Kreisjugendring (KJR) erste Kontakte mit dem Studentenverband der Technischen Universität in Warschau. In der Folge stand vor allem der kulturelle Austausch mit Ausstellungen und Konzertreisen im Mittelpunkt. Einer der Höhepunkte war 1989 eine Ausstellung in Warschau mit 150 Exponaten von Professoren und Schülern der Freien Kunstschule Nürtingen. bk

