Wodurch zeichnet sich die Inklusion bei Linn aus?
Wibke Zayer: Es läuft hier vorbildlich. Die Rahmenbedingungen und der persönliche Einsatz aller Beteiligten stimmen einfach. Alle Seiten halten Absprachen gut ein, die Kooperation mit der Lehrerin ist prima und auch mit der Assistenz klappt es super.
Welchen Vorteil bietet die Inklusion in diesem konkreten Fall?
Zayer. Man muss klar sagen, dass die Inklusion zwar vom Grundgedanken her sehr gut, meiner Meinung nach unter den derzeitigen Rahmenbedingungen aber nicht unbedingt für jedes Kind die geeignete Schulform ist. Für Linn war es genau die richtige Entscheidung. So ist es ein großer Pluspunkt, dass sie im Wohnort mit den Nachbarskindern in die Schule gehen und viel leichter Kontakte knüpfen und halten kann. Zur Nikolauspflege nach Stuttgart – das ist die nächstgelegene Schule für Blinde- und Sehbehinderte – müsste sie für die einfache Fahrt täglich anderthalb Stunden zurücklegen. Die Mitschüler wiederum profitieren vor allem für ihr soziales Lernen davon, dass sie Linn bei sich in der Klasse haben.
Ist es nicht umgekehrt auch ein Nachteil, dass Kinder, die inkludiert unterrichtet werden, den Eindruck bekommen, dass sie mit ihrem Handicap alleine sind?
Zayer: Deshalb gibt es sogenannte BLUBS-Kurse. Die Abkürzung steht für „Besondere Lernangebote zur Unterstützung blinder und sehbehinderter Schüler“. Im Rahmen eines solchen Angebots war Linn beispielsweise mit im Karlsruher Zoo, beim Klettern und hat sich im Biathlon ausprobiert. Diese Angebote, die von allen sonderpädagogischen Beratungsstellen in Baden-Württemberg gemacht werden, dienen auch dazu, dass die Kinder andere mit einer ähnlichen Behinderung kennenlernen.
Muss ein Kind, das inkludiert beschult wird, nicht eigentlich viel mehr leisten als ein gesundes Kind?
Zayer: Auf jeden Fall. Linn beispielsweise lernt in der Schule die Schwarzschrift und im Hintergrund zu Hause die Brailleschrift, weil man nicht weiß, ob sie irgendwann darauf angewiesen ist. Außerdem eignet sie sich jetzt bereits das Zehnfingersystem sowie den Umgang mit dem Laptop und spezieller Vergrößerungssoftware an, um die Heftführung auf den Laptop umzustellen. Sie lernt auch, wie Präsentationen gestaltet sein müssen, damit auch Sehende einen Gewinn davon haben. Zusätzlich zum Stoff der Grundschule müssen für Linn Inhalte aus dem Bildungsplan für Blinde- und Sehbehinderte umgesetzt werden. Sie muss ja lernen, wie sie selbstständig wird, wie sie sich orientieren kann, wie sie mit anderen umgeht und eine eigene Identität entwickeln kann.
Sicher stößt Linn durch ihre Sehbehinderung in einer Regelschule mitunter an Grenzen. Wie fangen Sie das als Lehrerin ab?
Heidi Segeritz: Linn hat sehr gut Lesen gelernt. Inzwischen kristallisiert sich jedoch heraus, dass es für sie schwierig ist, beim Lesetempo mit den anderen Schritt zu halten. Jana Weiland, die Assistentin, geht bei solchen Aufgaben dann mit Linn auf den Flur und liest ihr längere Texte vor. Wenn Aufgaben diktiert werden, die Linn nicht so schnell erledigen kann wie ihre Mitschüler, gilt es Zeitnischen zu finden, in denen sie separat arbeiten kann. Räumlich ist man dabei natürlich sehr gebunden, da Linn ja ihren festen Arbeitsplatz mit allen dazugehörenden Hilfsmitteln braucht.
Ist davon auszugehen, dass Linn den selben Schulabschluss wird machen können wie ihre nicht behinderten Mitschüler?
Zayer: Ja, davon kann man ausgehen. Man spricht dabei von einer zielgleichen Inklusion. Sollte Linn das Abitur machen wollen, hat sie bis dahin Anspruch auf eine Assistenz im Unterricht. Diese sogenannte Eingliederungshilfe bezahlt das Landratsamt und ist im Fall von Linn beim Kreisjugendring angesiedelt.
Wie wurden Sie als Linns Klassenlehrerin denn auf das inklusive Unterrichten vorbereitet?
Segeritz: Mit einer halbtägigen Veranstaltung an der Nikolauspflege. Dabei habe ich gelernt, welche Materialien im Unterricht hilfreich sind, wie kontrastreich Dinge aufbereitet werden müssen oder wie beispielsweise Arbeitsblätter umgearbeitet werden sollten und wo ich Hilfsmittel herbekomme. Das war natürlich viel zu wenig. Durch meine Arbeit als Kooperationslehrerin habe ich Linn aber aus dem Kindergarten schon gekannt und bin in die Aufgabe reingewachsen. Wenn man dann drinsteckt, macht man viel intuitiv.
Steht man als Lehrerin nicht ziemlich alleine da?
Segeritz: Wibke Zayer und Jana Weiland sind mir natürlich eine große Hilfe. Was mir fehlt, ist der Kontakt mit ähnlich betroffenen Kollegen. Man könnte Ideen austauschen, Ängste ausräumen und sich auch gegenseitig bestärken.
