Eigentlich war es ein schöner Ausflugstag Mitte April diesen Jahres auf dem Osterweg in Hochdorf. Doch für Sarah Bezler und ihren Sohn Liam endete dieser mit einem tragischen Unfall: Auf den letzten Metern kurz vor dem Parkplatz stürzte der damals fünfjährige Bub mit seinem Roller, landete unglücklich mit dem Oberkörper auf dem Lenker und verletzte sich dabei schwer. „Sein Hals wurde ganz dick. Und er sagte, dass er kaum atmen kann“, blickt Sarah Bezler zurück. Dass etwas Schlimmes passiert sein musste, ahnte sie sofort. Deshalb zögerte sie nicht lange und rief den Notarzt, der innerhalb kürzester Zeit vor Ort war.
Nachdem auch dieser den Ernst der Lage gleich erkannt hatte, wurde Liam mit dem Rettungswagen direkt ins Olgahospital, das Kinderkrankenhaus des Klinikums Stuttgart, gefahren. Dort erfolgte zunächst eine Notfalldiagnostik. Mithilfe einer Computertomografie stellten die Ärzte schließlich einen lebensgefährlichen Einriss der Luftröhre fest. Schnell musste gehandelt werden: Ärzte und Spezialisten aus zehn Fachbereichen wurden hinzugezogen. Diese retteten dem kleinen Liam mitten in der Nacht bei einem komplexen Not-Einsatz das Leben.
Wenn Sarah Bezler über diese Nacht und die darauffolgenden Wochen berichtet, kommen ihr noch immer die Tränen. Auch ihr Mann Lucian Bezler ist sichtlich bewegt. Dass alles gut lief und Liam schon relativ früh wieder gesund entlassen werden konnte, darüber sind beide freilich überaus glücklich. „Wir haben uns im Olgahospital immer gut aufgehoben gefühlt. Die Ärzte haben uns über alles aufgeklärt und uns Hoffnung gemacht“, betont Sarah Bezler.
Liam ist ein Kämpferkind.
Sarah Bezler über ihren sechsjährigen Sohn
Doch einen solchen Einsatz habe auch das dortige Ärzteteam noch nie zuvor durchgeführt. „Der Riss war mit drei Zentimetern recht lang, und er war weit unten kurz vor der Verzweigung zu den Lungenflügeln“, sagt Lucian Bezler. Bei dem Einsatz haben die Ärzte zunächst eine Drainage hergestellt, um Luft und Wundflüssigkeit herauszulassen. Dann versetzten sie Liam ins künstliche Koma, damit der Riss heilen konnte. In dieser Zeit wurde der Junge über einen Tubus beatmet, der relativ lang sein musste, weil sich der Riss weit unten befand. Nach drei Tagen wurde der Tubus durch einen noch längeren ausgetauscht, der eigens in Tübingen bestellt worden war. Es war ein gewisses Risiko, denn ob die Beatmung über den Tubus funktioniert, war anfangs unklar. Die Altnative wäre gewesen, eine Herz-Lungen-Maschine einzusetzen, wie Professor Dr. Gunter Kerst gegenüber dem Teckboten erläutert. „Doch das wäre kein einfacher Prozess gewesen, denn das Herz und die Lunge werden dabei komplett ersetzt.“
17 Tage verbrachte Liam insgesamt in der Klinik: 14 auf Intensiv- und drei auf Normalstation. Eine schwere Zeit für die Familie Bezler. Auch die Aufwachphase nach dem künstlichen Koma, das fünf Tage dauerte, gestaltete sich alles andere als einfach. Die Narkosemittel seien in dieser Phase umgestellt worden, um diese schnell absetzen zu können, wenn die Spontanatmung wieder einsetzt, erklärt Lucian Bezler. Doch zunächst sei der Junge nicht vollständig bei Sinnen gewesen: „Als er aufwachte, hatte er Halluzinationen durch die Medikamente“. Nachts sei er oft aus dem Schlaf geschreckt und hatte Panikattacken. „Nach zwei, drei Tagen konnte man wieder normal mit ihm reden. Dann stand er aber trotzdem noch unter Morphium.“
Doch Liam ist „ein Kämpferkind“, wie seine Mutter sagt. Er hat sich durchgebissen, ist wieder topfit und ein ganz normaler Junge, der gerne tobt, rennt, hüpft und mit Freunden spielt - und der auch gerne wieder mit dem Roller fährt. „Am Anfang hatte ich ein ungutes Gefühl dabei“, gesteht Sarah Bezler. „Aber man lernt, damit umzugehen.“
Politische Diskussion um Zentrenbildung
„Der Junge hatte unglaublich viel Glück“, resümiert Professor Kerst vom Olgahospital. Der Luftröhrenriss, der „extrem selten“ vorkomme, habe während des künstlichen Komas heilen können, ohne dass eine OP notwendig gewesen sei. Die Beatmung über den Tubus habe funktioniert. Insgesamt sei die Entscheidung der zehn Ärzte und Spezialisten „genial getroffen“ worden. Vor Ort waren Experten der Fachbereiche Kinderanästhesie, Kinderherz-Anästhesie, Kinderherzchirurgie, Kinderkardiotechnik, Thoraxchirurgie, HNO, Kinderintensivmedizin sowie Kinder-Anästhesiepflege, Kinder-OP-Pflege und kinderherzchirurgische Pflege. Freilich sei der Einsatz so vieler Spezialisten „bei weitem nicht kostendeckend“. Aber es sei selbstverständlich, alle Ressourcen bereitzustellen - auch für den worst Case.
Die Entscheidung des Notarztes, Liam direkt ins Olgahospital und nicht ins Esslinger Kinderkrankenhaus zu fahren, war ebenfalls richtig, sagt Lucian Bezler, der Vater des sechsjährigen Jungen. Er weiß von der politischen Diskussion um Zentrenbildung im Bereich der Pädiatrie, also der Kinderheilkunde. „Für uns war die Behandlung im Olgahospital sehr wertvoll, denn es waren zehn Fachbereiche involviert. So war eine Vollversorgung möglich.“ Doch freilich gebe es auch andere Notfälle, bei denen „ein nahegelegenes Krankenhaus die Entscheidung ausmachen kann“. hei

