Katastrophenhilfe
Im Notfall einen Schutzraum schaffen

Neben der medizinischen ist oft auch die psychosoziale Versorgung enorm wichtig. In Lenningen haben Einsatzkräfte ein Konzept für einen „Notfallpunkt“ erprobt.

Laut Übungsszenario ist ein Feuerwehrmann im Einsatz kollabiert. Dieser muss aus dem Gebäude getragen werden.      Foto: Karin Ait Atmane

Vor einem Jahr hat ein Einsatz in Lenningen die Rettungs- und Hilfskräfte vor eine große Herausforderung gestellt. Bei einem Unfall an der Hochwanger Steige kam ein junger Mopedfahrer ums Leben. Seine Freunde, ebenfalls mit dem Kraftrad unterwegs, mussten ebenso betreut werden wie Familienangehörige und schließlich auch Rettungskräfte – rund 50 Menschen, allesamt in einer absoluten psychischen Ausnahmesituation. Die Emotionen schlugen hoch, Beteiligte und Betroffene mussten voneinander getrennt werden. Man habe das damals ganz gut hinbekommen, sagt Jochen Mendl, der Kommandant der Lenninger Feuerwehr. Aber diese Erfahrung bewog die Verantwortlichen, das örtliche Rote Kreuz und die landkreisweit organisierte psychosozialen Notfallversorgung (PSNV), ein gemeinsames Konzept zu entwickeln – speziell für solche Situationen, in denen die Betreuung einer größeren Anzahl von Menschen wichtig ist. Das kann bei Vorfällen im Rahmen einer Veranstaltung ebenso notwendig werden wie zum Beispiel im örtlichen Schulzentrum.

Hier kommt keiner rein, das ist ein Schutzraum. Später gibt es eine Pressekonferenz.

Joachim Schmid vom DRK sorgt dafür, dass die Rettungskräfte ungestört ihre Arbeit erledigen können

 

Am Samstag wurde das Konzept „Notfallpunkt“ erstmals erprobt, mit einem Szenario, wie es niemand erleben möchte: Während des Unterrichts brennt es im Dachgeschoss der Grundschule. Vier Klassenräume sind im Rahmen der Übung belegt, mit zwei der tatsächlichen Schulklassen, aber auch der Jugend von Feuerwehr und DRK, als plötzlich „Alarm! Alarm!“-Rufe im Gang ertönen. Jetzt heißt es geordnet evakuieren, in den Neubau der Schule, der durch eine Brandschutztür abgetrennt ist. Im Erdgeschoss vor dem Ausgang sammeln sich rund 50 Kinder, dicht an dicht, und warten über eine halbe Stunde, bevor die Feuerwehr, das DRK und die PSNV sie nach draußen holen. Außenstehenden kommt das komisch vor, sie würden direkt evakuieren. Tanja Baumann, die die PSNV im Landkreis koordiniert, und Jochen Mendl, sehen das anders. Die Kinder seine „hier im sicheren Bereich und im Warmen“, sagt Mendl. Das sei besser als im Freien, wo zudem schnell die Übersicht fehle. Ob sie vielleicht besser in Kleingruppen in den Klassenräumen des Neubaus gewartet hätten, sei eine andere Frage, die man im Nachgang besprechen könne.

Tanja Baumann von der PSNV spricht mit den Kindern im sicheren Neubau. Foto: Karin Ait Atmane

Besonders an der Übung ist auch, wie viele Organisationen teilnehmen: die Polizei, die Feuerwehr, das DRK und die PSNV, zu der auch Notfallseelsorger gehören. Alle wurden vorab nicht übers Szenario informiert, sondern müssen sich spontan organisieren. Zudem sind Extras eingebaut, die es in sich haben. So wird angenommen, dass ein Feuerwehrmann kollabiert und von den Kameraden aus dem Gebäude getragen werden muss. Außerdem sind zwei junge Frauen mit Behinderung im Gebäude: eine sitzt im Rollstuhl, eine hat eine starke Sehbehinderung und ihren Blindenhund dabei. Die beiden werden aus dem sicheren Neubau erst evakuiert, als die Kinder draußen sind und das Gedrängel vorbei ist. Im Schulhof werden sie von je einem PSNV-Mitglied empfangen, das als Betreuungsperson bei ihnen bleibt.

Der „Notfallpunkt“ ist an diesem Tag das Feuerwehrgerätehaus in Unterlenningen, es kämen aber auch eine größere Halle oder ein anderes geeignetes Gebäude infrage. In jedem Fall ist der Bereich für Unbeteiligte tabu, auch für die Presse. „Hier kommt keiner rein, das ist ein Schutzraum“, sagt Joachim Schmid vom DRK in einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt. „Später gibt es eine Pressekonferenz.“

Alle werden registriert

Drinnen werden alle Ankommenden registriert, was enorm wichtig ist – auch wenn der Laie zunächst nicht daran denkt. Dann werden sie in verschiedenen Räumen betreut. In einem Besprechungszimmer sind Einzelgespräche möglich, die Mitglieder der Hilfstruppen sammeln sich in der Feuerwehrgarage, die evakuierten Kinder in einem anderen Raum, wo sie beschäftigt werden: Die PSNV hat in ihren großen Rucksäcken neben Verbandszeug, Taschenlampe und Windeln auch Stofftiere und Spielsachen dabei.