Aus einer Paarbeziehung wird ein Dreiecksverhältnis: Bei der gemeinsamen Verwertung von Bioabfällen der beiden Partner-Landkreise Esslingen und Böblingen mischt ab 2027 auch der östliche Nachbarkreis Göppingen mit. Der Esslinger Kreistag hat am Donnerstag in Wendlingen den Inhalten des neuen Gesellschaftervertrages zugestimmt. Politisch grünes Licht aus Böblingen soll es voraussichtlich in der kommenden Woche, auf jeden Fall noch vor Weihnachten geben. Die Zustimmung gilt als reine Formsache, nachdem das Thema in den zuständigen Gremien aller drei Landkreise bereits umfassend vorberaten wurde.
Das ist ein rundum gelungenes Paket.
AWB-Geschäftsführer Michael Potthast über das neue Beteiligungsmodell bei der Biomüllverwertung.
Die Kreise Esslingen und Böblingen machen bereits seit Mitte der 90er-Jahre gemeinsame Sache bei der Verwertung von organischen Abfällen, die im Kompostwerk in Kirchheim zu Qualitätskompost verarbeitet werden, der verkauft wird. Eine zweite Säule wurde in diesem Jahr in Leonberg auf ein neues Fundament gestellt. Nach dem Großbrand im September 2019 in der dortigen Vergärungsanlage ist seit diesem Jahr der knapp 53 Millionen Euro teure Neubau in Betrieb, in dem auch Biomüll aus dem Kreis Esslingen verarbeitet wird.
Rund 30.000 Tonnen Gärreste aus diesem Prozess kehren jährlich zurück nach Kirchheim und werden dort kompostiert. Das bei der Vergärung entstehende Biogas wird von der Biomethanverwertung Sindelfingen (BVS) in Methangas umgewandelt und ins Gasnetz der Stadt Sindelfingen eingespeist.
Ein funktionierender Kreislauf, in den sich nun also auch der Kreis Göppingen einbringen will. Nach Abschluss der Umbauarbeiten im Kirchheimer Kompostwerk, das im Moment umfassend modernisiert und mit neuer Technik ausgestattet wird, versprechen sich die drei künftigen Partner eine gleichmäßigere Auslastung der beiden bestehenden Großanlagen. Gleichzeitig führt der Kreis Böblingen zum 1. Januar 2027 die Biotonne ein. Michael Potthast, der Geschäftsführer des Esslinger Abfallwirtschaftsbetriebes, spricht von einem „rundum gelungenen Paket“, von dem alle Partner profitieren sollen.
In der jüngeren Vergangenheit lagen Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander. Tatsächlich ausgelastet war das Kirchheimer Kompostwerk, das 60.000 Tonnen organischer Abfälle pro Jahr verarbeiten kann, selten. Eine veraltete Technik und wiederholte Pannen schränkten den Betrieb zuletzt immer wieder ein. Das soll sich nach der geplanten Wiederinbetriebnahme im kommenden Sommer ändern. Ebenso wie die Mengenkontingente der seitherigen Zulieferer. Bisher stammte etwa ein Drittel des jährlichen Inputs beider Anlagen aus dem Kreis Esslingen, zwei Drittel des Mülls steuerte Böblingen bei. Künftig soll der Göppinger Anteil bei rund 15 Prozent liegen. Das entspricht etwa 9000 Tonen Biomüll im Jahr. Der Verkauf von Anteilen an der Bioabfallverwertung GmbH Leonberg spült dem Esslinger Abfallwirtschaftsbetrieb 2027 rund vier Millionen Euro in die Kasse. Geld, das dem Gebührenzahler zugutekommt.
Partnerschaft seit mehr als 30 Jahren
Bis 1994 reicht die Partnerschaft der beiden Nachbarlandkreise Esslingen und Böblingen bei der Verwertung von Biomüll zurück. Im selben Jahr war Betriebsstart im Kirchheimer Kompostwerk, an dem sich der Kreis Böblingen als Kooperationspartner beteiligte. Der Gesellschaftervertrag wurde am 25. März 1994 unterzeichnet. Zuletzt war Böblingen mit 35 Prozent an der Kompostwerk Kirchheim GmbH beteiligt.
Nächster Schritt bei der Zusammenarbeit war 2019 die Gründung der Bioabfallverwertung Leonberg (BVL), an der wiederum der Kreis Esslingen Anteile hält. Seitdem wird der Biomüll beider Partner in der Anlage in Leonberg vergärt, bevor die Gärreste zu Kompost weiterverarbeitet werden. Das dabei gewonnene Biogas wird zur Wärmeerzeugung genutzt. bk

