Patient null ist in Oberboihingen gelandet – und tot. Eine verendete Graugans in Neckarnähe war am 26. November ein erstes Indiz, dass die seit Oktober kursierende Geflügelpest im Land auch im Kreis Esslingen angekommen ist. Das Kreis-Veterinäramt hat schnell reagiert. Inzwischen gilt auf einem 500 Meter breiten Streifen beidseits des Neckars eine Stallpflicht für Geflügelhalter. Zum Schutz von Zuchttieren vor Wildvögeln, die das Virus übertragen.
Seitdem verfolgt man auch im „Paradiesle“ in Oberlenningen die neuesten Meldungen besonders aufmerksam. Massiv beunruhigt ist Benjamin Gökeler nicht. Zum einen sind seine Tiere gerade ausgezogen. Vom Paradies schnurstracks in den Putenhimmel, wenn man so will. Vor Kurzem war Schlachttermin, planmäßig und ohne Druck. Andererseits weiß der Geflügelzüchter, dass Infektionskrankheiten in der Nutztierhaltung ein ständiges Risiko darstellen, auch wenn er bisher vom Schlimmsten verschont geblieben ist.
Gökeler ist Landwirt im Nebenerwerb. Drei Tage die Woche unterrichtet der Agraringenieur am agrarwissenschaftlichen Gymnasium in Nürtingen angehende Abiturienten. Den Rest seiner Zeit bewirtschaftet er mit seiner Frau und den fünf Kindern Land, das in dritter Generation in Familienbesitz ist. Sein besonderes Markenzeichen seit fünf Jahren: Er züchtet Puten. Tiere, die im Freien aufwachsen, unter Bäumen einer Streuobstwiese, bei Wind und Wetter. Die beschäftigt sind, Sozialverhalten zeigen und auf natürliche Weise an Gewicht zulegen. Federpicken oder Kannibalismus, die als Verhaltensstörungen in der Intensivzucht an der Tagesordnung sind, gibt es hier nicht. „Paradiesle“ nennt der 41-Jährige dieses Refugium am südlichen Rand von Oberlenningen. Ein Marketing-Gag – aber nicht nur. Dass es den Tieren in ihrem irdischen Dasein gutgeht, merken seine Kunden am Fleisch. Es ist fester als Produkte aus Intensivhaltung, die sich im Kühlregal von Supermärkten finden, kräftiger in der Farbe, letztlich auch geschmackvoller. Wer bei ihm kauft, ist bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Dass der kleine Betrieb bio-zertifiziert ist, ist für Gökeler ein Nebeneffekt, der bei der Vermarktung hilft, aber nicht Maßstab ist für das, was er tut. „Ich mach’ das aus Überzeugung“, sagt er. „Weil es sich für mich und meine Familie richtig anfühlt.“
Sicherheit gibt es nicht
Heile Welt im Lenninger Tal? Nicht ganz. Dass naturnahes Wirtschaften keine Garantie für Gesundheit ist, weiß Benjamin Gökeler. Seine Tiere mögen widerstandsfähiger sein. Immun gegen das Virus sind sie nicht. Bis zum Einzug der neuen Jungputen ins Paradies wird es Frühjahr werden. Die knapp 200 Tiere bekommt er von einem Bio-Hof im oberschwäbischen Pfullendorf, wo auch geschlachtet wird, jeweils im Sommer und im Spätherbst. Die Zeit, die sie draußen verbringen, gilt als die risikoärmste, wenn es um Krankheiten wie die Vogelgrippe geht. Wie beim Menschen ist auch bei Tieren die nasskalte Saison die Zeit für Infekte.
Das sind alles vernünftige Leute.
Putenzüchter Benjamin Gökeler stellt bei seinen Kunden keine Panikreaktionen fest.
Allerdings: Die Lage wird unübersichtlicher. „Wir decken relativ entspannte Zeiten ab“, sagt Gökeler, der das Geschehen im Land genau beobachtet. Doch die potenziellen Infektionsphasen würden länger, gleichzeitig gebe es zunehmend Tiere, die die Krankheit übertragen, ohne selbst daran zu sterben. Der Erreger mit dem Kürzel H5N1, um den es im Moment geht, ist hoch ansteckend. Erkrankt ein Tier, muss der gesamte Bestand gekeult werden. Ein Risiko, vor allem für Intensivhalter, die trotz Seuchenversicherung wirtschaftlichen Schaden zu tragen haben, nach Meinung von Gegnern aber Teil des Problems sind. Benjamin Gökeler hat als Agrarwissenschaftler einen eher nüchternen Blick auf die Fakten. „Dass intensive Haltungsformen Probleme mit sich bringen, ist unbestritten“, sagt er. Das gelte für alle Tierarten. „Trotzdem gibt es wirtschaftliche Gründe dafür, die nachvollziehbar sind.“
Nicht jeder bedient einen Markt wie er. Hat Kunden, die wertschätzen, dass er sich für einen anderen Weg entschieden hat, und die bereit sind, für diesen Mehrwert zu bezahlen. „Das sind alles vernünftige Leute“, meint Gökeler, der, wie er berichtet, noch nie erlebt hat, dass jemand aus Furcht vor Krankheit abgesprungen wäre. Im Gegenteil: „Unsere Warteliste ist lang.“
Bis zur nächsten Schlachtung im Sommer heißt es für ihn, Augen offen halten, genau beobachten, gegebenenfalls schnell reagieren. Für alle Fälle steht auf der Wiese ein mobiles Zelt bereit, sollte eine allgemeine Stallpflicht kommen. Einen sicheren Schutz gibt es nicht. Auch nicht im Paradies.
Sind Geflügelpest und Vogelgrippe dasselbe?
Geflügelpest und Vogelgrippe sind verwandte Begriffe, aber nicht identisch. Der Begriff Vogelgrippe wird oft umgangssprachlich verwendet. In der Fachsprache bezeichnet er als „Aviäre Influenza“ den Oberbegriff für eine Infektionskrankheit von Vögeln, die durch verschiedene Influenzaviren verursacht wird. Die Geflügelpest, wie sie inzwischen auch im Kreis Esslingen festgestellt wurde, steht hingegen für eine besonders schwere, meist tödlich verlaufende Form der Erkrankung, die zumeist durch Wildvögel verbreitet wird. Ursache der derzeitigen Geflügelpest ist der Erreger H5N1.
Bei allen Fällen von Geflügelpest handelt es sich folglich um Vogelgrippe, aber nicht alle Vogelgrippe-Fälle sind gleichbedeutend mit der tödlich verlaufenden Geflügelpest.
Für den Menschen ist das Risiko einer Infektion gering. Übertragungen von Mensch zu Mensch sind äußerst selten. Erkrankungen können in vereinzelten Fällen jedoch bei Personen mit besonders engem Kontakt zu toten oder infizierten Tieren auftreten. bk

