Förderung
Im Lenninger Tal geht’s den Misteln an den Kragen

In Lenningen und Owen erhalten die Obst- und Gartenbauvereine (OGV) finanzielle Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Pflanzen. 

Sagen den Misteln den Kampf an (von links): Roland Hohnheiser vom OGV Unterlenningen, Jens Häußler, Obst- und Gartenbauberater, Vanessa Funke von der Stadt Owen und Roland Klingler vom OGV Brucken. Foto: Antje Dörr

Man sagt ihnen heilende Wirkung nach. Und aus den Geschichten rund um „Asterix und Obelix“ sind sie nicht wegzudenken: Misteln, die den Galliern – verarbeitet im Zaubertrank – die nötige Kraft im Kampf gegen die Römer verleihen. In der Weihnachtszeit schmücken viele Menschen ihre Türen mit Mistelzweigen, und wenn Paare sich darunter küssen, soll das der Beziehung angeblich sogar längere Haltbarkeit bescheren – und Glück noch obendrein.

Irgendwann leben wir im Paradies ohne Streuobst. Das wollen wir verhindern.

Roland Hohnheiser, OGV Unterlenningen

Besitzer von Streuobstwiesen können Misteln hingegen überhaupt nichts Positives abgewinnen. Im Gegenteil: Die Pflanzen, die überwiegend auf Obstgehölzen, aber auch auf Pappeln oder Linden wachsen, schwächen sie, indem sie Wasser und Nährstoffe abziehen. Die Bäume werden anfälliger für Schneebruch, die Zahl der Früchte nimmt ab. Im schlimmsten Fall vertrocknen die Bäume. Übertragen werden die Samen der Pflanzen über den Kot der Vögel. Seit Jahrzehnten kämpfen die Obst- und Gartenbauvereine (OGV) gegen die Misteln an.

Weil immer mehr Wiesen nicht gepflegt werden und die Pflanzen deshalb immer günstigere Bedingungen vorfinden, erhalten die Obst- und Gartenbauvereine in Owen, Lenningen und Brucken in ihrem Kampf jetzt finanziellen Rückenwind vom Umweltministerium. 35.000 Euro Förderung gibt es für ein Projekt, das die Ausbreitung der Misteln eindämmen soll. Projektpartner ist das Schwäbische Streuobstparadies, auch die Obst- und Gartenbauberatung des Landkreises Esslingen ist im Boot. Unterstützung kommt von der Stadt Owen und der Gemeinde Lenningen. 

Das Projekt wird an vier Samstagen stattfinden. Der Startschuss fällt am 15. November. Details werden kommende Woche auch in den Mitteilungsblättern veröffentlicht. Der Plan sieht folgendermaßen aus: Die Obst- und Gartenbauvereine gehen mit ihren Mitgliedern und weiteren Freiwilligen auf Grundstücke und befreien befallene Obstbäume von Misteln. Die Pflanzen und die Äste oder Zweige, an denen sie wachsen, werden anschließend gehäckselt und energetisch verwertet. Die Fördersumme wird unter den drei OGV verteilt. Sie bezahlen damit den Maschineneinsatz, die Neupflanzung von Bäumen, die Entsorgung des Materials und das Vesper für die Ehrenamtlichen.

Gepflegt werden alle Grundstücke, auf denen Misteln wachsen. „Wir gehen auch auf Wiesen, bei denen der Bewirtschafter oder Eigentümer nicht bekannt ist“, sagt Jens Häußler, Obst- und Gartenbauberater beim Landkreis Esslingen. Die entsprechenden Flächen werden im Mitteilungsblatt bekannt gegeben, versehen mit dem Hinweis, dass der Eigentümer der Maßnahme widersprechen kann. „Wer widerspricht, wird aber von uns darauf hingewiesen, dass er sich selbst um die Misteln kümmern soll“, sagt Vanessa Funke, seit dem 1. Juli zuständig für die Wirtschafts- und Lebensraumgestaltung in der Stadt Owen. Jens Häußler verweist in diesem Zusammenhang auf die Pflegepflicht der Besitzer oder Bewirtschafter.

Misteln wachsen hauptsächlich auf Obstbäumen. Archiv-Foto: Daniela Haußmann

Rainer Klingler vom OGV Brucken weiß, dass es auch Kritik am Kampf gegen die Misteln gibt. „Die Misteln sind aber nicht geschützt“, sagt er, und sein Kollege Roland Hohnheiser vom OGV Unterlenningen ergänzt: „Es gibt auch ohne die Misteln genügend Futter für die Vögel“. Beide wissen, dass der Kampf gegen die Pflanzen eine Sisyphos-Arbeit ist, weil nicht nur Obstbäume, sondern auch ufernahe Pappeln und andere Bäume „infiziert“ sind. „Es ist aber eine Arbeit, die wir mit Freude angehen“, sagt Rainer Klingler. Beide eint, dass sie die Streuobstwiesen erhalten wollen – auch wenn das Auflesen der Äpfel und das Pflegen der Wiesen mittlerweile ein Hobby und längst nicht mehr profitabel ist. „Wenn man nichts gegen die Misteln unternimmt, haben die Bäume immer weniger Früchte. Wir leben ja im Streuobstparadies, aber irgendwann leben wir im Paradies ohne Streuobst. Das wollen wir verhindern“, sagt Roland Hohnheiser.

Das grundlegende Problem sei die fehlende Pflege, sagt Jens Häußler. „Früher wusste jeder Obstbauer, dass er die Misteln regelmäßig entfernen muss. Heute werden die Misteln von den ungepflegten auf die gepflegten Grundstücke eingetragen“. Die Mistel sei nichts, was man schützen müsse, sagt Vanessa Funke, sondern Unkraut. „Wir sind froh, als Stadt mit dem Ministerium zusammenzuarbeiten und dagegen zu steuern.“

Und während die allermeisten Misteln im Häcksler landen werden, wird ein paar wenigen ein letzter Auftritt beschert sein: Als Deko bei „Owen leuchtet“.