1500 Liter Milch produzieren Karl Nägeles Milchkühe täglich. Davon alleine könnten der Landwirt aus Bissingen und seine Familie aber nicht leben. In nächster Zeit dürfte sich die Lage noch weiter anspannen. Denn: Die Milchpreise befinden sich auf Talfahrt. „Seit Oktober ist in Baden-Württemberg ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen“, sagt Horst Wenk, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbands. Dafür gebe es verschiedene Gründe, wie etwa eine gestiegene Milchproduktion. Wenk kritisiert jedoch scharf, dass die Preissenkungen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) weit über das hinausgehen würden, was der Markt an Korrektur erfordere. Hier nutze der LEH seine Marktmacht ohne Rücksicht auf die Erzeuger massiv aus.
Mehrere Standbeine
Karl Nägele erklärt: „Der Lebensmitteleinzelhandel gibt die Preise vor, da können wir nichts machen.“ Im Moment würden nicht nur die Butterpreise stark sinken. Auch sämtliche andere Milchprodukte sind davon betroffen. Vor allem bei den Eigenmarken würden Aldi, Lidl und Co. mit dem Preis stark runtergehen. Den Landwirten bleibe nichts anderes übrig, als von der Seitenlinie aus zuschauen und die Preise zu beobachten. So wie die meisten Landwirte, liefert Karl Nägele seine Milch an eine Molkerei, die die Vermarktung und die Preisgestaltung übernimmt. In seinem Fall ist das die Milchwirtschaftliche Beteiligungs-AG mit Sitz in Heilbronn: Bei dieser habe es bislang noch keine Anpassung gegeben. Der Bissinger ist sich aber sicher: Ein Einbruch der Preise wird auch dort nicht ausbleiben. Die Lage sei für viele Landwirte kritisch und könne sich weiter zuspitzen. Vor allem Betriebe, die nur auf die Milchproduktion setzen, treffe die Entwicklung hart.
Deshalb hat sich Kral Nägele verschiedene Standbeine aufgebaut: „Wir haben Getreide, Obst und Milch.“ Das Obst vermarktet die Familie selbst und wird in Hofläden in der Teckregion verkauft. Bei den Äpfeln funktioniere das sehr gut, bei Milch sei eine Direktvermarktung hingegen aufgrund der hohen Hygienestandards wesentlich schwieriger. Der Landwirt hofft darauf, dass die Milchpreise wieder anziehen – wann das geschehe, sei aber nicht abzusehen. Erst wenn der Einzelhandel die Preise für Milchprodukte wieder erhöhe, sei mit einem steigenden Milchpreis zu rechnen. Wer Landwirte vor Ort unterstützen möchte, soll, so Nägele, beim Einkaufen zu den regionalen Produkten greifen.
Was jetzt wichtig ist
Horst Wenk betont, dass es nun wichtig sei, die derzeit stattfindenden Preisschlachten des LEH, die schlussendlich auf dem Rücken der Milchbauern ausgetragen würden, zu stoppen. Der Bauernverband habe hier insbesondere die beiden Kontrahenten Aldi und Lidl nachdrücklich aufgefordert, das Preisdumping zu beenden. Grundsätzlich dürften jedoch nicht nur die sinkenden Preise gesehen werden, sondern auch die steigenden Kosten. Horst Wenk sieht hier die Politik in der Verantwortung: „Immer weitere Produktionsauflagen und Bürokratievorgaben führen zu einer Erhöhung der Produktionskosten und schwächen damit die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Milchviehbetriebe.“ Insbesondere seien die Kosten für den Stallbau stark gestiegen. Dazu würden die immer noch zu hohen Energiepreise kommen. Milchviehbetriebe könnten jedoch selbst handeln und der aktuellen Entwicklung durch die frühere Schlachtung von Altkühen entgegenwirken – um hierdurch die Milchproduktion zu verringern.
Gründe für die sinkenden Milchpreise
Die Milcherzeugung in Deutschland ist im Vergleich zum Vorjahr insbesondere in den vergangenen Wochen signifikant gestiegen, sagt Horst Wenk. Im Gegensatz dazu habe es im Vorjahr deutlich negative Effekte im Milchertrag infolge des Blauzungenvirus gegeben – eine Tierseuche, die von kleinen Mücken übertragen wird. Zudem hätten sich auch die geringen Hitzeperioden in diesem Sommer und das bessere Futterangebot für die Milchkühe positiv auf den Ertrag ausgewirkt. Eine Steigerung der Milchproduktion ist nach Wenks Worten jedoch nicht nur in Deutschland zu beobachten, sondern auch in wichtigen Erzeugerländern der EU sowie global.
„Die Milch ist fetthaltiger als im Vorjahr, sodass etwa für die Herstellung von Butter eine geringere Milchmenge benötigt wird“, so Horst Wenk.
Der Euro sei im Vergleich zum Dollar gestiegen, was das Exportgeschäft schwieriger gestaltet.
Die Nachfrage nach Käse sei aktuell im Ausland schwächer.

