Weihnachten
Grafenbergerin präsentiert Christbaumschmuck wie von einem anderen Stern

Sylvia Schmon aus Grafenberg sammelt Baumschmuck der vergangenen 175 Jahre und präsentiert ihn in Ausstellungen. Die Liebe zum Weihnachtsfest hat ihren Ursprung in Familienfeiern während ihrer Kindheit in Meßkirch. 

Im Klosterkeller in Metzingen präsentiert Sylvia Schmon am zweiten Advent Christbaumschmuck. Foto: Stefan Rosenfeld
Im Klosterkeller in Metzingen präsentiert Sylvia Schmon am zweiten Advent Christbaumschmuck. Foto: Stefan Rosenfeld

Am Fenster schwebt ein großer Engel, daneben hängen aufwendige Leuchterspinnen mit feinen hölzernen Bögen aus dem Erzgebirge. Eine Vitrine dient als „Bühne“ für kostbaren, teils filigranen Christbaumschmuck. Oben thronen Rauschgoldengel, innen drängen sich Figürchen wie kleine Nussknacker, Schafe, aufwendig verzierte Zapfen und Kugeln aus Glas und so besondere Stücke wie ein Bötchen mit goldenem Baldachin. Was in anderen Häusern in der Adventszeit vom Dachboden oder aus dem Keller in die Wohnung geholt wird und Anfang Januar wieder für elf Monate in Kartons verschwindet, schmückt bei Sylvia Schmon selbst im Sommer das Wohn-Esszimmer in Grafenberg. „Bei mir ist das ganze Jahr Weihnachten“, sagt sie lachend. Auch wenn Putten und Nikoläuse, Krippenfiguren und Glasschmuck dicht an dicht aufgereiht sind – bei dem, was hier zu sehen ist, handelt es sich nur um einen Ausschnitt von Sylvia Schmons Christbaumschmuck. Zu Weihnachten und Ostern macht sie seit gut 25 Jahren regelmäßig kulturhistorische Ausstellungen.

1500 Besucher in drei Tagen

Am zweiten Adventswochenende hatte sie im Rahmen des Metzinger Weihnachtsmarkts rund 1500 Besuchern viele ihrer Schätze im Klosterhofkeller präsentiert. Darunter Spielzeug wie einen alten Teddybären, Puppen und ein Schaukelpferd aus Eiche aus dem 19. Jahrhundert. „Das ist unkaputtbar und so schwer, das muss man zu zweit tragen“, sagt sie. Ausgestellt hatte sie auch Christbaumständer – wahre Raritäten. In einem davon lassen sich Blechplatten – Vorgänger der LP – abspielen. Das Jahr über habe das kostbare Exemplar als Halterung für Obstschalen gedient. „Solche Ständer hatte man natürlich nur in reichen Bürgerhäusern“, erklärt Sylvia Schmon.

„Es geht mir nicht darum, den Schmuck zu zeigen. Es geht mir um den geschichtlichen Hintergrund und die Vielfalt“, sagt sie. In Beutelsbach ist noch bis 1. Februar eine Ausstellung von ihr zu sehen, die dem Advent gewidmet ist. „Advent, Advent... bald ist Weihnachten“ heißt der Titel der Schau im Württemberger Haus. Darin beleuchtet sie „das Hinarbeiten auf Weihnachten“. Adventskalender spielen ebenso eine Rolle wie Räuchermännchen, Nikoläuse und Weihnachtsmänner. „Es ist interessant zu sehen, wie sich diese Figuren über die Jahrzehnte verändert haben.“

Feiern mit der Großfamilie

Wie kommt man überhaupt darauf, sich so intensiv mit Weihnachten und dem dazugehörigen Schmuck zu beschäftigen? „Als ich 1981 geheiratet habe, wollte ich Christbaumschmuck wie meine Eltern und Großeltern“, erzählt die 66-Jährige. Eigentlich steckt aber etwas anderes dahinter: „Weihnachten hat ganz viel mit Gefühl zu tun“, so lautet ihre Überzeugung: „Manche Bilder brennen sich ein.“ Was sich bei ihr eingebrannt hat, ist das gemeinsame Feiern mit der Großfamilie „mit allem Drum und Dran“. Mit vielen Cousinen und Cousins sei man am Christbaum zusammengekommen. Sylvia Schmon erinnert sich an ihre Kindheit in Messkirch und schwärmt von dem „wunderschönen Ritual“, um den Adventskranz zu sitzen, Schnitzbrot zu essen und sich Geschichten zu erzählen. Die „gute Stube“ wurde nur sonntags eingeheizt. An den Winterabenden habe man gemeinsam Strohsterne gebastelt oder erste Glaskugeln aus Goldfolie.

