Nürtingen. „In der Öffentlichkeit wurde zu sehr der Streit in der Ampelkoalition wahrgenommen, zu wenig die Gemeinsamkeiten.“ Das ist das Fazit von Matthias Gastel bei seiner Bilanz, die er jedes Jahr im Wahlkreisbüro auf dem Gelände der Alten Seegrasspinnerei in der Sommerpause zu seiner Bundestagsarbeit und der des Bündnisses 90/Die Grünen zieht, für die er den Wahlkreis Nürtingen in Berlin vertritt.
Der 54-Jährige ist Mitglied im Verkehrsausschuss und Bahnexperte seiner Partei, im Tourismusausschuss setzt er sich für nachhaltige Mobilität ein. Bis zum Ausscheiden aus der Regierung war Gastel Aufsichtsratsmitglied der DB InfraGO AG, einer Tochter der Deutschen Bahn, die zuständig für die Eisenbahninfrastruktur ist.
Seine Bürgernähe dokumentiert der Abgeordnete in Gesprächen an öffentlichen Orten, bei seinen Sprechstunden, in sozialen Medien oder mit Besuchen in sozialen Einrichtungen und Schulen. „Dabei geht es mir nicht um Parteienwerbung, sondern in erster Linie darum, über parlamentarische Arbeit aufzuklären, das Vertrauen in die Demokratie zu wecken“, so Gastel. „Ich möchte nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern dass die Dinge besser werden.“ Regelmäßig sei er auch in Betrieben vor Ort, um sich ein Bild von Branchen und deren wirtschaftlicher Lage zu machen.
Gastel hebt die Erfolge der dreijährigen Koalitionsarbeit hervor. Dazu gehören für ihn die Hilfen während Krisenzeiten, zum Beispiel zur Linderung der Inflation, die Sicherung der Energieversorgung und den Ausbau erneuerbarer Energien. Sozialpolitisch führt Gastel „die stärkste Erhöhung des Kindergeldes seit 30 Jahren“ als einen Pluspunkt der Ampelkoalition an. Verkehrspolitisch hebt er die Einführung des Deutschlandtickets hervor, merkt jedoch kritisch an: „Das muss auch über das Jahr hinaus verlässlich vom Bund mitfinanziert werden, der sich bis jetzt jedoch weigert, die Kostensteigerungen mitzutragen.“
Als Aufsichtsratsmitglied in der DB InfraGO AG habe er an der ersten Strukturreform der Deutschen Bahn seit 30 Jahren mitgewirkt. „Wir haben die Zahl der Vorstände um 40 Prozent reduziert, die Zahl der Tochtergesellschaften von 756 auf 270 reduziert und so den Konzern übersichtlicher gestaltet und die Investitionen in die Schiene um 85 Prozent auf 16 Milliarden Euro erhöht.“
Enttäuscht zeigt sich Gastel beim Thema Sondervermögen: „Wir haben das in der Zeit zwischen den zwei Regierungen in Form einer Verfassungsänderung mitgetragen, jedoch geknüpft an Bedingungen, die nun offenkundig nicht eingehalten werden sollen.“ Das Verschieben seitheriger Etatposten aus dem Bundeshaushalt in das Sondervermögen, um Geld für fragwürdige Steuersenkungen und Lobbyismus zur Verfügung zu haben, nennt Gastel einen Wortbruch. So werde das Sondervermögen zu schnell aufgebraucht, statt es nachhaltig in Infrastruktur für Mobilität, Digitalisierung und energetisches Sanieren und Bauen zu investieren. Steuersenkungen hält Gastel beim Strompreis für notwendig: „Nicht nur Industrieunternehmen, auch das Handwerk und die privaten Haushalte müssen entlastet werden.“
In der Region will er sich weiter für eine Stärkung des Nahverkehrs einsetzen, was zum Beispiel für größere Kapazitäten auf der Bahnstrecke zwischen Nürtingen und Tübingen nun geschehe. Vom Bund erwartet Gastel eine weitere Erhöhung der Regionalisierungsmittel. Für die Züge durch das Neckartal nach Stuttgart und über die Wendlinger Kurve zum Flughafen sieht er diese kommen, aber auch für die Verlängerung der S-Bahn von Plochingen nach Nürtingen und von Kirchheim nach Weilheim brauche es Mittel.
In der Diskussion um die neue Flugroute könne er nur eine Vermittlerrolle einnehmen, er bringt einen Kompromiss ins Spiel, indem Flüge nicht schon in den frühen Morgenstunden starten. Zum Eisenbahnbundesgesetz, das von der neuen Koalition abermals geändert wurde, meint er: „Für Nürtingen wäre auch nach dem seitherigen Gesetz eine Bebauung der Östlichen Bahnstadt möglich gewesen.“ Den Schwarzen Peter schiebt er dem Eisenbahnbundesamt für dessen Interpretation des Gesetzes zu.

