Stopp! Setz den Fuß ein bisschen nach vorne,” ruft die Mama ihrer Tochter zu. Das kleine Mädchen mit dem geflochtenen Zopf hat eine gelbe Taucherbrille auf. Durch die kann sie jedoch nichts sehen. In beiden Händen hält das Mädchen einen langen Holzstock, mit dem es eine große Dose treffen soll. Es sind nur noch wenige Zentimeter zur Dose. “Volltreffer!”, jubelt jemand und die Leute, die um das Kind stehen, freuen sich.
Bei dem Brauch handelt es sich um das „Hahnschlagen“, eine fast vergessene Tradition aus dem Altvaterland. So wird das ehemalige Sudentenland bezeichnet, das sich im heutigen Tschechien befindet und an Polen grenzt. Jedes Jahr veranstaltet der Mährisch-Schlesische Sudetengebirgsverein (MSSGV) einen Himmelfahrtshock an der Altvaterbaude in Schopfloch. Das „Hahnschlagen“ ist das besondere Highlight des Hocks.

Doch was hat Dosenschlagen mit einem Gockel zu tun? „Früher haben sich die Männer ursprünglich am Ende der Erntezeit versammelt und einen lebendigen Hahn im Boden eingegraben,“ weiß Günther Buck, Vorstand des MSSGV. „Dann mussten sie mit verbundenen Augen und nach dem Genuss mehrerer Schnäpse versuchen, den Gockel zu treffen. Der Sieger wurde auf einem Thron in die Gaststätte getragen und musste dafür die ganze Kundschaft bewirten.“ Günther Buck schmunzelt. Einen lebenden Hahn zu verwenden, sei heute jedoch nicht mehr zeitgemäß. Er schnappt sich eine Grillzange und versorgt die nächsten Gäste mit roter Wurst, Hackbraten und Kartoffelsalat.
Traditionell gibt es eine Siegerehrung sowie eine Scheibe, die die Namen der Gewinner verewigt. Andrea Fürst verbindet mit der Altvaterbaude Kindheitserinnerungen. Sie führte einen weiteren Brauch fort, in dem sie ein historisches Gebäude aus dem Sudetenland in feinsten Pinselstrichen auf die Scheibe malte.
Der Hock der Altvaterbaude ist gut besucht, aber nicht überlaufen. Ein Zieharmonika-Duo sorgt für gute Stimmung, die die Besucherinnen und Besucher schon von weitem erreicht. Die meisten Menschen kommen her, da sie einen Bezug zur Gegend oder zum Verein haben. „Die Lage hier ist super und die Leute, die den Ort kennen, finden immer wieder her“, sagt Robert Kuch, der über einen Nachbarn Vereinsmitglied wurde. Auf der Lichtung nebenan stellen Familien ihre Fahrräder ab. Ein blonder Junge spielt mit seiner Oma Fußball und ein kleines Mädchen bewegt sich im Takt der Musik.