Den antiken Schmuck stöberte Sylvia Schmon anfangs auf Flohmärkten auf, später über spezielle Händler und Auktionshäuser. „Im Gegensatz zur heutigen Industrieware wurde der Christbaumschmuck früher in Handarbeit hergestellt“, sagt sie. „Der Schmuck hat dadurch eine andere Wertigkeit und eine andere Ausstrahlung. Ich bin überzeugt, das macht was mit einem.“ Besucherinnen und Besucher stünden oft staunend und mit einem Lächeln vor den Ausstellungsstücken.

Das Schaukelpferd aus Eiche hat über 125 Jahre auf dem Buckel. Foto: Stefan Rosenfeld
Das Schaukelpferd aus Eiche hat über 125 Jahre auf dem Buckel. Foto: Stefan Rosenfeld

Sylvia Schmon öffnet die Vitrine und lässt Engelshaar aus Glas durch ihre Finger gleiten, das einen Miniaturmarktstand für Christbaumschmuck verziert. „Das gibt es heute nicht mehr“, sagt sie fast andächtig. Sie holt eine faustgroße Hohlform mit einem kleinen Krippenrelief hervor. Die habe dazu gedient, Glaskugeln zu blasen. Glaskugeln aus Lauscha, Stoffblumen aus Sebnitz, aus Metallfolie hergestellte Rauschgoldengel aus Nürnberg, der Stadt, in der die Blechverarbeitung beheimatet war, und Holzkunst aus dem Erzgebirge – jedes Handwerk habe die Möglichkeit ergriffen, Weihnachtsschmuck herzustellen.

Außerdem spiegelten sich die Epochen darin. Die Gründerzeit im überbordenden Schmuck, der Jugendstil in der „weißen Welle“. Im Ersten Weltkrieg habe man Zeppeline, Bilder von Kaiser Wilhelm und Bomben in den Baum gehängt, in der NS-Zeit Julkugeln mit germanischen Symbolen wie Dreispitz, Sonne und springendem Pferd.

Kontakt zu anderen Sammlern

In den 1990er Jahren habe es viele Weihnachtsausstellungen gegeben. „Ich habe alle besucht und war richtig angefixt“, erzählt Sylvia Schmon. Sie las sich ein und beschäftigte sich mit dem Ursprung und der Entwicklung. Gedrängt von Freundinnen bestritt sie 1999 in Metzingen ihre erste Ausstellung. Seitdem folgten unzählige weitere, darunter eine große Schau mit dem Titel „Weihnachtsbäume und Weihnachtsträume“ im Fürstenberger Hof in Zell-Unterharmersbach im Schwarzwald vor zwei Jahren. Sylvia Schmon pflegt engen Kontakt zu Gleichgesinnten, ist jedes Jahr bei einem Treffen in Bamberg dabei. Vergangene Woche besuchte sie einen Sammler in Aachen. „Er hat in seinem Wohnzimmer acht geschmückte Christbäume aus grün eingefärbten Gänsefedern stehen“, erzählt sie lachend.

Und wie sieht Sylvia Schmons eigener Christbaum aus? „Es muss eine Blaufichte sein“, sagt sie. „Nordmanntannen duften nicht.“ Anderthalb Tage verbringt sie damit, den Baum zu schmücken. „Das ist für mich das pure Vergnügen. Da will ich auch nicht gestört werden, und er sieht immer gleich aus.“ Christbaumschmuck aus der Gründerzeit hängt sie in die Zweige: „Der Baum ist bunt und üppig, mit allen Materialien und zwölf echten Kerzen.“ Die Kerzen sind ihr wichtig. Sie entsprächen der christlichen Bedeutung, um ein gutes neues Jahr zu bitten.

Der Schmuck ist das eine, das Feiern von Weihnachten das andere. „Die Tradition, zusammenzukommen, hat sich fantastisch gehalten“, sagt Sylvia Schmon und strahlt. Am ersten Weihnachtsfeiertag gebe es einen großen Brunch. Und am zweiten Feiertag ein großes Familientreffen mit 50 Leuten: „Dabei sind alle meine fünf Geschwister mit Kind und Kegel.“