Eigentlich sei Pflege bei den Sevgiliers Familiensache, sagt Zerrin Sevgilier. Als „Gastarbeiterkind“, wie sie sich selbst nennt, kam sie 1966 mit ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland. Die 65-Jährige hat schon ihre beiden Schwestern, die Mutter und bis vor kurzem auch ihren Vater zum Teil jahrelang gepflegt – mit Ausnahme des Vaters bis in den Tod. Für die Pflege des Vaters, der an Krebs erkrankt war, zog sie sogar bei ihm ein.
„Ich bin einfach in die Pflege reingewachsen“, sagt Zerrin Sevgilier, die einen kaufmännischen Beruf gelernt hat, inzwischen aber im Ruhestand ist. Nachdem sie einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte, war jedoch an die Pflege des Vaters zuhause nicht mehr zu denken – trotz der Unterstützung durch ihren Sohn.
Ich konnte abends beruhigt zu Bett gehen.
Zerrin Sevgilier
Die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV), die ihren Vater betreute, machte sie auf das Hospiz aufmerksam. „Ich wusste gar nicht, wie ein Hospiz arbeitet“, erzählt Zerrin Sevgilier. Doch dann erlebte sie, mit wie viel Liebe und Empathie die Schwerstkranken und Sterbenden begleitet werden. Und die Mitarbeitenden haben Zeit für die Gäste und ihre Angehörigen. „Mein Vater war anfangs manchmal schwierig, aber das Pflegepersonal war unheimlich geduldig mit ihm.“
Sie selbst konnte ihren Vater jeden Tag besuchen. Manchmal habe sie ein „türkisches Süppchen“ als Erinnerung an Zuhause mitgebracht. Doch auch die Mitarbeitenden im Hospiz erfüllten individuelle Wünsche. Besonders hat Zerrin Sevgilier geschätzt, dass sie stets informiert worden sei, wie es ihrem Vater gehe.
„Dass mein Vater im Hospiz so gut versorgt wurde, war für mich nicht nur eine physische und psychische Entlastung, sondern auch eine große Erleichterung. Ich konnte abends beruhigt zu Bett gehen, denn ich sah, wie würdevoll mit ihm umgegangen wurde.“
Für den Vater war es erst schwer
Anders ging es zumindest anfangs ihrem Vater. Der wollte unbedingt wieder nach Hause in seine gewohnte Umgebung, erzählt die Tochter. „Da hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen“, gesteht sie. Doch auch hier hätten ihr die Mitarbeitenden zur Seite gestanden und erklärt, dass dies eine ganz normale Reaktion sei. Das habe es leichter gemacht für sie. „Ich fühlte mich auch als Angehörige gut begleitet.“ Auch ihr Vater freundete sich mit dem Gedanken an, im Hospiz zu bleiben: „Schließlich merkte er, wie gut er hier betreut wird.“
Was Zerrin Sevgilier besonders beeindruckte: Der für das von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen getragene Hospiz zuständige evangelische Pfarrer Norbert Stahl besuchte ihren Vater und schenkte ihm eine Gebetskette. Für ihren Vater, der ein sehr gläubiger Muslim gewesen sei, sei dies eine ganz besondere Geste gewesen. „Da merkten wir, dass keine Unterschiede gemacht werden und wir hier auch als Muslime willkommen sind.“
Das bestätigt Susanne Kränzle, die Gesamtleitung des Hospiz Esslingen: „Vielfalt ist sozusagen in der DNA der Hospizbewegung enthalten. Wir begleiten alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Nationalität, Religion, ihrem Alter, ihrer geschlechtlichen und sexuellen Orientierung. Alle sind uns willkommen.“
Beim Tod ihrer Schwestern und der Mutter habe sie nie Zeit gehabt für die eigene Trauer, erzählt Zerrin Sevgilier. Im Hospiz hat sie von den Trauerangeboten erfahren, die es dort für Angehörige gibt. Jetzt könne sie sich gut vorstellen, diese wahrzunehmen.

