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Jörg Ilzhöfer kocht im Esslinger Hospiz

Ehrenamt Auf ganz besondere Art und Weise begleitet der prominente Koch Menschen in ihrer letzten Lebensphase.

Jörg Ilzhöfer im Hospiz Esslingen. Er reichert den Spargel im Blätterteig mit einer Safransoße an. Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen. Jörg Ilzhöfer kommt mit den vorbereiteten Mahlzeiten und einem sonnigen Lächeln durch die Tür. Seit zehn Jahren schon besucht er regelmäßig das Hospiz der evangelischen Kirche in Esslingen und kocht dort für die Gäste der Einrichtung. Acht Menschen haben im Hospiz die Möglichkeit, in Würde zu sterben. Einige bleiben in ihren Zimmern und werden dort die Mahlzeit zu sich nehmen, andere setzen sich mit den Mitarbeitenden an einen runden Tisch und essen gemeinsam.

Ilzhöfer beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Tod

Der 54-jährige Ilzhöfer selbst sitzt nicht mit am Tisch, denn er hat zu tun: Er bereitet die mitgebrachten Speisen auf, verteilt sie auf die Teller und serviert. Und unterhält en passant mit Charme, Witz und Zurückhaltung, so wie es von Köchen bekannt ist, die ihr Handwerk meisterlich verstehen, es aber selbst niemals hochjubeln würden. Später räumt er ab. Heute ist er, der eine bekannte „Event-Kochschule“ im Stuttgarter Traditionshaus Tritschler betreibt, weit mehr als ein Chef. Er dient und ehrt die Menschen, die hierher gekommen sind, um ihre letzten Tage in einer guten Atmosphäre zu verleben. Das Lob bleibt anderen überlassen, jemandem wie Gerhard Wenzel. Er ist gerade erst angekommen und tief gerührt. So gerne würde er dieses Mahl mit seiner Frau einnehmen, doch sie ist schon vor einem Jahr gegangen. Wenzel, selbst ein Sterbender, trauert noch immer um sie. Tränen bilden sich in seinen Augen. „Jetzt hätte ich sie am liebsten an meiner Seite.“ Ob er noch einen Nachschlag haben will? Ja, sehr gerne. „Geht es mir gut heute!“ Er hebt sein Glas Sekt in die Höhe und sagt: „Auf den Koch!“

Jörg Ilzhöfer beschäftigt sich schon lange mit dem Tod. Es ist kein Zufall, dass er aus reiner Menschenfreundlichkeit dieses außergewöhnliche Ehrenamt verrichtet. Ein Zufall aber brachte ihn ins Hospiz. Eine Mitarbeitende von ihm half dort aus und erzählte von einer Frau, die kurz vor ihrem Tod noch einmal Röstzwiebeln riechen wollte. Sie versuchte es, schaffte es aber nicht rechtzeitig. Die Tragik des unerfüllten Wunsches machte den Koch nachdenklich.

Das letzte Mahl: Handgeschabte Spätzle sollen es sein

„Mit den Leuten passiert etwas, wenn sie noch einmal eine Lieblingsspeise bekommen“, sagt Ilzhöfer. Er weiß es von seiner Mutter. Er begleitete sie beim Sterben, und ihr Essenswunsch lautete: Einen kleinen Schluck Most. Die Angehörigen sorgten dafür. Und dann noch ein kleines Brot mit Leberwurst. Drauf aufs Fahrrad, zum Metzger – auch dieser Wunsch konnte ihr noch erfüllt werden. An der Reaktion seiner Mutter erkannte Ilzhöfer, wie wichtig eine solche Mahlzeit werden kann, und wenn sie noch so einfach ist.

Der Koch, dessen Laufbahn in Esslingen begann, den es in die besten Häuser Deutschlands verschlug und der nun in Stuttgart sein Domizil hat, weiß auch schon, was er sich wünscht, wenn er stirbt. „Mein letztes Essen: Handgeschabte Spätzle mit Rahmsoße und Bröselschmelze.“ Und das ist nicht alles, was der 54-Jährige weiß, denn er hat sich intensiv mit dem Tod – seinem eigenen – beschäftigt. „Die Beerdigung ist schon organisiert“, sagt der Mann, der ausgesprochen lebendig wirkt. „Also, wer kommt, was es zu essen gibt, die Kleiderordnung, die Musik.“ Auch ein Abschiedsbrief ist schon verfasst, zumindest eine Ursprungsfassung. Der soll dann vorgelesen werden, damit sich die Angehörigen – oftmals nach dem Tod eines geliebten Menschen mit vielem überfordert – nicht auch noch damit beschäftigen müssen. Wer Ilzhöfer in die hellwachen, zuweilen schelmischen Augen blickt, kann sich vorstellen, dass es in diesem Text nicht allzu traurig vor sich gehen wird. Am Schluss steht: „Machen Sie’s gut.“ Nur das Datum muss noch eingetragen werden. Johannes M. Fischer