Als Jürgen Baur die Küstenstraße hinunterrollte, spürte er, dass es jetzt wirklich geschafft war. „Da habe ich es erst richtig wahrgenommen“, erzählt er. Nach elf Tagen Fahrt im Rollstuhl am Ziel zu sein, der kroatischen Insel Murter, war für ihn „ein wahres Glücksgefühl. Nach langen, langen Jahren wieder das erste mal am Meer. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich es mal wieder sehe.“

Elf Tage war der 64-Jährige mit seinem E-Rollstuhl unterwegs. Von Jesingen aus legte er mehr als 1000 Kilometer zurück bis er Murter erreichte. Begleitet wurde er von seiner Familie, von Freunden, und sogar sein Azubi sprang kurzfristig ein. Im Transporter hatten sie Ersatzteile, Akkus und einen zweiten Rollstuhl dabei. „Ohne mein Begleiterteam wäre das alles gar nicht möglich gewesen“ betont Baur. Die Strecke führt über Deutschland, Österreich, Italien und Slowenien bis an die Adria. Die Tour war gut vorbereitet: Hotels gebucht, Etappen geplant, Pausen und Akkuwechsel fest eingeplant, aber unterwegs zeigte sich, dass Flexibilität wichtiger war als jede Karte. 80 bis 90 Kilometer am Tag hat der Jesinger zurückgelegt. „Ich sitze ja sonst auch viel, deswegen war das für mich kein Problem.“
Mir geht’s gut, ich bin auch nirgends abgehauen.
Jürgen Baur zu der Notärztin, die einer Meldung über einen Rollstuhlfahrer auf der Straße nachgehen musste.
Die ersten Tage
„Die ersten zwei Tage waren sportlich“, sagt Jürgen Baur. Regen ohne Pause, Pfützen so groß, dass die Straßen unter Wasser standen, aber dank seinem Verdeck blieb er halbwegs trocken. Kurz vor Ulm stand plötzlich eine Notärztin vor ihm, jemand hatte gemeldet, da fahre einer im Rollstuhl allein auf der Straße. Die Ärztin musste der Meldung nachgehen, fand die Situation aber ebenso kurios wie Baur. „Mir geht’s gut, ich bin auch nirgends abgehauen“, lacht er. Der Rollstuhl hat außerdem eine Straßenzulassung und darf auf Landes- und Kreisstraßen fahren, auch wenn er mit maximal 12 Stundenkilometer unterwegs ist.

Die Tour war monatelang geplant, doch die Praxis zeigte: Ganz so einfach ist es nicht. Radwege enden abrupt, sind gesperrt oder erst gar nicht vorhanden. Manchmal muss das Begleitfahrzeug ein Stück übernehmen, wenn Straßen enden oder zu gefährlich werden, und Baur dreht um und rollt seinem Team entgegen.
Was Karten versprechen und die Wirklichkeit bietet, passt selten zusammen. „Über die App Komoot siehst du nicht, ob Asphalt oder Stolperfallen kommen“, erklärt Baur. Er teilt von Beginn an seinen Standort über das Handy, so wusste sein Team jederzeit, wo er unterwegs war. „Man muss einfach flexibel bleiben“, sagt er. Die meisten Etappen verliefen jedoch unspektakulär, genau nach Plan, Kilometer für Kilometer, Pausen und Akkuwechsel an abgesprochenen Treffpunkten verlaufen reibungslos.
Plötzlich rollt da mein Rad an mir vorbei.
Der Jesinger Jürgen Baur weiß, dass nicht immer alles nach Plan laufen kann.

