Maryna Horobeiko ist vor zwei Jahren infolge des russischen Angriffskriegs mit ihrer Tochter aus Kiew nach Deutschland gekommen. Die 43-jährige Ukrainerin ist Fachärztin für Neurologie und hat vor ihrer Flucht als leitende Ärztin in kommunalen und privaten Kliniken gearbeitet. „Dazu habe ich im Gesundheitsmanagement mit dem Gesundheitsministerium und der WHO zusammengearbeitet“, berichtet Maryna Horobeiko. Nach zwei Jahren spricht sie bereits sehr gut Deutsch. Ihre 17-jährige Tochter, die ihr Abitur per Fernunterricht abschloss, studiere in München Theater- und Kommunikationswissenschaften, erzählt sie.
Langer Weg zur Anerkennung
In ihrem eigentlichen Beruf als Ärztin kann die 43-Jährige aktuell aufgrund des langwierigen Anerkennungsverfahrens – seit eineinhalb Jahren liegen ihre medizinischen Unterlagen beim Regierungspräsidium – noch nicht arbeiten. Zwei Jahre sind der Durchschnitt bei den Verfahren. Seit Anfang Mai ist Maryna Horobeiko dafür als Koordinatorin in der Chirurgie der Filderklinik eingesetzt. Chefärztin Prof. Dr. Marty Zdichavsky ist beim Gespräch zum „Job-Turbo“-Programm in der Kirchheimer Geschäftsstelle der Agentur für Arbeit dabei und freut sich sehr über die neue Mitarbeiterin. Mit dem Nürtinger SPD-Bundestagsabgeordneten Nils Schmid sprachen die beiden Medizinerinnen sowie die Leiterin der Göppinger Arbeitsagentur Karin Käppel, Astrid Mast, Geschäftsführerin des Jobcenter Landkreis Esslingen, und der Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit Kirchheim, Simon Bürkle, über die Optionen, die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten zu verbessern und so deren Hilfebedürftigkeit und den Bezug des Bürgergelds zu beenden, sowie über den aktuellen Status quo auf dem Arbeitsmarkt.
Im Oktober 2023 haben die Bundesregierung und die Bundesagentur für Arbeit mit Partnern aus der Wirtschaft den „Job-Turbo“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, arbeitssuchend gemeldete Geflüchtete aus der Ukraine sowie den acht Hauptherkunftsländern, darunter Syrien, der Iran oder die Türkei, mit Ende ihres Sprachkurses zügig in ein Arbeitsverhältnis zu bringen. Sprachkenntnisse sollen dann berufsbegleitend weiter vertieft werden sollen. „Der beste Weg in die Gesellschaft führt über die Arbeit“, betont Simon Bürkle, „die Sprache ist der wichtigste Hebel dafür.“ Gerade auch was das berufsbezogene Vokabular angehe.
Viele Bewerbungen hat Maryna Horobeiko geschrieben und ebenso viele Absagen bekommen. Anfangs habe sie versucht, eine Arbeit zu finden, bei der man Englisch sprechen könne, „ich habe aber schnell gemerkt, dass das nicht ausreicht, und Deutsch gelernt“, berichtet Horobeiko, die auf ihrem bisherigen Weg in Deutschland viel Engagement und Eigeninitiative bewies. „Es ist wirklich viel Bürokratie bis zur Anerkennung der medizinischen Ausbildung. Auch sonst wollen und könnten viele schon arbeiten, dürfen es aber nicht“, so die Ärztin. Für ihre aktuelle Stelle in der Filderklinik sei ein medizinisches Fachwissen hilfreich, „aber keine Approbation nötig“, so die chirurgische Chefärztin Marty Zdichavsky. Die Regularien bis zum vollumfänglichen medizinischen Einsatz der ausländischen Kollegen seien wichtig, „es sollte aber schneller gehen. Wir haben im medizinischen und pflegerischen Bereich ohnehin einen Personalmangel, die ausländischen Fachkräfte dürfen aber vor der Anerkennung kaum eigenständig arbeiten, auch wenn das Wissen vorhanden ist.“ Das fordere das vorhandene Personal zusätzlich. In der Pflege seien es aktuell 18 Personen aus Bosnien, dem Kosovo und Serbien, die in der Filderklinik im Anerkennungsverfahren stecken., „Der Bedarf ist viel höher“, so die Chefärztin.
Personal dringend benötigt
Das gilt für zahlreiche Bereiche, darunter die erzieherischen Berufe oder das Handwerk. „Es bräuchte bundesweit geltende Muster und Standards, um die Anerkennungsverfahren zu beschleunigen“, sagt Nils Schmid. Ein weiteres Problem sei zudem oft ein Engpass an Sprachkursangeboten. 1071 ukrainische Geflüchtete sind laut Karin Käppel aktuell im Landkreis Esslingen arbeitslos gemeldet und werden vom Jobcenter betreut. „Gut 2500 sind bereits in einer Maßnahme wie der Sprachförderung oder einem Integrationskurs, das wäre der nächste Schritt für die Arbeitslosen“, ergänzt Astrid Mast: „Stand November 2023 waren 884 ukrainische Geflüchtete in einem Arbeitsverhältnis, mittlerweile ist die Zahl höher.“ Das Jobcenter habe Anfang Mai fünf Personen aus der Ukraine als Berater eingestellt.
Die Situation auf dem Arbeitsmarkt
Seit rund vier Jahren sei der Arbeitsmarkt in der Region dank zahlreicher Krisen gebeutelt, habe sich trotz allem aber überwiegend robust gezeigt“, so Karin Käppel, Leiterin der Göppinger Arbeitsagentur. Was die Arbeitslosigkeit angehe, verzeichne die Kirchheimer Geschäftsstelle mit 3,8 Prozent nach den Fildern (3,6 Prozent) aktuell das zweitbeste Ergebnis: „Die Geschäftsstelle Göppingen ist mit 4,7 Prozent mein Sorgenkind.“
Der Fachkräftemangel spiegle sich besonders im Gesundheitssektor, ebenso schwächeln das verarbeitende Gewerbe, darunter die Automobilzulieferer und das Handwerk, etwa im Baugewerbe, sowie die erzieherischen Berufe, weiß die Agenturchefin.
Den steigenden Zahlen an altersbedingten Ausstiegen müsse man mit attraktiven Modellen für all jene, die im Rentenalter noch länger arbeiten wollen, begegnen, so der SPD-Politiker Nils Schmid. eis

