Für Kathrin Paul-Prössler ist es der erste Jahresbericht, den sie als Geschäftsführerin des Arbeitskreises Leben (AK) Nürtingen-Kirchheim vorstellt. Ende März hat sie die Leitung von ihrer Vorgängerin Alena Rögele übernommen. „Ich fühle mich gut aufgenommen, vom Team und vom Vorstand“, sagt Paul-Prössler. Das sei auch wichtig, denn dem Verein geht es um nicht weniger, als über die schwierigen Themen von Lebenskrisen und Gefahr von Selbsttötung aufzuklären und Betroffene zu beraten und zu begleiten.
Laut dem Jahresbericht haben sich im Kreis Esslingen im vergangenen Jahr 58 Menschen das Leben genommen. Die Zahl der Selbsttötungen ist demzufolge leicht gestiegen, im Jahr 2023 waren es 54 gewesen. Erneut fällt auf: Es sind deutlich mehr Männer als Frauen, die Suizid begehen; im Jahr 2024 waren es doppelt so viele Männer wie Frauen.
Hilfe anzunehmen ist eine Stärke und keine Schwäche.
Kathrin Paul-Prössler, AKL-Geschäftsführerin
Längst hat der AK Leben Männer – und besonders auch jugendliche Männer – als Hochrisikogruppe eingestuft. Der AK entwickelt deshalb entsprechende Angebote, die Krisen und Selbsttötungsgedanken vorbeugen sollen.
Hinzu kommt, dass Männer tendenziell seltener Hilfe in Anspruch nehmen als Frauen. Das findet sich auch in den Zahlen des AK Leben wieder. Im vergangenen Jahr nahmen 586 Menschen Kontakt zur Beratungsstelle auf, 2023 waren es 585. Wie im Jahr 2023 verteilten sich die Hilfegesuche zu etwa zwei Drittel auf Frauen und zu einem Drittel auf Männer. „Es ist die eine Sache, das zu erkennen, die andere aber, was daraus folgen soll“, sagt Paul-Prössler. Neben der offenen Beratung hat der AK Leben gezielt Angebote entwickelt, die Männer ansprechen sollen.
Im Jahresbericht nimmt der AK Leben Bezug auf Ergebnisse des Forschungsverbunds „Men Access“ (frei übersetzt: „Zugang zu Männern“). Hinter dem Forschungsverbund stecken Wissenschaftler der Universitäten Leipzig und Bielefeld sowie der Hochschule für Gesundheit und Medizin in Berlin. Zwischen 2021 und 2024 haben sich die Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt, woher die spezifischen Unterschiede der Geschlechter in Bezug auf Selbsttötung rühren.
Erstens bemerken die Forscher Risikofaktoren, die bei Männern häufiger auftreten als bei Frauen. Dazu zählt etwa, dass Männer anfälliger für Drogenmissbrauch und öfter alleinstehend sind. Zweitens stellen die Forscher fest, dass besonders die Anzeichen einer „Männerdepression“ weniger häufig erkannt werden. Gereiztheit bis hin zur Aggressivität, riskantes Verhalten, Störung der Impulskontrolle und Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten sind einige Anzeichen, die auf eine Depression hinweisen. Erschwerend kommt den Forschern zufolge hinzu, dass Männer dazu neigen, die Anzeichen selbst schlecht wahrzunehmen und sie selten ihrem Umfeld mitteilen.
Das führt die Forscher zur dritten Erklärung, die das Männlichkeitsbild betrifft. „Die Vorstellung, wie ein Mann sein soll, ist ein gesellschaftliches Thema“, sagt Paul-Prössler. Zwar tue sich in dieser Hinsicht etwas, das Bild ändere sich – doch in der Breite der Bevölkerung herrsche noch immer ein überholtes Bild vor: Das selbst auferlegte „Männer dürfen keine Schwäche zeigen“, „Männer müssen alles im Griff haben“, ziele darauf ab, dass Männer funktionieren müssen. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, so Paul-Prössler. Was die männliche Leistungsfähigkeit infrage stelle, werde als Schwäche angesehen. „Aber Hilfe anzunehmen ist eine Stärke und keine Schwäche“, sagt sie.

Paul-Prössler versteht den AK Leben als wichtigen Teil der vorbeugenden Arbeit. Die Beratungen der drei hauptamtlichen Kräfte ersetzten zwar keine Psychotherapie, böten aber den Vorteil, schnell Überbrückungsgespräche anzubieten. „Ich glaube, dass manche Folgebehandlungen durch die Ersthilfe womöglich gar nicht mehr nötig sind“, sagt sie. Schnelle und unkomplizierte Hilfe soll gewährleistet werden, indem Termine binnen einer bis zwei Wochen in der Beratungsstelle angeboten werden. Zudem vermittle der Verein an langjährige Ehrenamtliche, die Krisen von Menschen begleiten. „Unsere Aufgabe ist, mit unseren Klienten herauszufinden, was sie im Leben hält; wofür es sich zu leben lohnt“, so Paul-Prössler. Zugleich sollen ihre Sorgen ernst genommen werden.
Präventionsschulungen werden angeboten
Der AK Leben bietet über die Beratungen in Nürtingen und Kirchheim hinaus auch Präventionsprojekte an. Wie Kathrin Paul-Prössler berichtet, war im vergangenen Jahr das Jugendpräventionsprojekt „War’s das? Umgang mit Krisen und Suizidalität“ so gefragt wie nie: 21 Mal waren die Mitarbeitenden an Schulen im Kreis unterwegs, wodurch 428 Jugendliche angesprochen wurden. Auch die Führungskräfteschulung, die im Herbst vergangenen Jahres ins Leben gerufen worden war, sei erfolgreich gestartet. Der AK Leben hat mit Unternehmen aus der Region ein Schulungsprogramm aufgestellt, das Führungskräfte sensibilisieren soll und darüber aufklärt, wie Mitarbeitern in Krisen geholfen werden kann. 50 Führungskräfte sind bislang geschult worden, diesen Herbst sollen weitere folgen.
„Man kann das Thema nicht oft genug betonen“, sagt Paul-Prössler. Das Anliegen sei, persönliche Krisen und Selbsttötungsabsichten zu enttabuisieren: „Unser Ansatz ist: So früh wie möglich damit beginnen.“
Kontakt zum AKL Nürtingen-Kirchheim
Wer Hilfe benötigt, kann das Krisentelefon anrufen unter der Nummer 0 70 22/1 92 98.
Per E-Mail ist der AKL unter akl-nuertingen@ak-leben.de erreichbar.