Radwege, die keine sind
In Italien wird das besonders deutlich. Erst ein Radweg wie aus dem Bilderbuch: glatter Asphalt, die Sonne strahlt, alles scheint perfekt – bis plötzlich Pflastersteine auftauchen und kurz darauf die ersten größeren Brocken folgen. Aus dem Fahrradweg wird plötzlich ein Feldweg mit Grünstreifen in der Mitte und Baurs Rollstuhl fährt sich in einem Schlagloch fest, eins der Antriebsräder steht in der Luft. Der Weg ist für sein Team im Transporter unbefahrbar, so machen sie sich zu Fuß auf den Weg. Später, bei Triest, kommt die nächste Pointe: „Plötzlich rollt da mein Rad an mir vorbei“ erzählt der Jesinger lachend. Aber auch da bleibt er gelassen. Ein Italiener hält an, spricht kein Wort Deutsch, und ruft sofort seine Schwester an. Die wiederum kann Deutsch und vermittelt – schneller, als Baur überhaupt etwas erklären kann, verständigt sie bereits die Polizei und wenig später stehen die Beamten mit Blaulicht da. Kurz darauf traf auch sein Team ein, das dank Standort genau weiß, wo er steckte. Gemeinsam heben sie den Rollstuhl an und machen ihn wieder fahrbereit. „Sehr freundlich und unkompliziert“, fasst Baur zusammen.

Die zweite Heimat
In Betina auf der Insel Murter wird der Heizungsunternehmer empfangen wie ein Ehrengast. Bürgermeister Šime Ježina hatte schon vor zwei Monaten von der geplanten Tour erfahren. Er lädt Baur samt Entourage auf eine Bootstour durch die Kornaten, die Inselgruppe vor Murter, ein, gefolgt von einem gemeinsamen Abendessen. Auf einer großen Leinwand auf dem Marktplatz lief ein Video seiner Fahrt, und auch das kroatische Staatsfernsehen berichtet über ihn. Gemeinsam mit seinem Team hat der Heizungsunternehmer noch zehn Tage Urlaub auf der Insel gemacht. Am Tag vor Baurs Abreise schaut der Bürgermeister noch einmal persönlich am Campingplatz vorbei und verabschiedet ihn und seine Frau mit den Worten: „Wenn was ist, ruft mich an, ihr habt ja jetzt meine Nummer.“

Eine Insel mit Geschichte
Die Insel begleitet Jürgen Baur seit Jahrzehnten. 1999 kam er das erste Mal aus kuriosem Umstand dorthin, um einen defekten Heizkessel zu reparieren. Im strengen Winter 2004 hörte er von einem Freund, dass es bei dessen Mutter im Wohnzimmer auf Murter nur noch acht Grad hat. Am Donnerstagabend stand das Problem im Raum, am Freitag saßen die beiden bereits im Euroliner, dem Vorläufer des Flixbus, nach Süden. Baur brachte die Heizung wieder zum Laufen und half damit einer Frau, die niemand anders unterstützen konnte. Dass eigens einer aus Deutschland gekommen war, blieb den Menschen dort in Erinnerung. „Ab da war ich für viele der Held aus Deutschland“, erzählt der Fachmann. Alle wichtigen Herren der Stadt kamen und feierten mit ihm. Aus dieser Zeit stammen Freundschaften, die bis heute halten, und er erinnert sich noch gut, an die vielen dort verbrachten Urlaube. Für Baur ist Murter längst zweite Heimat und die Rückkehr dorthin war sein großer Traum. Auf die Frage, wann er auf die Idee kam, mit dem Rollstuhl bis nach Murter zu fahren, nennt er seinen letzten Urlaub in 2018. „Den Wunsch hattest du doch viel früher! Er liebt die Insel ohne Ende“, wirft seine Frau Heidi ein.
2012 veränderte ein Schlaganfall Baurs Leben, seitdem ist er halbseitig gelähmt. Sein Alltag blieb dennoch aktiv, gemeinsam mit seinem Sohn Patrick führt er das Unternehmen weiter. Die Tour nach Kroatien war für ihn mehr als ein Abenteuer. „Ich will zeigen, dass Menschen im Rollstuhl nicht auf das Abstellgleis gehören.“ Für Baur war die Fahrt ein Zeichen für sich selbst, aber auch für andere, „um zu zeigen, dass Menschen im Rollstuhl auch etwas leisten können.“

