Weilheim · Lenningen · Umland
Medius-Kliniken fürchten keine Zäsur

Krankenhausreform Geschäftsführer Sebastian Krupp kritisiert Lauterbachs Pläne. Eine ernsthafte Bedrohung für die drei Standorte im Landkreis sieht er darin allerdings nicht. Von Bernd Köble

Der OP-Roboter „Da Vinci“ bei der Arbeit im Krankenhaus in Ruit. Spezialisierung ist für die Kliniken das Gebot der Stunde.  Foto: Medius-Klinik/Verena Müller

Mitte der Woche hat das Bundeskabinett die umstrittene Krankenhausreform von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gebilligt. Seitdem hagelt es Kritik von allen Seiten. Was bedeuten die Reformpläne für die drei Medius-Kliniken in Kirchheim, Nürtingen und Ruit, wollten wir von Klinik-Geschäftsführer Sebastian Krupp wissen.

 

Herr Krupp, Experten vermissen eine klare Folgenabschätzung bei der Reform. Haben Sie in Bezug auf Ihre drei Häuser Ihre eigene schon gemacht?

Sebastian Krupp: Stand heute ist es gar nicht möglich, die Auswirkungen zu berechnen, weil wir gar nicht wissen, wo wir stehen. Die 65 Leistungsgruppen aus Nordrhein-Westfalen, die bundesweit als Muster dienen sollen, die kann man wegen fehlender Regelungen noch nicht dem eigenen Leistungsspektrum zuordnen. Das ist das eine. Die Mindestanzahl an Patienten für eine bestimmte Leis­tungsgruppe ist ebenfalls noch nicht definiert.

Was ist Ihre Hauptkritik?

Krupp: Die Finanzierung. Was wir wissen, ist, dass mit keinem neuen Geld zu rechnen ist. Die Hoffnung des Ministers ist, dass durch die Schließung von Kliniken mehr Geld für andere bleibt. Durch die Kürzung der Fallpauschalen wird es auch nicht zu neuen Leistungsanreizen und weniger Gerangel um Patienten kommen, weil in jeder Leistungsgruppe eine sogenannte Mindestmenge, also eine bestimmte Zahl an Patienten, vorgegeben ist. Wenn ich die unterschreite, dann habe ich keinen Anspruch mehr darauf, die Patienten der betroffenen Leistungsgruppe abzurechnen. Wir reden bei der Vorhaltefinanzierung also weiterhin über ein System, das zu hundert Prozent auf Fallzahlen basiert und nicht die tatsächlichen eigenen Kosten vergütet.

Als die Erweiterungspläne für die Kliniken in Nürtingen und Ruit auf den Weg gebracht wurden, war von einer Reform noch nicht die Rede. Ergeben sich daraus irgendwelche Fallstricke?

Alles, was derzeit läuft, wird finanziell keinen Vor- oder Nachteil haben.Ob wir hier Maßnahmen umgesetzt haben, die hinterher keinen Bestand mehr haben, kann ich im Moment nicht abschätzen. Es kann sein, dass durch die Änderung der aktuellen Versorgungsaufträge hin zu Leistungsgruppen es zu einzelnen Verlagerungen kommt. Das kann zu diesem Zeitpunkt niemand ausschließen. Ich gehe aber davon aus, dass das Land keine laufenden Investitionen gefährdet. Das ergäbe aus Qualitätssicht keinen Sinn. Deshalb rechne ich damit, dass sich am Leistungsspektrum der Medius-Kliniken nicht viel ändern wird.

Wie werden die drei Medius-Kliniken denn letztlich bewertet? Als Einzelhäuser oder als zusammenhängendes System?

Es werden alle drei Standorte einzeln bewertet. Ich gehe also davon aus, dass alle drei Häuser für sich Leistungsgruppen zugewiesen bekommen. Kirchheim und Nürtingen ist ja ein Plankrankenhaus. Wie das letztlich bewertet wird, ist noch unklar.

Stichwort Betriebskosten. Kliniken sind durch gestiegene Energiepreise, höhere Löhne und Inflation unter Druck geraten. Ist dieses Thema in der Reform ausreichend berücksichtigt?

Es ist gar nicht ­berücksichtigt. Die Unterfinanzierung wurde in der jüngeren Vergangenheit durch Einmalzahlungen kompensiert. Die Schere hat sich dadurch immer weiter geöffnet. Die Energiehilfen, die wir zuletzt vom Bund erhalten haben, sind seit Mai alle ausgelaufen. Das ist wie Pflaster kleben. Die Kliniken haben dadurch ein jetzt noch mal deutlich größeres Problem, obwohl schon die Finanzierung des Normalbetriebs den Sach- und Personalkostensteigerungen hinterherhinkt. Daran wird sich nichts ändern, wenn nicht mehr Geld ins System kommt.

Ist es angemessen, den Anteil des Bundes am Transformationsfonds ausschließlich über Kassenbeiträge zu finanzieren oder sollte es doch besser aus Steuermitteln erfolgen, wie die Kassenvereinigung fordert?

Das ist eine sehr gute Frage. Herr Lauterbach tut genau das, was er den Ländern vorwirft. Er sagt, die Länder kämen ihrer Finanzierungspflicht nicht nach, und bestreitet gleichzeitig seinen Anteil über die Krankenkassen. Wir reden dabei über 2,5 Milliarden Euro, die die Kassen in einem Zeitraum von zehn Jahren in die Finanzierung der Bautätigkeit stecken sollen. Das Geld fehlt dann im laufenden Betrieb.

Das Gesetz geht jetzt in den Bundestag und soll im kommenden Jahr an den Start gehen. Halten Sie das für realistisch?

Es gibt ja eine Übergangsphase bis 2028. Es geht jetzt und wohl auch im kommenden Jahr darum, dass die Ist-Daten gesammelt werden. Anschließend müssen die Länder die Leistungsgruppen zuordnen. Erst wenn klar ist, welches Haus was erbringen kann, kann das neue System greifen. Bis dahin werden wir weitermachen wie bisher.

Ist eine wohnortnahe Versorgung im Kreis Esslingen auch künftig gesichert, wenn sich Kliniken immer weiter spezialisieren?

Wir als Medius-Kliniken werden die ganze Bandbreite der Versorgung auch weiterhin anbieten. Wir spezialisieren uns zwar an bestimmten Standorten, haben aber das gesamte Spektrum in der Chirurgie und in der Inneren Medizin im Blick. Patienten aus ländlichen Regionen wie dem Schwarzwald könnten durch den Wegfall von Leistungen künftig eher ein Problem haben, da die Fahrzeit sich verlängern würde.

Fünf Kliniken hier im Kreis vor den Toren Stuttgarts, dazu die Alb-Fils-Klinik im benachbarten Göppingen – gehen Sie davon aus, dass es dies so in ein paar Jahren noch geben wird?

Ja, davon gehe ich aus. Was unsere Standorte betrifft, definitiv. Gemessen an der Einwohnerzahl ist unsere Bettendichte nicht sehr hoch. Ob jeder Standort dann genau das erbringt wie heute, würde ich jedoch mit einem Fragezeichen versehen.