Abhängigkeit
Illegale Drogen: die Lage in der Region

Verbotene Rauschmittel sind kein fernes Großstadtphänomen. Sie gehören auch im Landkreis Esslingen zur Wirklichkeit. Besonders Kokain scheint an Beliebtheit zu gewinnen.

Aktuellen Schätzungen zufolge haben in Deutschland etwa 69.000 Jugendliche zwischen 12 bis 17 Jahren sowie 6,3 Mio. Erwachsene zwischen 18 bis 64 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben eine illegale Droge – Cannabis ausgenommen – konsumiert. Foto: stock.adobe.com

Der Online-Shop ist simpel aufgebaut – erinnert an Amazon oder Ebay. Doch hier gibt es keine Küchenutensilien, Spielzeuge und Klamotten zu kaufen. Stattdessen stehen Begriffe wie „Kokain“, „Opioide“ oder „Psychedelika“ in der Navigationsleiste.

„Suchtmittel sind leicht verfügbar“, berichtet Renate Mahle von der Beratungsstelle für Sucht und Prävention des Landkreises Esslingen. „Man kann sich im Internet mit allen erdenklichen Substanzen versorgen, und es kommen immer wieder neue dazu.“

Nach 25 Jahren in der Beratungsstelle kann ich sagen: Hier bleibt nichts, wie es war. 

Renate Mahle, Suchttherapeutin

Die Rauschgiftdelikte sind im vergangenen Jahr immens gesunken – aber nicht, weil weniger konsumiert wird. Durch die Teillegalisierung von Cannabis im Frühjahr 2024 ist vieles, das zuvor illegal war, kein Gesetzesverstoß mehr. Konsumiert wird aber noch immer fleißig – sowohl Gras als auch andere, weiterhin verbotene, Substanzen.

Mehr Beratungen aufgrund illegaler Drogen

Das spiegelt sich auch in der Bilanz der Beratungsstelle des Landkreises wider. Während die Zahlen im Cannabisbereich sinken, da weniger Konsumenten durch eine juristische Verordnung zu einer Beratung verpflichtet werden, häufen sich die Fälle im Bereich der illegalen Substanzen, wie die Leiterin der Beratungsstelle, Katrin Janssen, berichtet.

Besonders auffällig sei die Zunahme der kokainbedingten Beratungen. „Wobei die meisten hier nicht hergeschickt werden, sondern selbst merken, dass es ein Problem gibt“, setzt Katrin Janssen hinzu. „Die Begleiterscheinungen werden bei regelmäßigem Konsum sehr schnell deutlich.“ Insgesamt ist die Zahl der Gespräche aufgrund von Kokainkonsum bei der Beratungsstelle innerhalb von zwei Jahren um 42,9 Prozent gestiegen. Eine Ausnahme stellt Kirchheim dar: Entgegen dem Trend sind die Beratungszahlen hier sogar etwas gesunken.

Katrin Janssen warnt jedoch, dass diese Zahlen mit Vorbehalt betrachtet werden müssen, da es sich lediglich um die Anzahl der einzelnen Gespräche handelt. Aus der Zahl der Beratungen könne nicht zwangsläufig auf den tatsächlichen Konsum im Umkreis geschlossen werden.

Man spielt im Grunde Russisch Roulette.

Katrin Janssen, Leiterin der Beratungsstelle

Dass Kokain in der Region seine Kreise zieht, wird allerdings auch mit Blick auf den Kriminalitätsbericht des Polizeipräsidiums Reutlingen (PPR) deutlich: Im Jahr 2024 standen 15,8 Prozent der Drogendelikte im Zuständigkeitsbereich des PPR im Zusammenhang mit Kokain. Den größten Anteil machte mit 50,8 Prozent weiterhin Cannabis aus, wobei die meisten Verstöße vor der Teillegalisierung am 1. April erfasst wurden. Noch vor Kokain lagen mit 25,2 Prozent die Amphetamine. Dazu zählen etwa Stoffe wie Speed oder MDMA.

