Als Glücksfall bezeichnet Landwirt Karl Nägele die Tatsache, dass er sich um das Fortbestehen seines Hofs in Bissingen keine Sorgen machen muss. Das sei alles andere als selbstverständlich, sagt der 70-Jährige. Mit seiner Frau Else hat er drei Söhne, Andreas (34), Thomas (36) und Karlheinz (40). Thomas und Karlheinz Nägele arbeiten hauptberuflich bei Mercedes-Benz und ElringKlinger, haben parallel aber auch ihre Aufgaben auf dem Hof.
Der jüngste der Brüder, Andreas, ist Anfang Juni Vollzeit in den Familienbetrieb eingestiegen und hat dafür seinen bisherigen Job in der Industrie gekündigt. „Ich bin gelernter Landmaschinenmechaniker, das kommt mir in unserem Betrieb zugute“, erklärt der 34-Jährige, der die Eltern wie auch seine Brüder bei der Bewirtschaftung des Hofs in fünfter Generation tatkräftig unterstützt. „Das ist natürlich eine große Beruhigung, wenn man weiß, dass es mit dem Betrieb weitergehen kann“, betont Karl Nägele. Das Hofsterben habe sich von seiner Generation zu der seiner Kinder deutlich verstärkt, das zeige sich auch in Bissingen: „Früher war gefühlt jedes zweite Haus eine Landwirtschaft, heute sind es nur noch sehr wenige Betriebe.“
Vom Obst bis zum Milchvieh
Rund 110 Hektar Ackerfläche, 150 Hektar Grünland und gut einen Hektar Streuobstwiesen gilt es bei Nägeles zu bewirtschaften. Dazu kommt die Milchviehhaltung mit derzeit 65 Milchkühen und ebenso vielen Kälbern aus der eigenen Zucht. Seit 1998 hat die Familie ihren Hof außerhalb des Ortes und ihn dort nach und nach erweitert, sowohl was die Gebäude angeht, als auch die Flächen. „Bis 1996 waren wir in Bissingen in der Teckstraße. Dann wurde mehr Bauland umgelegt, weshalb wir uns für die Aussiedlung entschieden haben und zwei Jahre später an den heutigen Standort umgezogen sind. Damals hatten mein Bruder Siegfried und ich eine GbR zu je 50 Prozent“, erklärt Karl Nägele.
2020 seien dann seine Söhne mit in den Familienbetrieb eingestiegen. „Ende Juni 2024 ist mein Bruder, der selbst keine Kinder hat, aus der GbR ausgestiegen und an die frühere Hofstelle im Ort zurückgezogen“, schildert Karl Nägele die Nachfolgeregelung in seiner Familie. Nach der Aussiedlung und dem Flächenzuwachs sei dann der Ackerbau als weiteres Standbein dazugekommen, „den Obstbau und das Milchvieh hatten wir auch schon in den vorigen Generationen.“
Landwirtschaft als Traumjob
Für Sohn Andreas war immer klar, dass er komplett in den Familienbetrieb einsteigen möchte. „Wir sind alle damit aufgewachsen, für mich ist die Arbeit auf dem Hof eine Leidenschaft. Ich war schon als Kind immer gerne draußen, ein reiner Bürojob wäre nichts für mich“, sagt der 34-Jährige. An seinen Aufgaben in der Landwirtschaft schätzt er die Vielseitigkeit. „Ich habe meinen Söhnen trotzdem geraten, erstmal eine Ausbildung im Handwerk oder in der Industrie zu machen, das war damals sicherer als in der Landwirtschaft“, sagt Karl Nägele. Auch er selbst habe als Elektrotechniker gearbeitet, bevor er später in den elterlichen Betrieb einstieg.
Der ist heute mit verschiedenen Sparten wie dem Ackerbau, Grünland, dem Obstbau und der Milchviehhaltung bewusst breit aufgestellt. Das sei wichtig, gerade auch angesichts wechselnder Herausforderungen, erklärt Karl Nägele: „Eine relativ lange Zeit war beispielsweise der Milchpreis im Keller, damals lief das Getreide besser. Aktuell ist der Weizenpreis unten, der Milchpreis hat sich wieder gebessert, der ist momentan stabil. Wir bauen nicht nur Weizen, sondern ganz unterschiedliche Getreidesorten an, darunter zum Beispiel Raps und Dinkel oder Futtergetreide wie Wintergerste, Hafer und Triticale – eine Kreuzung aus Weizen und Roggen – sowie Sommergerste, das ist jene zum Bierbrauen“, nennt der Landwirt Beispiele für das, was auf seinen Äckern wächst. Gerade auch vor dem Hintergrund des Klimawandels sei es wichtig, mehrere Sorten sowie überhaupt mehrere Standbeine zu haben, weiß Karl Nägele.
Wachsende Herausforderungen
So habe der langanhaltende Regen im Juli dem Weizen geschadet, dessen Fallzahl sei gesunken, was beispielsweise die Backqualität des Weizens verschlechtere. Kann der Weizen nur noch als Futtermittel verwendet werden, führt das zu Mindererlösen für die Landwirte. „Für den Obstbau und das Grünland dagegen war der Regen dringend notwendig. Den Äpfeln fehlt aber nach wie vor die Größe.“ Auch auf den Saat-Zeitpunkt und die Erntezeit wirke sich das Klima aus, „da muss man sich immer wieder anpassen. Kein Jahr ist wie das andere“, so Karl Nägele.
Eine weitere Herausforderung seien die wachsenden Vorgaben an die Landwirtschaft, etwa was den Pflanzenschutz angehe, sowie der Flächenfraß, sagt der Landwirt. Soweit möglich, habe er seine Flächen daher gekauft, damit sie ihm nicht wie gepachtete wegbrechen können. Wie im Falle des neuen Gewerbegebiets „Fürhaupten“, das ihn drei Hektar gekostet habe, „das hat schon weh getan.“

