Wer im Landkreis Esslingen einen neuen Hausarzt sucht, braucht gute Nerven. Viele Praxen nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Andere Praxen schließen, weil es keine Nachfolger gibt. Die Situation dürfte sich in den kommenden Jahren zuspitzen. Grund für die SPD, das Thema im Fokus zu halten. Mitglieder der Kreistagsfraktion und der SPD Nürtingen tauschten sich mit Hausärzten und Landrat Marcel Musolf über die aktuelle Lage aus.
Dass die ambulante Versorgung mal Thema für Kreistag und Gemeinderat werden könnte, sagt SPD-Kreisfraktionschef Michael Medla, wäre vor ein paar Jahren kaum vorstellbar gewesen. Inzwischen sei das jedoch Realität. Mehr noch: Kommunen träten untereinander in Konkurrenz um die wenigen Mediziner, die sich überhaupt noch als Hausärzte niederlassen wollen. Für die SPD-Kreistagsfraktion sei die Frage, wie man die Versorgung sicherstellen könne, ein „zentrales Thema“.
Ich bekomme 80 Euro pro Patient und soll für 120 Euro einstehen?
Matthias Heinemann, Allgemeinmediziner
Landrat Musolf und Dominique Scheuermann, Leiterin des Kreisgesundheitsamts, haben aktuelle Zahlen im Gepäck: Mit einer Abdeckung von knapp 90 Prozent sei die Versorgung bei den Hausärzten im Landkreis noch gut. „Aber bei aller vergleichenden Wertung sehen wir einen Trend“, so Musolf. Und der lässt vermuten, dass sich die Versorgungslage in den kommenden Jahren deutlich verschlechtern dürfte. Grund sei die demografische Entwicklung: Rund 30 Prozent der Hausärzte im Kreis gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand, rund 40 Prozent sind über 60 Jahre.
Auf Kreisebene versucht man, mit einem Stipendium Studenten für die Allgemeinmedizin zu gewinnen. Im Jahr 2024 startete der Weiterbildungsverbund, dem sämtliche Kliniken im Kreis und 18 Arztpraxen angehören. Sieben Weiterzubildende werden zurzeit betreut.
Zudem soll es Förderungen für Gründungen Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) geben, die kommunale Beteiligungen haben. Bis zu 75.000 Euro stellt der Kreis dafür je Projekt zur Verfügung. Im Fördertopf stehen bis 2029 375.000 Euro parat.
Insgesamt gebe es zwar mehr Köpfe in der medizinischen Versorgung, die Arztzeit aber sinke, sagt Dominique Scheuermann. Freizeit und Familienzeit habe für den Mediziner-Nachwuchs einen hohen Stellenwert. „Ärzte sind heute vielleicht bereit, 100 Prozent zu arbeiten, aber auch nicht mehr.“ Der Bedarf an neuen Hausärzten sei weitaus größer als die Zahl derer, die in den Ruhestand gehen.
Massive Krititk an der KV
In der Kritik steht bei der Veranstaltung in Nürtingen vor allem die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die für die Sicherung der ambulanten medizinischen Versorgung der gesetzlich Versicherten zuständig ist. Seit Langem habe man vor der Entwicklung der Versorgung gewarnt, meint Martin Kohler, Facharzt für Innere Medizin in Nürtingen. Manche Entscheidungen zu den Arztsitzen seien kaum nachzuvollziehen. Beispielsweise rechnet die KV für die Hausarztpraxis am Klinikum auf dem Säer fünf Arztsitze an: „Die sind da aber nicht“, so Scheuermann kopfschüttelnd. Ebenso werde das Personal eines MVZ für die Standort-Kommune gezählt – auch wenn das nicht der tatsächlichen Versorgungslage entspreche. Um mit Vertretern der KV ins Gespräch zu kommen, bedürfe es viel Druck, sagt Landrat Musolf. Viel zu erreichen, so sein Eindruck aus der Diskussion um die Schließung der Bereitschaftspraxis in Kirchheim, sei dabei nicht.
Die Vertreter der Ärzte drücken ihren Frust aus. Sie beklagen vor allem großen bürokratischen Aufwand. Allgemeinmediziner Matthias Heinemann aus Raidwangen treibt etwa die elektronische Patientenakte um. Bis Mitte dieser Woche müssten die E-Akten eigentlich befüllt werden, sonst hagle es Strafen. „Aber die Programmierung ist derartig schwierig, dass sich viele Softwarefirmen technisch nicht in der Lage sehen“, berichtet er. Der Wust administrativer Dinge schrecke viele junge Kollegen ab, glaubt auch Wolf-Peter Miehe, der Vorsitzende der Ärzteschaft Nürtingen.
Von Gängelung ist die Rede, davon, dass die Mediziner unter Generalverdacht gestellt würden, unnütze Leistungen oder Arzneien zu verschreiben. „Ich bekomme 80 Euro pro Patient und soll für 120 Euro einstehen?“, sagt Heinemann und schüttelt den Kopf. Bei der Abrechnung für Privatpatienten gelte noch die Gebührenordnung aus dem Jahr 1986. Daran etwas zu ändern, habe keiner der Gesundheitsminister fertiggebracht.
Dass die Lage bei der hausärztlichen Versorgung im Kreis nicht noch angespannter sei, verdanke man der Tatsache, dass die verbliebenen Praxen bereit seien, die Patienten aufzufangen. Dabei werde man von der KV noch bestraft, wenn man zu viel arbeite. Pro Quartal würden ihm 10 bis 20 Prozent für Leistungen, die bereits erbracht wurden, abgezogen.
Kommunen bleibt wenig Spielraum
Konsens herrscht darüber, dass die Rahmenbedingungen für Hausärzte sich verbessern müssten. Den Kommunen bleibe nur wenig Spielraum. Bei der Planung neuer Quartiere sei es sinnvoll, Voraussetzungen für die ambulante Versorgung mitzudenken – mit entsprechenden barrierefreien Räumen und mit guter Anfahrtsmöglichkeit. Auch eine verlässliche Kinderbetreuung für das Personal wäre eine große Unterstützung. Die Einschränkungen bei den Kita-Angeboten würden extrem durchschlagen. Aber auch hier kommt einmal mehr der Fachkräftemangel ins Spiel: Es liege an der Ressource Mensch, und dem Rechnung zu tragen, dazu bestünden derzeit wenig Chancen.