Suchtmittel aus der Apotheke

Mittlerweile ist es Renate Mahle zufolge nicht unüblich, dass sich Konsumenten illegaler Substanzen auch an verschreibungspflichtigen Medikamenten, wie Benzodiazepinen („Benzos“) und Xanax bis hin zu Fentanyl und Oxycodon, versuchen: „Da gibt es eine richtige Szene. Das ist eine erschreckende Entwicklung in den letzten Jahren.“ Medikamentenmissbrauch ist jedoch nicht primär unter experimentierfreudigen jungen Menschen ein Problem. Betroffen sind in erster Linie ältere Menschen – Männer, wie auch Frauen.

Eine deutliche Zunahme hat die Beratungsstelle auch bei Mischkonsum, also der Abhängigkeit von mehreren Substanzen, zu verzeichnen. An allen vier Standorten im Landkreis zusammengenommen ist die Zahl der Beratungsgespräche, die aufgrund von polyvalentem Konsum in Anspruch genommen werden, innerhalb von zwei Jahren um 36,4 Prozent, in Kirchheim um 30 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung ist laut den Mitarbeitenden der Beratungsstelle besonders beunruhigend, da Mischkonsum äußerst gefährlich und für die Mehrheit der Drogentode verantwortlich ist. „Ein Problem ist diese Naivität“, schätzt Katrin Janssen. „Die Leute wissen nicht, was beigemischt ist, und einigen ist es auch egal.“

Drogen wirken immer anders

Eine weitere fatale Fehleinschätzung sei der Glaube, Substanzen würden immer gleich wirken. Nur, weil eine Droge bei 20 Menschen keine nachhaltigen Schäden angerichtet habe, heiße das nicht, dass es bei der nächsten Person nicht so kommen könne. „Man spielt im Grunde Russisch Roulette“, so Janssen.

Doch warum konsumieren Menschen? Oft, so Renate Mahle, gehe es um Stressbewältigung, Emotionsregulierung, Entspannung und Ausgleich. Bei jungen Menschen stehen häufig auch Spaß und Neugierde im Vordergrund. „Einsamkeit spielt als Konsummotiv ebenfalls eine Rolle“, ergänzt Katrin Janssen. Das betreffe nicht nur junge Menschen, die den Wunsch nach Zugehörigkeit haben, sondern auch ältere Menschen.

„Nach 25 Jahren in der Beratungsstelle kann ich sagen: Hier bleibt nichts, wie es war“, resümiert Renate Mahle. Der illegale Markt sei kontinuierlich in Bewegung – neue Substanzen und Konsummuster erscheinen, Drogen gewinnen an Popularität oder verlieren sie wieder. „Wir müssen die Veränderungen im Blick behalten und schnell reagieren“, so Mahle. Je früher, desto besser.

Nähere Informationen zu dem kostenfreien Beratungsangebot gibt es auf www.landkreis-esslingen.de/start/service/suchtundpraevention. Alternativ bietet die Seite www.suchtberatung.digital eine professionelle Online-Beratung, die auch anonym stattfinden kann.

Relevante Zahlen

Die Zahl der Drogentoten in Baden-Württemberg ist von 2023 auf 2024 von 141 auf 195 geklettert. Das ist ein Anstieg von fast 40 Prozent.

Männer machten im vergangenen Jahr mit 87,7 Prozent die deutliche Mehrheit der Drogentoten in Baden-Württemberg aus.

Unter den Todesopfern befanden sich auch zwei Jugendliche; elf Verstorbene waren erst zwischen 18 und 20 Jahre alt.

Mischkonsum führte in 126 Fällen (64,6 Prozent) zum Tode.

Fast 900 Personen wurden im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Reutlingen (PPR) im vergangenen Jahr unter Drogeneinfluss am Steuer erwischt – 17,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon entfielen 80 Prozent auf Cannabis, die übrigen 20 Prozent auf illegale Drogen.

Die Unfälle unter Drogeneinfluss sind im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Im gesamten Bereich des PPR gab es 2024 insgesamt 102 Vorfälle – das sind 52,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Im Landkreis Esslingen ist die Zahl der Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss von 24 im Jahr 2023 auf 40 im vergangenen Jahr angestiegen (+66,7 Prozent).