Assistenzhunden darf der Zutritt zu Einrichtungen nicht verweigert werden: Das ist seit rund drei Jahren im deutschen Behindertengleichstellungsgesetz festgehalten, und das aus gutem Grund. Für viele Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen sind die Vierbeiner im Alltag essenziell. Je nach Training können Assistenzhunde zum Beispiel Menschen mit Sehbehinderungen führen, vor epileptischen Anfällen warnen oder auf Panikattacken reagieren.
Der Hund ist für mich wirklich eine riesige Erleichterung, weil er mit Situationen umgehen kann, mit denen ein Stockgänger nicht richtig zurechtkommt.
Martin Park, Besitzer eines Blindenführhunds
Um das Bewusstsein für die wichtige Arbeit der Fellnasen zu schaffen, hat der Verein Pfotenpiloten die Aktion „assistenzhundfreundliche Kommunen“ ins Leben gerufen. Zur Agenda des Vereins zählt etwa das Anbringen von entsprechenden Aufklebern an allen kommunalen Eingängen, das Einrichten von regionalen Ansprechpartnern sowie Aufklärungsarbeit über das Thema. Deutschlandweit sind schon mehrere dutzend Städte Teil des Projekts. Auch Stuttgart und Esslingen haben die nötigen Schritte in die Wege geleitet, um sich bald „assistenzhundfreundliche Kommune“ nennen zu dürfen.
„Eine tolle Sache“, findet Martin Park aus Kirchheim. Der 44-Jährige ist in seiner Kindheit infolge einer Krebserkrankung erblindet. Dass er seinen Alltag meistern, aktiv Sport treiben und seiner Arbeit als Lehrer am Schlossgymnasium nachgehen kann, verdankt er zu einem großen Teil seinem Blindenführhund Brio. Dieser ungewöhnliche Name komme übrigens aus der Musik und bedeute so viel wie „mit Feuer“ oder „mit Schwung“, erzählt Park, der bereits seit seinem 16. Lebensjahr Assistenzhunde hält.
Wenn der Zutritt verwehrt wird
„Der Hund ist für mich wirklich eine riesige Erleichterung, weil er mit Situationen umgehen kann, mit denen ein Stockgänger nicht richtig zurechtkommt“, erklärt Martin Park. Sei es die Orientierung in verkehrsintensiven Umgebungen, eine Fahrt mit der Bahn oder nur der Gang über den Wochenmarkt, oder wie Martin Park ihn nennt: die „Vorhölle für einen Sehbehinderten mit Stock“ – der Hund könne alles überblicken und entsprechend reagieren.
Brio und seine Vorgänger wurden jedoch nicht überall mit offenen Armen willkommen geheißen. Es komme immer mal wieder vor, dass Inhaber oder Mitarbeitende von Einrichtungen, wie Läden und Restaurants, Park und seinen Hund beim Betreten stoppen oder ihnen den Zutritt sogar verweigern würden. „Damals in den 90ern war das Problem eher, die Leute davon zu überzeugen, dass sie keinen Ärger mit der Lebensmittelaufsicht kriegen, wenn sie den Hund reinlassen“, erzählt der Gymnasiallehrer. Heute habe er eher das Gefühl, dass Unwissen oder sogar persönliche Abneigung die Ursache seien.
„Derartige Situationen sind einfach ärgerlich“, bedauert Martin Park. Insbesondere, da er aus Erfahrung wisse, dass sich die allerwenigsten Menschen in den Einrichtungen tatsächlich von einem Assistenzhund gestört fühlen.
Der 44-Jährige betont, dass er für Kompromisse durchaus offen sei. Habe jemand etwa große Angst vor Hunden oder eine starke Allergie, müsse man eben eine andere Lösung finden. Ohne eine stichhaltige Begründung hinausgeworfen zu werfen, ist in Parks Augen jedoch ein Unding. Persönliche Aversion dürften bei derartigen Fragen keine Rolle spielen. „So viel Professionalität muss man einfordern können.“
Wird ihm der Zutritt dennoch verwehrt, hat Martin Park das Recht, zu klagen. Realistisch habe er das jedoch nie in Betracht gezogen. Sein Recht auf Zutritt erst einklagen zu müssen, „kann nicht unsere Vorstellung von einer inklusiven Gesellschaft sein“, so Park. „Das muss automatisch funktionieren.“ Werde er derartig abgelehnt, habe er zudem auch gar keine Lust mehr, sein Geld in einem solchen Etablissement liegenzulassen.
Problematische Verkehrssituation
Martin Park würde es begrüßen, wenn von Seiten der Stadt mehr für die Information über das Thema getan werden würde. Auch sonst fallen ihm einige Verbesserungsvorschläge für ein assistenzhund- und blindenfreundlicheres Kirchheim ein: „Es hat sich in den vergangenen Jahren zwar schon etwas getan, aber noch immer gibt es mehr Kreuzungen ohne Signalampeln als mit“, berichtet der Gymnasiallehrer. Eine Kreuzung im Besonderen müsse er via Taxifahrt umgehen, da er diese „auch mit dem besten Assistenzhund der Welt“ nicht bewältigen könne, ohne sich dabei in ernsthafte Gefahr zu begeben.
Schön fände er außerdem mehr innerstädtische Grünzüge und Möglichkeiten für die Hunde, ihr Geschäft zu verrichten, frei zu laufen und zu sozialisieren. Kirchheim, so Park, sei noch immer sehr autoorientiert. „Es ist doch sowohl im Interesse einer nachhaltigen Stadtentwicklung als auch dem aller Menschen und Tiere, Luft zu atmen, die nicht vorher durch einen Motor geschickt wurde.“
Für Martin Park ist es wichtig, ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür zu schaffen, dass nicht nur Maschinen, wie etwa ein Rollstuhl, medizinisch wichtige Hilfsmittel sind, sondern es nun einmal auch lebendige Helfer gibt. „Wenn diese Barriere eingerissen ist, dann sollten wir eigentlich keine Probleme mehr haben.“
Doch wie sieht es nun in Kirchheim aus? Gibt es Ressourcen für Menschen, die, wie Martin Park, auf Assistenzhunde angewiesen sind, und plant die Stadt, dem Beispiel zahlreicher anderer Städten zu folgen und eine assistenzhundfreundliche Kommune zu werden?
Laut Doreen Edel von der Stadtverwaltung Kirchheim lägen der Stadt aktuell keine Hinweise auf negative Erfahrungen von Menschen mit Assistenzhunden in Kirchheim vor. Man nehme die Anregung jedoch gerne auf und plane, Anfang nächsten Jahres eine interne Abstimmung durchzuführen, in der über das weitere Vorgehen entschieden wird.

